Umweltschutz Warum der Klimagipfel unter keinem guten Stern steht

Kattowitz / Igor Steinle 03.12.2018

Der Höhepunkt des Jahres liegt für Klimadiplomaten meist am Ende. Aus mehr als 190 Ländern reisen sie zur Weltklimakonferenz an, um über Klimaschutz und die Senkung von Treibhausemissionen zu verhandeln. Seit heute ist es wieder soweit: 20 000 Menschen strömen in die polnische Großstadt Kattowitz, um am jährlichen Klima-Rummel teilzunehmen. Unter ihnen Staatschefs, Nichtregierungsorganisationen, Wirtschaftsvertreter und viele, viele mehr: Sie alle werben zwei Wochen lang für ihre Interessen im Kampf um eine Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs.

Seit fast einem Vierteljahrhundert finden die Konferenzen regelmäßig statt. Gebracht hat das bisher wenig: Nachdem es in den vergangenen Jahren so aussah, als würden die globalen Treibhausemissionen stagnieren, sind sie mit fast 37 Milliarden Tonnen 2017 auf ein Rekordniveau  gestiegen. Das vor drei Jahren in Paris vereinbarte Ziel, den weltweiten Temperaturanstieg auf  höchstens zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, liegt in weiter Ferne. Stattdessen, so Experten, steuert die Welt auf drei Grad zu. Momentan liegt die Erderwärmung bei einem Grad.

„Zusehen, wie Rom brennt“

Was das bedeuten kann, konnte man in den vergangenen Monaten beobachten. Monatelange Dürre in Deutschland, Überschwemmungen in Italien, verheerende Waldbrände in Kalifornien. „Vor dieser Klimakonferenz denkt man an Nero, der Musik spielt, während er dabei zusieht, wie Rom brennt“, schildert Klimaexperte Andrew Steer vom World Resources Institute die Lage. Aufgabe der Klimadiplomaten ist es deswegen, dem Zwei-Grad-Ziel mit einem verbindlichen Regelwerk Leben einzuhauchen. So legte das Pariser Abkommen zwar Ziele und einen Fahrplan der Weltgemeinschaft im Kampf gegen die Erderwärmung fest. Viele Details der Umsetzung sind aber noch offen. „Jeder, der sich auskennt, weiß, dass das Kleingedruckte sehr entscheidend sein kann“, sagt Umweltministerin Svenja Schulze (SPD).

Eine Hauptkonfliktlinie bilden dabei Transparenzregeln und Berichtspflichten. Länder wie China und Saudi-Arabien sehen darin Eingriffe in ihre Souveränität und wehren sich. Je intransparenter das System jedoch ist, desto leichter fällt es, bei Emissionen zu schummeln. Ein Staat aber brauche die Gewissheit, „dass nicht nur er selbst, sondern auch seine Wettbewerber ambitionierten Klimaschutz betreiben“, fordert Schulze. Außerdem wollen die Diplomaten überprüfen, wie die Welt bei der Minderung der Treibhausgase vorankommt. Die Diskussion ist benannt nach der konsensorientierten Gesprächskultur der Fidschi-Inseln: Talanoa. Die Bestandsaufnahme in Kattowitz soll eine Grundlage für die Verschärfung nationaler Klimaziele bringen, die laut Paris bis 2020 vorgesehen ist.

Und selbstverständlich wird auch hart ums Geld gerungen. 100 Milliarden Dollar haben die Industriestaaten ärmeren Ländern für den Kampf gegen die Erderwärmung versprochen. Die Summe soll in den Jahren zwischen 2020 bis 2025 fließen, in spätestens zwei Jahren soll ein neues Finanzierungsziel festgelegt werden. In Kattowitz wird es um eine Konkretisierung der Zusagen gehen. Wer zahlt was? Wie viel davon fließt aus staatlichen Mitteln? Wie viel soll der Privatwirtschaft entlockt werden? Deutschland hat kurz vor dem Gipfel 1,5 Milliarden Euro für die kommenden vier Jahre zugesagt.

Ob der Gipfel ein Erfolg wird, steht dabei in den Sternen. Die USA haben sich von den Pariser Klimazielen verabschiedet, Brasilien steht auf der Kippe. Selbst Deutschland hinkt bei den Vorgaben zur CO2-Reduktion hinterher, dazu verzögert sich auch noch der Abschlussbericht der Kohlekommission, der den Weg aus der Braunkohle weisen soll. Experten sehen Deutschlands ­traditionelle Rolle als Vermittler geschwächt. „Das macht es schwierig, konstruktive Allianzen mit anderen Staaten zu schmieden, die es bisher oft mit Bravour geschmiedet hat“, sagt Christoph Bals, der Geschäftsführer der Umweltorganisation Germanwatch.

Das Gastland gilt als Bremser

Besonderes Augenmerk wird stattdessen auf Gastgeber Polen liegen. Das Land, das die Präsidentschaft des Gipfels innehat, trägt in der Regel maßgeblich zu Erfolg oder Misserfolg der Verhandlungen bei: Es legt Gesprächsformate fest, schlägt Kompromisse vor. Das Kohleland Polen gilt als Klimaschutz-Bremser in der Europäischen Union. Aber immerhin: „Anders als vor fünf Jahren, als sie eine Klimakonferenz in Warschau veranstalteten, halten sie diesmal wenigstens keinen Kohlegipfel davor ab“, sagt Sabine Minninger, Klimaexpertin von Brot für die Welt. Dafür aber befinden sich unter den Konferenzpartnern nun mehrere Kohleunternehmen.

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