So richtig deutlich wurde der Wandel, wie sollte es beim Thema Männer auch anders sein, durch James Bond. Der schien im Jahr 2008 plötzlich ganz anders. War der Geheimagent bislang immer in der Lage, die schönsten Frauen zu verführen, die steilsten Hänge hinunterzuspringen, ohne seinen Anzug zu zerknittern und aus jeder noch so aussichtslosen Lage unerschüttert wieder herauszukommen, mimte Daniel Craig in „Ein Quantum Trost“ plötzlich einen zerbrechlichen, einen an sich selbst zweifelnden, einen emotional angreifbaren Mann – und Martini trank er auch nicht mehr.

Dieser Bond war nur noch ein Schatten seiner selbst. Der starke, der smarte, der gefühlskalte Kerl wurde durch einen neuen Typus ersetzt, der tief traumatisiert und voller Selbstzweifel seltsam verloren in einer überkomplexen Welt zu stehen schien. James Bond war in einer Identitätskrise, in der die alten Männlichkeitsideale ihre Geltung verloren haben. Und wenn es schon 007 so geht, wie soll es dann erst dem realen Mann gehen?

Acht Jahre ist dieser Wandel nun her, der in der Popkultur eine ganze Reihe gebrochener Helden nach sich zog und zumindest auf der Leinwand eine neue Ära einleiten sollte. Er ging einher mit einer gesellschaftlichen Entwicklung: Die Frauenbewegung schien immer näher an ihr Ziel zu rücken, beflügelt von einer selbstbewussten Generation junger Frauen, für die Gleichberechtigung immer mehr zur Selbstverständlichkeit wurde. Dem Mann wurde an ihrer Seite die Rolle des einfühlsamen und doch zupackenden Partners auf Augenhöhe zugedacht. Doch wie sich langsam herausstellt, sind immer mehr Männer mit dieser Rolle nicht einverstanden.

Wie anders lässt es sich erklären, dass vor allem Männer immer stärker zu Gruppierungen tendieren, die diese Entwicklung der Moderne gerne wieder zurückdrehen wollen? Es waren vor allem Männer, die in Baden-Württemberg die AfD, in Österreich den rechtskonservativen Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer und in den Niederlanden Gert Wilders stark gemacht haben. Es sind hauptsächlich Männer, die bei den Pegida-Demonstrationen mitlaufen. Es sind die Männer, die in den USA Donald Trump unterstützen, während ihn siebzig Prozent der Frauen für unwählbar halten. Ihr Verhalten ist der stimmgewordene Wunsch, dass doch bitte wieder alles so werden möge, wie es früher war.

Etwa zur selben Zeit, in der „Ein Quantum Trost“ erschien, veröffentlichte das Berlin Institut eine Studie über die prekären Verhältnisse in Deutschlands Osten. Dort, wo die NPD besonders erfolgreich ist, würden ganze Landstriche massiv schrumpfen, vor allem gingen junge Frauen und ließen Dörfer voller junger, arbeitsloser Männer zurück. „Diese Personen haben die Werte der Leistungsgesellschaft durchaus verinnerlicht“, schrieben die Autoren der Studie. „Aber man lässt sie nichts leisten – oder sie erbringen die erforderte Leistung nicht. Mitunter spürt man eine deutliche Abgrenzung gegenüber Fremden.“

Diese Situation könne in Teilen der Männer eine Sehnsucht nach einer Aufwertung klassischer Männerrollen entstehen lassen. „Rechte Parteien stehen für ein solches, klassisches Rollenbild und die traditionelle Machtverteilung zwischen den Geschlechtern“, schrieben die Autoren weiter und befinden sich damit auf einer Linie mit vielen anderen Wissenschaftlern, die prekäre Verhältnisse als Wurzel des Erfolgs der Rechten sehen.

„Bei der bildungsfernen Hälfte, den Prekären, den schlecht integrierten, beobachten wir die Rohheit des ungebildeten Mannes. Des auf Krawall gebürsteten Naturmenschen, der in Feindbildern denkt und von inhumaner Macht angezogen wird“, sagte etwa der Wiener Soziologe Bernhard Heinzelmaier nach der Präsidentschaftswahl in Österreich. Nun ist es aber so, dass Baden-Württemberg, wo eine eh schon männerdominierte AfD von 18 Prozent der Männer gewählt wird und Tausende gegen sogenanntes Gender-Mainstreaming auf die Straße gingen, nicht Berlin und auch nicht Brandenburg ist. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, der Wohlstand groß, probieren wir es also mit einer anderen Erklärung.

Für die Rheingold Männerstudie wurden Männer von Psychologen nach ihrem Mannsein befragt. Ihr Fazit: Der Mann von heute steckt in einer Inszenierungskrise. Auf der einen Seite solle er der durchsetzungsstarke Bestimmer sein, auf der anderen Seite habe sich ein „postmodernes Klischeebild von einem ebenso pflegeleichten wie pflegefreudigen Frauenversteher herausgebildet.“ Im Alltag gelinge diese Inszenierung aber nicht. Gerade ältere Männer stecken irgendwo zwischen diesen beiden Polen fest. Und sie sind nicht glücklich mit dieser Situation.

Denn es ist ja auch nicht einfach. Auch im Südwesten hatte der Mann über Jahrhunderte die Rolle des Ernährers und Schaffers inne. So etwas prägt. Fragt man heute Jugendliche im Land, worauf es im Leben ankommt, dann sind es laut Jugendstudie die Punkte Erfolg, Geld und Leistung, die von Jungen noch immer weit mehr Zuspruch erfahren als von Mädchen. Inzwischen beanspruchen aber auch frühere Randgruppen diese Rolle und nehmen dem Mann damit das Alleinstellungsmerkmal. Auch in Brandenburg haben vor allem Männer, die noch in klassischen Männerberufen arbeiteten, rechts gewählt, weil sie es waren, die am meisten zu verlieren hatten. Und von denen gibt es auch im Südwesten viele.

Der Physiker Ralf Bönte beschreibt das so: „Der Mann fällt zunehmend aus der Zeit, die gekennzeichnet ist durch die Errungenschaften der Moderne.“ In seinem „notwendigen Manifest für den Mann“ beschreibt er, dass sich Frauen im Zuge der Emanzipation stetig neu erfunden haben, während der Mann, aus Faulheit, sich selbst infrage zu stellen, nie an seiner Rolle rüttelte. Dabei habe diese Rolle nicht nur Vorteile. Männer arbeiten zu viel, müssen verschlossen sein, sterben früher. Im Ergebnis ertrage der Mann von heute die Nachteile des alten Bildes und stehe gleichzeitig in der aktuellen Debatte ständig unter Beschuss. Männerforscher, und die gibt es wirklich, fordern deshalb eine stärkere Debatte darüber, wie auch der Mann von der Emanzipation profitieren kann.

James Bond hat aus seinem Loch recht schnell wieder herausgefunden. Mit seiner Vergangenheit konfrontiert brannte er im noch emotionaleren Nachfolgefilm „Skyfall“ das Haus seiner Eltern nieder und zerstörte dabei, wie das in Filmen halt so ist, auf einen Schlag allen Alt-Ballast. Einen Streifen später wirkte er blendend gelaunt.