Leitartikel Igor Steinle zur Herausforderung Künstlicher Intelligenz Warum KI die kleinen Betriebe bedroht

Igor Steinle.
Igor Steinle. © Foto: Marc Hörger
Berlin / Igor Steinle 03.12.2018

Es ist das große Rätsel der Digitalisierung: Seit fast zwanzig Jahren krempelt das Internet das Arbeitsleben um. Nur: An der Produktivität der Unternehmen hat das bisher nichts verändert. Die stagniert bestenfalls. Das könnte sich mit der Einführung von Künstlicher Intelligenz (KI) ändern.

Genauso wie es gedauert hat, als nach der Nutzbarmachung der Elektrizität darauf aufbauende Erfindungen die Wirtschaft revolutionierten, könnte es nun erneut geschehen. KI wird als die große Innovation der Digitalisierung gehandelt. Vieles, was bisher Sach- oder Facharbeiter erledigt haben, könnten in Zukunft schlaue Algorithmen entweder ganz übernehmen oder Menschen bei ihrer Arbeit unterstützen. Anders ausgedrückt: Durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz können weniger Angestellte mehr Güter und Dienstleistungen schaffen.

Das weckt Ängste: Nahezu jeder hat sich wohl schon gefragt, ob die eigene Arbeit in Zukunft noch benötigt wird. Viele kommen zu einem negativen Urteil. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass es zu einer Massenarbeitslosigkeit kommen wird, mit deren Voraussage Untergangspropheten Millionen scheffeln. Nein, Arbeit wurde schon immer automatisiert. Und siehe da: Wir alle müssen noch immer schuften. So sagen auch seriöse Studien voraus, dass Millionen Arbeitsbilder verschwinden, noch mehr jedoch entstehen werden.

Ökonomen haben errechnet, dass die Einführung von KI sogar zu einer wahren Wohlstandsexplosion in Deutschland führen kann. Der Einfluss auf die Wertschöpfung soll hierzulande noch höher ausfallen als einst bei der Einführung der Dampfmaschine. Das gilt allerdings nur für die Betriebe, die die Technologie auch nutzen. Hier liegt die große Gefahr: Wer nicht mitzieht, verliert. Künstliche Intelligenz droht die bestehende digitale Spaltung in Deutschland noch weiter zu vertiefen.

Ihr Einsatz setzt nämlich voraus, dass Abläufe in Betrieben bereits digitalisiert sind. Während das bei großen Konzernen selbstverständlich ist, tun sich kleinere und mittlere Unternehmen oft noch schwer damit. Viele erheben keine Daten über Abrechnungen, Lieferketten oder in der Produktion. Nur mit solchen Daten jedoch kann KI ihre Arbeit machen. Der Staat ist an der schleppenden Modernisierung nicht ganz unschuldig. Zwar kann die Regierung niemanden zu Innovationen zwingen. Gerade auf dem Land jedoch fehlt noch immer vielerorts die zwingend dafür nötige Breitband-Infrastruktur. Schon heute ist das ein bitterer Nachteil. In Zukunft könnte sich das noch böser rächen.

Wenn nämlich nur große Konzerne und Mittelständler auf neue Technologien setzen, könnte der Siegeszug der Künstlichen Intelligenz ländliche Regionen an den Rand drängen. Es muss deswegen oberstes Politikziel sein, das zu verhindern. Die kürzlich in der KI-Strategie beschlossenen KI-Trainer und Kompetenzzentren sind da ein erster Schritt. Wird dieser jedoch genauso verstolpert wie der Breitbandausbau, wäre das ein Desaster für die gleichwertigen Lebensverhältnisse im Land.

leitartikel@swp.de

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