Leitartikel André Bochow zur Zukunft in Afghanistan Warum der Frieden in Afghanistan moralischer Bankrott ist

André Bochow.
André Bochow. © Foto: Thomas Koehler/photothek.net
Berlin / André Bochow 14.02.2019

Eine Billion US-Dollar haben die USA für den Krieg in Afghanistan ausgegeben. Dafür, dass sie jetzt das Land an die Taliban übergeben? 2300 Soldaten hat die stärkste Militärmacht der Welt in dem 17-jährigen Krieg verloren. 54 Soldaten und drei Polizisten aus Deutschland ließen ihr Leben. Allein bis 2017 sollen 28 000 afghanische Zivilisten getötet worden sein.

„Am schlimmsten ist Afghanistan für die Afghanen“, hat der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger einmal gesagt. Es könnte sehr schlimm in den kommenden Jahren werden für die Menschen in dem Land, in dem sich nur sehr alte Menschen an Zeiten ohne Krieg erinnern. Denn die Verhandlungen der USA mit den Taliban werden vielleicht zur Errichtung eines islamischen Staatswesens führen, aber sicher nicht zu einem wirklichen Frieden. Nach den Erfahrungen mit den Taliban ist allenfalls Friedhofsruhe zu erwarten. Die Regierung in Kabul wird ignoriert. Das ist Verrat an einem Verbündeten. Und dass auch Russland mit den Gotteskriegern verhandelt, macht die Sache nicht besser, sondern nur noch komplizierter.

Die westliche Afghanistan-Interventionspolitik endet nun so, wie sie die gesamten 17 Jahre war – ohne Strategie. Nein, es wird keine verzweifelt an Hubschrauberkufen hängenden Menschen geben, wie weiland in Vietnam, aber der Abzug aus Afghanistan wird wieder eine Niederlage besiegeln. Dieses Mal wird es die Niederlage praktisch der gesamten westlichen Welt sein. Es ist nicht nur eine militärische, es ist auch eine moralische Bankrotterklärung. Denn die Bundesregierung kann nun so viel Rechte für Frauen, Minderheiten und Gegner der Taliban einfordern wie sie will, es wird niemanden geben, der die Rechte durchsetzen kann.

Dabei hat es an Warnungen nicht gefehlt. Wer es wissen wollte, wusste: Militärisch kann man in Afghanistan nicht gewinnen. Und wer dort nicht als Besatzungsmacht betrachtet werden will, darf nicht als solche auftreten. Aber genau das haben die Vereinigten Staaten von Amerika getan. Es ging ihnen immer nur um die eigene Sicherheit. Der Kampf gegen den Terrorismus wurde mit wenig Rücksicht auf die afghanische Zivilbevölkerung und mit gar keinem Plan für die Zukunft des Staates Afghanistans geführt.

Und so wie man den Irak nach einem unter falschen Vorwänden geführten Krieg sich selbst überließ, wird man auch Afghanistan sich selbst überlassen. Die Herrschaft der radikal-islamischen Taliban, die die USA seinerzeit selbst gegen die Russen aufrüsteten, hat die Regierung in Washington schon einmal nicht gestört.

Die Deutschen traben nun mit gesenkten Köpfen der Weltgeschichte hinterher. Sie hätten gerne Afghanistan gestaltet, aber es fehlten ihnen die Mittel und die Verbündeten. Erst wurden Brunnen gegraben, dann hat man sich in den Militärcamps verschanzt. Jetzt warnt die Bundesregierung vor einem übereilten Abzug aus dem Land am Hindukusch. Es wird schwer fallen, künftigen Generationen zu erklären, warum Deutschland diesen Krieg mitgemacht hat.

leitartikel@swp.de

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