Hartmut Rosa Forscher: „Wir brauchen mehr Zeiten der Ruhe“

Jena / Elisabeth Zoll 30.12.2017
Unsere To-Do-Listen wachsen unaufhörlich. Doch glücklich macht uns anderes, sagt der Soziologe Hartmut Rosa.

Das Foto an der Wand mit Berggipfeln des Engadins verspricht Muße, doch Hartmut Rosa würdigt es an diesem Morgen keines Blickes. Zu viele Pflichten drängen sich an diesem Tag, sodass er den Termin für unser Interview ganz aus den Augen verloren hat. Schnell zupft er sein braunes Sacko zurecht und holt frischen Kaffee aus dem Automaten. Auf dem Tisch im überladenen Büro der Universität Jena warten Müsli-Riegel, Nervennahrung für einen getakteten Arbeitstag. „Die überbordenden Erwartungen …“ Rosa zuckt entschuldigend die Schultern. Schon sind wir bei unserem Thema.

Herr Professor Rosa, der Zeit zwischen den Jahren wird ein besonderer Zauber zugesprochen. Ist es tatsächlich eine stille Zeit oder wünschen wir uns das nur?

Hartmut Rosa: Es gibt hier tatsächlich eine Besonderheit. Alles, was Behörden im alten Jahr zu leisten haben, muss bis zum 24. Dezember erledigt sein. Viele Menschen nehmen ihre restlichen Urlaubstage, die Kinder haben keine Schule. Dadurch entstehen entlastete Tage. In dieser Zeit der Stille sind die Menschen aber nicht automatisch entspannt. Meistens nehmen sie sich viel zu viel vor.

Sie auch?

Nein. Zwischen Weihnachten und dem 2. Januar bin ich im Schwarzwald – und nur da. An diesen Tagen schalte ich nur im äußersten Notfall den Computer ein. Stattdessen nehme ich mir Zeit für Freunde, Familie und Besinnliches.

Was ist das Besondere an diesen stillen Tagen?

Die Begrenzung der Möglichkeiten, im Beruf und durch bewusste Entscheidungen auch in der Freizeit. Das beschert uns Freiraum und befreit von der üblichen Hektik. Wir nehmen diese stillen Tage anders wahr – körperlich, seelisch und sozial. Das gilt übrigens auch für Sonntage, die jenen Menschen, die nicht arbeiten müssen, Freiräume schenken. An Sonntagen kann, wenn man es zulässt, der Druck einer Optimierungsgesellschaft weichen, in der man ständig das Beste aus seiner Zeit machen soll.

Längst gibt es Rufe nach weiteren verkaufsoffenen Sonntagen, die meist gut frequentiert sind. Warum sehnen sich so viele Menschen nach Stille und halten sie dann doch nicht aus?

Wir wollen Zeit ständig optimieren, deshalb werden unsere To-Do-Listen  immer länger.

Nennen Sie ein Beispiel?

Ich hatte heute ein Seminar, gleich da­rauf dieses Interview, anschließend wollen Studenten und Doktoranden ihre Arbeiten besprechen, danach ist Fakultätssitzung mit wichtigen Entscheidungen, zu deren Vorbereitung hunderte Seiten verschickt worden sind. Dann bin ich mit der Aufforderung konfrontiert, zu publizieren und Drittmittel einzuwerben. Der Antrag liegt schon lange auf meinem Tisch. Das sind alles legitime Anforderungen, die aber – wenn ich noch die Erwartungen der Familie oder meine eigenen hinzuzähle – gar nicht mehr erfüllt werden können. Wir empfinden die Zeit nicht deshalb als knapp, weil wir ein rasendes Lebenstempo haben oder eine immer schnellere Technik. Sondern weil unsere To-Do-Listen explodieren, und zwar schneller als unser Zeitgewinn, den wir durch schnellere Technik generieren.  Zeitknappheit wird dadurch zu einem generalisierten Lebensgefühl.

Und diese  Optimierungslogik macht auch an Sonn- und Feiertagen keine Pause?

Nein, denn viele Menschen sehen sich dann gezwungen, beispielsweise die neu geschaffene Einkaufsmöglichkeit mit in ihre Alltagsoptimierung aufzunehmen. Hinzu kommt  die liberale Überzeugung der individuellen Selbstbestimmung. Menschen wollen selbst entscheiden, wann sie einkaufen oder tanzen gehen. Aber ich glaube, dass wir uns da kollektiv täuschen. Um wirklich Entlastung zu schaffen, brauchen wir institutionalisierte Zeiten der Ruhe. Alle Kulturen kennen so etwas, früher verlief die Trennung zwischen profan und sakral. Diese Einteilung hat besondere Zeiten geschaffen.

Aber sie sagt heute vielen Menschen nichts mehr …

Nein. Heute laufen wir Gefahr, alles einzuebnen. Dann unterscheidet sich der Montag nicht mehr vom Sonntag. Je mehr äußerliche Reize auf uns eindringen, je mehr stille Zeiten wir opfern, desto größer wird der Druck. Das ist eine der Ursachen dafür, dass so viele Menschen einen Burnout bekommen.

Wann begann die Zeit, knapp zu werden?

Es gab immer Phasen der Knappheit, wenn beispielsweise die Ernte eingebracht werden musste oder der Feind nahte. Aber als generalisiertes  Lebensgefühl taucht das Phänomen im 18. Jahrhundert mit dem  Kapitalismus auf. Heute können wir unsere Strukturen, unseren Sozialstaat nur erhalten durch permanentes Wachstum. Dieser Zwang hat sich verselbstständigt.

Mit welchen Folgen?

Wir müssen jedes Jahr Neues organisieren, auf die Beine stellen, mehr schaffen – das macht die Zeit knapp. Diese Logik, alles immer noch zu steigern, ist nicht auf die Wirtschaft beschränkt. Auch Wissenschaft und Kunst funktionieren so. Sich zu überbieten, ist eine Notwendigkeit. Parallel  dazu schreitet die Differenzierung, die Arbeitsteilung fort. Unaufhörlich wächst damit die Zahl legitimer Erwartungen an uns. Um sie zu erfüllen, bräuchten wir mehr als einen 24-Stunden-Tag. Wenn wir alles zusammenzählen, wissen wir, warum wir Zeitnot haben. In der Zeit zwischen den Jahren versuchen wir, diese Erwartungsflut auf Standby zu schalten. Die Vernachlässigung der To-Do-Liste nehmen viele als richtige Befreiung wahr.

Mit dem Smartphone ist der Zugriff auf den Einzelnen noch einmal gewachsen.

Ja, aber es gibt auch eine gegenläufige Entwicklung dazu: Berghütten ohne Wlan-Netz oder das Wandern auf dem Jakobsweg. Immer mehr Menschen nehmen sich Auszeiten, in denen sie nicht auf ­alles reagieren wollen und müssen. Sie schränken damit Möglichkeiten bewusst ein. Ich nenne das Weltreichweiten-Verkürzung.

Verlernen wir angesichts der Flut unendlicher Möglichkeiten, unsere Prioritäten zu setzen?

In diesem Punkt gebe ich dem Soziologen Niklas Luhmann Recht, der von einer schleichenden Umwertung der Werte spricht. Kindern sagen wir gerne: Mach’ zuerst das Wichtigste. Auf diese Weise gewinnen sie einen Sinn für
Prioritäten. Als Erwachsene machen wir aber meist das Dringlichste zuerst. Was keine Deadline hat, rückt tendenziell in den Hintergrund. Glücklich macht das nicht. Wir tun oft nicht das, was uns
guttut.

Wie lässt sich das erklären?

Wenn wir permanent dem Dringlichen den Vorzug vor dem Wichtigen geben, verlieren wir das, was uns glücklich macht aus den Augen: Familie, Freunde, Muße. Auf die Frage nach einem gutem Leben geben wir keine Antworten mehr. Wir reden zwar darüber, entscheiden aber nicht, was gutes Leben für uns ist. Gleichzeitig wollen wir genügend Ressourcen wie Geld und Gesundheit haben – für alle Fälle. Die naheliegende Frage ist doch: Wozu wollen wir gesund sein und lange leben? Weil wir die Antwort darauf verschieben, ist auch der Kampf um den Ruhestand so intensiv. Irgendwann wollen die Menschen ja mit dem guten Leben beginnen.

Was ist gutes Leben?

Das gute Leben erfahre ich häufig dort, wo mir etwas Unverhofftes begegnet, wo mich etwas tief berührt. Das kann ein Konzert sein, eine zufällige Begegnung, ein schönes Gespräch. Viele empfinden das als Momente großer Lebendigkeit. Wer verliebt ist, fragt nicht erst nach dem Sinn des Lebens. Er fühlt sich lebendig. Auch Religion kann solch ein Gefühl auslösen, die Natur oder die Kunst. Die große Sinnfrage wird oft dann aufgeworfen, wenn wir taub für diese Resonanz geworden sind.

Heißt das, es reicht auf das Leben zu reagieren, wie es gerade spielt?

Das ist mir zu passiv. Meine These ist: Leben gelingt da, wo wir auf Resonanz treffen. Das geschieht individuell auf unterschiedliche Weise. Wichtig sind gute Begegnungen und ein Gefühl der Selbstwirksamkeit. Menschen möchten sich einbringen, mitgestalten, kreativ sein. Gestört wird diese Erfahrung durch den Willen, etwas unter Kontrolle bringen zu wollen, Gespräche nur zu führen, weil sie einem Zweck dienen. Auch Angst, Zeitdruck und Verletzungserfahrungen verhindern Resonanz. Man erfährt das bei traumatisierten Menschen.

Lässt sich das Bedürfnis nach Resonanz auch auf die Politik übertragen?

Die Wahl von Donald Trump, die Brexit-Abstimmung, aber auch der Zuspruch für Rechtspopulisten sind Ausdruck von  Entfremdungsprozessen. Bürger haben das Gefühl, für die Politik unsichtbar zu sein. Dabei ist Demokratie das Versprechen, die Welt mitgestalten zu dürfen, und die meisten Politiker wissen das auch. Nicht wenige glauben aber, sie würden auf Resonanz stoßen, wenn sie sagen, was die Wähler hören wollen. Dabei sind sie nur das Echo. Resonanz meint etwas anderes. Politiker brauchen Ideen, mit denen sie gehört werden.  Gleichzeitig müssen sie  fähig sein, selbst zu hören, was die Wähler sagen. Die AfD ist die einzige Partei in Deutschland, die andere Stimmen gar nicht hören will. Denn sie ist überzeugt: Nur sie ist das Volk.

Gibt es das Missverständnis von Echo und Resonanz auch in der Wirtschaft?

Ja. Die großen Leistungen entstehen erstaunlicherweise nicht unbedingt bei den anpassungsfähigsten Menschen, die als Echo ihrer Vorgesetzten funktionieren. Oft gehen Fortschritte auf Menschen zurück, die hartnäckig und widerspenstig eine Idee verfolgen.  Arbeitgeber wissen häufig nicht, wer von ihren widerspenstigen Mitarbeitern das Genie ist und wer sich verweigert. Deshalb versuchen sie beispielsweise, mit Qualitätsmanagement und Benchmarks die Produktivität zu optimieren – und zielen damit auf Verfügbarkeit. Kreativität, Verbundenheit und Einsatzbereitschaft werden auf diese Weise sofort gekillt. Besonders augenfällig ist das in der Pflege und in Lehrberufen, aber nicht nur dort. Das führt dann zu hohen Burnout-Raten.

Was wünschen Sie sich fürs neue Jahr?

Genug äußere Zeit und innere Muße, um ein Buch über Unverfügbarkeit zu schreiben. Sie ist stark bedroht durch äußere Zwänge, aber eben auch, weil wir ruhige Zeiten nicht mehr schätzen.

Experte für die Turbogesellschaft

Hartmut Rosa (52) ist Politikwissenschaftler und Soziologe. Er lehrt an der Universität Jena und ist Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. In seinen Büchern setzt er sich mit unserer Wahrnehmung von Zeit, der Beschleunigung unseres Alltags und den damit einhergehenden Entfremdungsprozessen auseinander. Ein „Entschleunigungs-Guru“ ist der in Lörrach geborene Wissenschaftler dennoch nicht. Der Soziologe plädiert dafür, mehr über die richtige Geschwindigkeit nachzudenken, um so ein besseres Leben zu erreichen. Für seine Analysen zeichnet ihn die Erich-Fromm-Gesellschaft in Tübingen im Februar mit dem Erich-Fromm-Preis aus. eth

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