NS-Verbrechen Warum die USA einen 95-Jährigen nach Deutschland abschieben

Jakiv Palij wird aus seinem Haus in New York getragen. Jetzt lebt er in einem Heim bei Münster.
Jakiv Palij wird aus seinem Haus in New York getragen. Jetzt lebt er in einem Heim bei Münster. © Foto: ABC/dpa
New York/Berlin / Peter DeThier 22.08.2018

Über mehr als ein Jahrzehnt hatten die deutsche und amerikanische Regierung um den Fall des vermutlich letzten in den USA lebenden Nazi-Kriegsverbrechers gerungen. Nun wurde der 95-jährige Jakiv Palij nach Deutschland abgeschoben. Am Dienstag landete er mit einer Militärmaschine in Düsseldorf und wurde in ein Pflegeheim bei Münster gebracht.

In Deutschland war der Fall bisher wenig bekannt – in den USA war er ein Politikum. Der in dem Gebiet der heutigen Ukraine geborene Palij war 1941 im Zwangsarbeitslager Trawniki im besetzten Polen zum Aufseher ausgebildet worden. Acht Jahre später wanderte er in die USA aus, nahm 1957 die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Wie die Ermittlungen des berühmten Nazi-Verfolgers Eli Rosenbaum ergaben, der im Justizministerium für das Aufspüren von Kriegsverbrechern zuständig war, hatte Palij auf seinem Naturalisierungsantrag über seine Nazi-Vergangenheit gelogen.

An Massenerschießung beteiligt

2003 wurde Palij daraufhin die Staatsbürgerschaft entzogen, ein Jahr danach verfügte ein Gericht seine Ausweisung. Doch kein europäischer Staat war bereit, den Staatenlosen aufzunehmen. Palij behauptete, dass er wie andere junge Polen gezwungen worden sei, in Trawniki zu arbeiten. Anders sieht es das Weiße Haus, das eine Parallele zieht zu dem bekanntesten der „Trawniki-Männer“, John Demjanjuk, der 2011 in München verurteilt wurde. Palij sei an Gräueln in Trawniki beteiligt gewesen. So habe er gestanden, 1943 als Wärter in dem Lager gearbeitet zu haben. Dort starben  am 3. November desselben Jahres bei einer Massenerschießung 6000 Menschen. Das Weiße Haus beschrieb den Massenmord als „eines der größten Massaker während des Holocaust,“ Palij habe „eine unverzichtbare Rolle gespielt.“

Seit Jahren lebte er zurückgezogen in einem Reihenhaus in Jackson Heights im New Yorker Stadtteil Queens. Doch dort kam es immer wieder zu Demonstrationen gegen den vermutlich letzten von 68 Nazi-Verbrechern, die aus den USA abgeschoben wurden. Zuletzt verstärkte US-Justizminister Jeff Sessions daher die Bemühungen, ihn auszuweisen.

Palij war nie deutscher Staatsbürger, durfte aber  wegen einer Sonderregelung im Aufenthaltsgesetz nach Deutschland einreisen. Laut Auswärtigem Amt sei die Aufnahme Palijs „ein Zeichen der moralischen Verantwortung Deutschlands.“ Vor Gericht muss er wohl nicht. Ein Verfahren der Staatsanwaltschaft Würzburg wurde 2016  eingestellt. Sollten sich keine neuen Beweise ergeben, bleibe der 95-Jährige ein „nicht mehr Beschuldigter in einem Ermittlungsverfahren in Deutschland“, sagte Jens Rommel, Leitender Oberstaatsanwalt der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel