Ausblick Warum 2018 das Jahr des Teams wird

Gemeinsam geht es besser
Gemeinsam geht es besser © Foto: Jörg Block
Berlin / swp 30.12.2017
Regierungsbildung, Fußball-WM, Olympia - während 2017 noch der Einzelkämpfer gefragt war, zählt 2018 Teamgeist.

Unsere Redakteure und Korrespondenten sind der Meinung: 2018 wird das Jahr des Teams. Warum genau, erklären sie an mehreren Beispielen.

Fußball: Weltmeisterlich

Anfang Juni, wenn Bundestrainer Joachim Löw sein Aufgebot für die Weltmeisterschaft nominiert hat, werden wieder Millionen vermeintlicher Fachleute diskutieren: Wer sind die besten Fußballer im Land? Warum nimmt er diesen Spieler mit nach Russland? Weshalb verzichtet er auf den anderen? Und wie muss die Mannschaft aussehen, die das Zeug hat, den WM-Titel zu verteidigen?

Den Erfolg versprechenden Mix aus Akteuren von sportlicher Qualität und natürlichem Ehrgeiz, von  positiver Energie und Teamgeist zu finden, ist zweifellos eine von Löws herausragenden Qualitäten. Selbstverständlich wird er auch in Russland einen Gute-Laune-Faktor wie zuletzt Lukas Podolski im Kader haben, einen routinierten Anführer wie Bastian Schweinsteiger und einen vermeintlich Namenlosen wie Shkodran Mustafi. Berufen wird nur, wer sein Ego zurückfährt und sich zu 100 Prozent auf den Erfolg der Gemeinschaft konzentriert.

Der Bundestrainer baut konsequent auf die Expertisen seiner Berater, ausgewiesene Kenner in ihrem Bereich auf dem Rasen und daneben, bevor er sich endgültig auf das Team von weltmeisterlicher Klasse festlegt. gra

Google: So geht’s richtig

Google wollte wissen, wie sich die kreativsten und effektivsten Teams zusammenstellen lassen. Sind es die mit den besten Experten? Jene, die  gendermäßig fifty-fifty gemischt sind? Die streng hierarchisch sortierten oder die legeren? Google ging dieses Thema an, wie Google das eben so macht: Unmengen Daten sammeln, Algorithmen darauf loslassen, Muster erkennen. Monate lang wurden 180 Google-Teams beobachtet. Ergebnis: null. Ob nun nur die hellsten Köpfe mitmachen oder sich die Leute am Wochenende zum Auto-Zertrümmern auf dem Schrottplatz treffen – es schien keine Rolle zu spielen. Mal waren solche Teams kreativ und mal eben nicht.

Googles Strategen änderten den Kurs. Sie googleten sehr viele Studien aus der Soziologie und Psychogie. Diese kamen zum Schluss: Es kommt auf die Regeln an. Soziologen haben herausgefunden, dass jene Gruppen am kreativsten sind, in denen jeder etwa die gleiche Redezeit hat, in denen jeder respektiert ist. Erfolgreiche Gruppen haben aber noch einen Grundsatz: Jeder achtet auf die Gefühle des anderen. Hätte man auch ohne Google drauf kommen können. ima

Individualisten: Ein Lob

Wenn eine Gesellschaft den Individualismus als solchen immer ungehemmter zelebriert, darf man sich über ein Jahr wie 2017, über diesen Siegeszug der Egomanen und Kameradenschweine wirklich nicht wundern. Donald Trump wurde vereidigt, Erika Steinbach verließ die CDU, Frauke Petry die AfD und Christian Lindner die Jamaika-Sondierungen. Der begnadete Selbstdarsteller Emmanuel Macron eroberte den Élysée-Palast, der begnadete Selbstdarsteller Sebastian Kurz das Wiener Kanzleramt und beide brachten ganz nebenbei das althergebrachte Mannschafts-, also Parteiengefüge ins Wanken.

Der Fehler liegt wie immer nicht im Individuum, sondern im System. Das Kameradenschwein, die eigensinnig denkende Person mit ungewöhnlichen Ideen und Haltungen ist unabdingbar für Innovation und Fortschritt. Wenn immer alle dasselbe wollen, verändert sich nix. Aber, wie der selbsternannte Individualisten-Guru für Unternehmen Heinz-Jürgen Althoff schrieb: „Diese Schätze lassen sich aber nur mit einem veränderten Führungsstil heben.“ Man müsse als Chef Individualisten auf Augenhöhe begegnen, müsse zu seinen eigenen Fehlern stehen, das Arbeitsumfeld öffnen und Differenzen zulassen. So wird auch aus vielen Eigenbrödlern irgendwann ein besonders kreatives Team.

Für die einsamen Wölfe des Jahres 2017 ist der Drops bereits gelutscht. Bei zwei Staatspräsidenten, einem Kanzler, einer ehemaligen Parteichefin und einem amtierenden Parteichef kann man mit einem veränderten Führungsstil nichts mehr ausrichten, dafür mangelt es schlicht an Vorgesetzten. Doch für die Macrons, Linders und Trumps von morgen ist es noch nicht zu spät. Wenn jeder im Jahr 2018 einmal im Monat ein Kameradenschwein umarmt, es kurz zurück in den Schoß der Gesellschaft holt, dann kann die Zukunft nur golden werden. tock

Politik: Freundschaften sind selten

Neulich hat Martin Schulz doch tatsächlich gesagt: „Wir verstehen uns als Team.“ Ein großes Wort, aber die SPD-Führung, von der die Rede war, ist seit vielen Jahren weit davon entfernt, so etwas wie eine Mannschaft zu sein, von einer verschworenen Gemeinschaft ganz zu schweigen. Dass auch die aktuelle Parteispitze eher aus Grüppchen und Einzelgängern besteht, liegt nicht in erster Linie am SPD-Vorsitzenden, der sich seit seiner überraschenden Wahl im März erkennbar bemüht hat, zu den Tugenden der Gründerväter zurückzukehren: „Weniger Basta, mehr Basis!“

Wie das jetzt gehen soll in den Sondierungen mit der Union, ist für viele Beobachter ein Rätsel. „Deshalb brauchen wir jetzt ein geschlossene Agieren, ein echtes Teamplay!“, sagt Stephan Weil, der niedersächsische Ministerpräsident. Martin Schulz, Andrea Nahles, Olaf Scholz – ein Team? Sigmar Gabriel – ein Mannschaftsspieler? Selten so gelacht.

Wie auch? Schon zu Zeiten der legendären Troika (Willy Brandt, Helmut Schmidt, Herbert Wehner) bildeten die sozialdemokratischen Alphatiere eine Zweckgemeinschaft mit begrenztem Teamspirit. Persönliche Animositäten und politische Intrigen gehörten zum Machtspiel, ebenso wie Eigensinn und Eifersucht.

Das gibt es natürlich in allen Parteien. Konrad Adenauer, der Ahnherr der Republik, war ein Meister kaltschnäuziger Bosheiten, wenn es darum ging, Partei­freunde auf Distanz zu halten. Helmut Kohl war ein Spielführer, der auf strikte Treue und Unterordnung setzte – Konkurrenten kriegten den Zorn des Pfälzers gnadenlos zu spüren. Ähnlich rigoros hat auch Angela Merkel dafür gesorgt, dass ehrgeizige Mitbewerber kaltgestellt wurden. Theaterpatriarch Claus Peymann meint: „Intrige ist das klassische Instrument der Politik, sie ist immer ein bisschen schmutzig.“ Teamgeist ist etwas für Sozialromantiker.

Die SPD-Männerfreunde Schulz und Gabriel – entzweit. CDU-Frontfrau Angela Merkel – „Mutti“ allein zu Haus. Die Harmonie-Inszenierung von Horst Seehofer und Markus Söder – pure CSU-Heuchelei. Die FDP? Eine One-Man-Show. Die Grünen? Zwei Parteivorsitzende, die in gegensätzliche Richtungen strampeln. Die Linkspartei? Wäre am erbitterten Streit der Führungsriege fast zerbrochen. Die AfD? Ein Intrigantenstadl hoch zwei. Freundschaft in der Politik ist noch seltener als im richtigen Leben. gha

Erdmännchen: Tierisch sozial

Aufopfernde Hingabe für die Gemeinschaft, freiwillige Arbeitsteilung, gelungene Kommunikation: Merken Sie was? Genau! Mensch kann damit unmöglich gemeint sein, jedenfalls nicht in der großen Masse. Die wahren Künstler des Mannschaftsspiels stehen zwar meistens auch auf zwei Beinen, haben aber ein Fell und wiegen im Schnitt nur 730 Gramm: Erdmännchen sind geradezu vorbildlich sozial!  Feindbeobachtung, Insektenjagd, Kuscheln, Krankenpflege, Babysitting, Hausarbeit – jeder macht seinen Job und kann sich voll und ganz auf den anderen verlassen.

Dass das Miteinander nicht immer friedlich ist, Erdmännchen sich etwa bei der Auswahl von Futterplätzen sogar streiten können wie die Kesselflicker – geschenkt! Denn am Ende der Interessenkonflikte kommt die beste Lösung für alle heraus. Widerspruch im Sinne der Gemeinschaft also. Was Mensch daraus lernen kann? Je unterschiedlicher einzelne Charaktere und Vorstellungen, desto besser das Team. Also einfach cool bleiben, wenn es knallt. Das ist hoch­effizient! two

Familie: Ein Heimspiel

Mein wichtigstes Team lebt mit mir zusammen in unserer Wohnung. Es besteht aus einer Teamleiterin, einem Mann für alle Fälle und zwei hoffnungsvollen Nachwuchskräften. Projekte wie der Kauf einer Jeans für unsere jüngere Tochter klappen gut. Die 15-Jährige organisiert und sichtet das Warenangebot. Ich zücke im richtigen Moment das Plastik.

Selbstverständlich haben wir regelmäßig Teambesprechungen. Die Teamleiterin gibt dann Anregungen, „Der Müll müsste rausgebracht werden“ zum Beispiel. Dafür sind wir sehr dankbar. Nur über den Zeitpunkt müsste man nochmal nachdenken. Um sieben Uhr morgens beschränken sich die Debattenbeiträge meist auf ein „Hmmm“ oder „Ich muss los“. Wichtig ist eine gute Rollenverteilung bei uns Trainern. Die Teamleiterin ist der Typ Löw mit klar erkennbarer Langfrist-Strategie. Ich bin eher Klinsmann, der Motivator. Zimmer aufräumen? „Das ist eine einmalige Chance. Von der ersten Sekunde an reingehen und loslegen. Du bist dabei, Geschichte zu schreiben.“ Manchmal hilft’s.

Bald wird die 18-Jährige nicht mehr dazugehören. Das Tochterunternehmen verlässt den Mutterkonzern. Das ist schade. Vielleicht gründet sie ja irgendwann ihr eigenes Team. mg

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