Wann hat das bloß angefangen? War es mit der Flüchtlingskrise, mit dem Aufkommen der AfD, mit Pegida oder gar noch früher, mit Thilo Sarrazins kalkuliertem Tabubruch namens „Deutschland schafft sich ab“? Iris Mann überlegt lange, bevor sie antwortet. Nein, sagt sie dann, das greife alles zu kurz. Was wir heute erleben habe viel früher angefangen. Der Damm, der bislang dafür gesorgt hat, dass Ressentiments, Beleidigungen und Pöbeleien von öffentlichen Debatten ferngehalten werden, dieser Damm des demokratischen Anstands hat schon vor zehn, vielleicht fünfzehn Jahren erste Risse bekommen.

Iris Mann ist Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Soziales im Ulmer Rathaus – ein Job, der die eine oder andere Podiumsdiskussion mit sich bringt. Man versucht halt, nahe am Bürger zu sein. Doch diese Nähe bringt immer häufiger auch unangenehme Begegnungen mit sich. „Die Diskussion erreicht häufig eine Schärfe, die ich persönlich früher so nicht wahrgenommen habe und die ich auch nicht für angemessen halte“, sagt Mann. „Das äußert sich in Zuschriften, in Internet-Kommentaren und auf Veranstaltungen, an denen die Betroffenen nicht teilnehmen können.“ Beschimpfungen und Vorurteile sind Teil der Debatte geworden. Und das hat das Debattieren nicht gerade leichter gemacht.

„Man wird doch wohl noch sagen dürfen“ – sechs Jahre ist es her, dass die Bild-Zeitung diese Worte auf ihre Titelseite schrieb, da hatte der Damm bereits große Risse. Der Titel verwies auf eine Geschichte, in der es um Thilo Sarrazins Thesen ging, und in der ein Ende des „Sprechverbots“ gefordert wurde. Ein Sprechverbot, das es den Deutschen, verkürzt dargestellt, untersage, unangenehme Tatsachen über Ausländer zu verbreiten und stolz auf ihr Land zu sein. Der Satz wurde seither oft gebraucht, man traut sich wieder was in Deutschland. Ob es nun die teils rassistischen Thesen der AfD, ein frauenfeindlicher Mob, der sich auf Facebook über eine weibliche Fußballkommentatorin auslässt, oder die Twitter-Nachrichten von Erika Steinbach sind – die Überwindung des vermeintlichen Sprechverbots hat hierzulande dazu geführt, dass Thesen, die man früher nur am Stammtisch geäußert hätte, heute ein breites Publikum erreichen.

Was man sagen darf und was nicht, ist gesetzlich geregelt. Die freie Meinungsäußerung ist im Grundgesetz verankert und hört in der Regel erst dort auf, wo sie die Freiheit der anderen einschränkt – bei Beleidigungen, Verleumdungen oder Schmähkritik etwa. Daneben gibt es aber auch noch ein ungeschriebenes Gesetz, was gemeinhin als „Sittlichkeit“, von rechten Strömungen als „Political Correctness“ und in der Soziologie als „soziale Norm“ bezeichnet wird: Die gesellschaftliche Übereinkunft dessen, was sich gehört, und was nicht. Und während das Grundgesetz konstant bleibt, ist die gesellschaftliche Norm stets im Wandel.

„Wir befinden uns gerade in einer Übergangsphase“, sagt Joachim Knape, Professor für Rhetorik an der Universität Tübingen. Das Internet habe die Art, wie wir kommunizieren verändert, habe eine „schrankenlose Kommunikation“ möglich gemacht. Und dass man mehr sagen dürfe, sei prinzipiell auch positiv zu bewerten. „Es ist in einer Demokratie sehr wichtig, dass sich Menschen über alles, was das Leben betrifft, verständigen können“, sagt Knape. Was in dieser Übergangsphase jedoch fehlt, ist eine Debatte darüber, was am Ende des Übergangs steht. „Wenn man nicht diskutiert, wie weit man gehen kann, dann könnte sich ein neuer Stil etablieren. Ein Stil der Enthemmung.“

Denn das Problem an der Enthemmung ist, dass sie in der Regel einen Dialog verhindert. Im Internet beginnt man langsam darauf zu reagieren, beginnt Diskussionen zu moderieren und Pöbeleien auszusortieren.

So auch Gregor Hackmack. Er ist Mitbegründer der Internetplattform „Abgeordnetenwatch.de“, einer Seite, die sich dem Dialog zwischen Politikern und Bürgern verschrieben hat. Als Nutzer kann man hier eine Anfrage an einen Bundestagsabgeordneten schicken und der beantwortet die dann. Doch auch dieses Konzept ist zunehmend schwieriger geworden. „Vor allem der Ton bei Anfragen zum Thema Asyl und Migration hat sich seit Anfang 2015 spürbar verschärft“, sagt Hackmack, denn: „Parteien wie die AfD haben viel dazu beigetragen, dass rechtspopulistische Meinungen heute wieder salonfähig sind.“ Rund jede zehnte Anfrage habe man im Herbst als fremdenfeindlich, rassistisch oder diskriminierend aussortieren müssen, viele bewegen sich im Grenzbereich, die Differenzierung werde zunehmend schwieriger. Internet-Seiten, die auf eine solche Moderation verzichten, haben oft das Problem, dass die Pöbler all jene Nutzer vertreiben, die an einem tatsächlichen Austausch interessiert sind. Der Dialog kann nur aufrecht erhalten, wenn die Entgleisungen gelöscht werden.

In der realen Welt geht das mit dem Wegmoderieren leider nicht so leicht, erst recht nicht in den Bürgerdialogen der Stadt Ulm. „Für mich ist das eine Einschränkung“, sagt die Bürgermeisterin Iris Mann, „weil Beleidigungen selten zu konstruktiven Dialogen führen.“ Sie versuche dann die Diskussion mit Argumenten wieder auf eine sachliche Ebene zu führen, all jene zurückzuholen, die nicht bloß ihrer Wut freien Lauf lassen wollen. Es lohne sich immer, auf Menschen zuzugehen. Doch es bleibt ein Kampf gegen Windmühlen. Der harsche Ton ist kein Ulmer Problem. Er ist ein gesellschaftliches.

„Die veränderte Gesprächskultur ist Ausdruck der Dekadenz unserer Gesellschaft“, sagt Mann. Einer selbstzufriedenen Gesellschaft nämlich, die sich nicht mehr für das große Ganze, sondern vorrangig für den eigenen Vorgarten interessiert. „Zu größeren politischen Fragestellungen, zu sozialer Gerechtigkeit oder Zukunftsplänen, gibt es kaum noch Bewegungen. Erst wenn es konkret wird, wenn es um das ganz persönliche Erleben geht, werden die Menschen aktiv.“ Die Diskussion um saubere Energie interessiert viele halt erst, wenn ein Windrad in Sichtweite aufgestellt wird. Es sei diese Fokussierung auf das persönliche Glück, die viele Diskussionen ins Emotionale abgleiten lässt.

Der Politikwissenschaftler Nils Heisterhagen fasst das so zusammen: „Der politischen Debattenkultur in Deutschland geht es schlecht. Es fragt sich, ob es überhaupt noch eine Debatte mit Argumenten und Gründen gibt, oder ob sich alle gegenseitig nur ihr falsches Weltbild vorwerfen.“ Vielleicht ist es an der Zeit darüber zu reden, wie wir miteinander reden.

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Beleidigungen und Vorurteile bestimmen immer häufiger die öffentliche Debatte. Es braucht einen Diskurs, wie wir miteinander reden möchten.