Leitartikel Warum Alleinerziehende mehr Unterstützung brauchen

Tanja Wolter
Tanja Wolter © Foto: Könneke Volkmar
Ulm / Tanja Wolter 03.08.2018
Alleinerziehende leisten enormes – und werden noch immer zu wenig gestützt, meint unsere Redakteurin Tanja Wolter.

Kleine oder größere Beben gehören zum Leben. Jeder kennt Zeiten, in denen alles schiefgeht und man einfach nicht mehr weiter weiß. Doch was, wenn diese Phasen kein Ende finden? Wenn die Nadel des Seismographen nahezu täglich ausschlägt?

Für viele Alleinerziehende ist dies der Dauerzustand: Ob unerwartete Ausgaben, Probleme mit der Kinderbetreuung, Unterrichtsausfall, Grippewelle oder ausbleibender Unterhalt: Die Liste an Herausforderungen wird nie kürzer, ständig muss das Unmögliche möglich gemacht werden. Das alles passiert häufig an der Schwelle zur Armut, denn das Armutsrisiko von Alleinerziehenden ist – je nach Zahlenbasis – mindestens doppelt so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt. Entsprechend groß ist die Abhängigkeit von Sozialleistungen. Viele schaffen den Spagat zwischen Kindererziehung und Berufstätigkeit nicht.

Kinderlose Paare zahlen weniger Steuern

In immerhin jeder fünften Familie in Deutschland gibt es nur Mutter oder Vater. Seit den 90er Jahren wächst der Anteil der Ein-Eltern-Familien. Doch obwohl ihre Probleme schon lange diskutiert werden, verbessert sich ihre Lage viel zu langsam. Vor allem konservative Kreise tun sich immer noch schwer mit der Einsicht, dass diese Familien eine feste Größe in der Gesellschaft sind – und dass Solo-Eltern Enormes leisten. Der oft falsche Gedanke, sie seien selbst schuld, hätten versagt, wollten es ja so haben, hängt in vielen Köpfen fest. Aber selbst wenn die Entscheidung freiwillig fiel, ist das noch lange kein Grund für Benachteiligungen.  Dass ein kinderloses Ehepaar auch heute noch steuerlich besser wegkommen kann als eine alleinerziehende, arbeitende Mutter, zeugt von Ignoranz. Hier muss nachjustiert werden.

Zu grundsätzlichen Reformen ist die Politik bis heute nicht bereit. Stattdessen wird herumgedoktert. In der vergangenen Legislaturperiode hat immerhin die damalige Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) eine Lanze für die  Alleinerziehenden gebrochen: Seitdem erhalten auch Kinder über 12 Jahren den staatlichen Unterhaltsvorschuss, wenn der Unterhalt ausbleibt.  Dann ebbte der gute Wille aber auch schon wieder ab.

Kindergelderhöhung bringt nichts

Die neue Koalition hat zwar Milliardenentlastungen für Familien beschlossen, bei den Alleinerziehenden kommt davon aber oft gar nichts an. Höhere Steuerfreibeträge wirken sich erst ab einem bestimmten Einkommen aus. Und die Kindergelderhöhung bringt nichts, wenn im Gegenzug Hartz IV oder Unterhaltsvorschuss gekürzt werden. Auch das Baukindergeld gehört in die Kategorie schön – aber nur für die anderen. Ein Immobilienkauf ist für die meisten Alleinerziehenden völlig utopisch.

Es geht aber nicht nur um mehr Geld vom Staat und eine gerechtere Verteilung von Familienleistungen. Den meisten Alleinerziehenden wäre es sicher am liebsten, wenn sie es tatsächlich alleine schaffen. Das neue Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit kann dabei helfen. Doch nützt das nur, wenn es genügend Kitas mit flexiblen Öffnungszeiten gibt. Sonst müssen Alleinerziehende einmal mehr das Unmögliche möglich machen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel