Wahl Warum stimmen Deutsch-Türken für Erdogan?

Ein Stimmzettel wird im türkischen Generalkunsulat in Hürth in eine Urne geworfen.
Ein Stimmzettel wird im türkischen Generalkunsulat in Hürth in eine Urne geworfen. © Foto: Oliver Berg
Berlin / Stefan Kegel 25.06.2018
Zwei Drittel der Deutsch-Türken haben für Recep Tayyip Erdogan gestimmt, deutlich mehr als in der Türkei. Eine Spurensuche.

Sie schwenkten türkische Fahnen, sie hielten Porträts von Recep Tayyip Erdogan hoch: Viele Deutsch-Türken haben in der Nacht zum Montag den Sieg des türkischen Präsidenten und seiner Partei bei den Wahlen in der Türkei gefeiert. Die Zustimmungswerte lagen in Deutschland deutlich über jenen in der Türkei. Aus einem demokratischen Staat heraus stimmt die Mehrheit für einen Autokraten. Woran liegt das?

Erklärungsansätze gibt es viele. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland zum Beispiel führt es unter anderem auf die über Jahre rasante wirtschaftliche Entwicklung in ihrer ehemaligen Heimat zurück. „Für sie ist Erdogan derjenige, der Krankenhäuser, Autobahnen und Einkaufszentren gebaut hat“, sagt Gökay Sofuoglu.

In Deutschland leben rund drei Millionen türkischstämmige Menschen, von denen 1,4 Millionen wahlberechtigt sind. 49,7 Prozent von ihnen gingen zur Wahl. Von Ihnen wiederum stimmten rund zwei Drittel für Erdogan, also rund 470.000 Menschen, 246.000 hingegen für andere Kandidaten.

Die Euphorie in Teilen der deutsch-türkischen Gemeinschaft erklärt sich der Dortmunder Sozialforscher Ahmet Toprak unter anderem mit ihrer Herkunft. „Viele Erdogan-Anhänger sind Einwanderer aus Zentral-Anatolien, einem ländlich geprägten Gebiet, und ein großer Teil von ihnen sind fromme, sehr religiöse, wenig gebildete Menschen“, sagt er. In der laizistischen Türkei hätten sich diese Menschen 80 Jahre lang benachteiligt gefühlt. Und nun komme Erdogan, lockere das Kopftuchverbot und lasse Moscheen bauen. „Das kommt an.“

Diese Sicht vererbe sich auch an die nächste Generation, hat der Wissenschaftler beobachtet. Das Wahlverhalten habe wenig mit Integration zu tun. „Selbst in der dritten Generation gibt es Menschen, die sehr gut Deutsch sprechen, die integriert sind, eine Ausbildung gemacht oder studiert haben – und trotzdem wählen sie Erdogan, weil sie ideologisch von ihm überzeugt sind“, erklärt Toprak. „Sie sind einfach rechte Konservative, so wie es sie zahlreich auch unter Deutschen gibt.“ Was vielen Erdogan-Wählern fehle, sei eine seelische Zugehörigkeit zu Deutschland. „Aber eine emotionale Integration kann man nicht erzwingen“, konstatiert der Forscher.

Politiker verschiedener Parteien kritisierten das Wahlverhalten der Deutschtürken. Die linke Außenpolitikerin Heike Hänsel forderte eine deutliche Reaktion der deutschen Seite. „Die massive politische Einflussnahme Erdogans über religiöse Strukturen wie Ditib hat zum hohen Wahlergebnis der AKP in Deutschland beigetragen und darf nicht länger unterstützt und toleriert werden“, sagte sie. Sie forderte ein Ende der EU-Beitrittsverhandlungen mit dem Land. Mit der Wahl zum Präsidenten und Regierungschef in einer Person werde „der Demokratie in der Türkei der Todesstoß versetzt“.

Der ehemalige Grünen-Chef Cem Özdemir äußerte sich besorgt. Die jubelnden Deutsch-Türken hätten „nicht nur gefeiert, dass ihr Alleinherrscher jetzt noch stärker Alleinherrscher wird, sondern die haben natürlich damit auch ein bisschen eine Ablehnung zur liberalen Demokratie zum Ausdruck gebracht, ähnlich wie es die AfD tut“, erklärte er im Deutschlandfunk. „Das sollte uns beschäftigen.“

Außenminister Heiko Maas (SPD) verlangte von Erdogan ein Ende des Ausnahmezustands in der Türkei. Dies sei „der nächste Schritt“, um das Verhältnis zwischen der Türkei und Europa zu verbessern.

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