Vor einigen Monaten ist die Debatte über Armutsflüchtlinge mit Vehemenz entbrannt. Wie kommt das bei Ihnen an?
ROMANI ROSE: Natürlich darf man über Zuwanderung diskutieren. Was wir kritisieren ist, dass dies auf dem Rücken der Minderheit geschieht, als sei Armutsmigration nur ein Problem von Sinti und Roma. Das ist nicht richtig. Wir haben innerhalb der EU einen Armutsanteil von 24 Prozent. Da wandern viele Menschen aus.

Was bedeutet die Fokussierung auf Sinti und Roma?
ROSE: Das ist eine schädliche Diskussion. Im vergangenen Bundestagswahlkampf wollte man damit der rechtsgerichteten "Alternative für Deutschland" und der rechtsradikalen NPD Stimmen abnehmen. Die NPD hat sich davon nicht bremsen lassen und dazu noch mit dem Slogan geworben "Lieber Geld für die Oma als für Sinti und Roma". Damit hat sie die Ebene unserer rechtsstaatlichen Ordnung verlassen. Menschen, die Angehörige in Konzentrationslagern verloren haben, wollen das nicht mehr akzeptieren.

Was heißt das?
ROSE: Wir fordern, dass es im Wahlkampf Richtlinien gibt, die eine rassistische und diskriminierende Wahlkampfpropaganda verbietet. Da fehlt eine Rechtsgrundlage.

Finden Sie Mitstreiter für dieses Anliegen?
ROSE: Jüdische Landesverbände unterstützen uns, auch das Institut für Menschenrechte und die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. In dieser Woche werde ich ein Gespräch mit Bundesjustizminister Heiko Maas darüber führen. Demokratische Parteien dürfen nicht mit Populismus den Rechtsextremen die Munition dafür liefern, dass Minderheiten wieder verantwortlich gemacht werden für gesellschaftliche Krisen. Die Stigmatisierung unserer Minderheit hat bei uns Unruhe ausgelöst. Sie zeigt, wie leicht alte Klischees mobilisiert werden können. Ich kann den demokratischen Parteien nur raten, den Rechtsstaat zu verteidigen. Rechtsextreme haben ja nicht nur die Minderheit im Blick. Sie haben die Beseitigung des Rechtsstaates im Auge.

Wurden da in der Vergangenheit Fehler gemacht?
ROSE: Die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit hat sich immer nur darauf konzentriert: Sechs Millionen Juden wurden ermordet, 500 000 Sinti und Roma. Das greift zu kurz. Die Nazis haben die eigene Bevölkerung in den Abgrund gerissen und mit ihr Europa. Die Teilung Europas war eine Folge davon.

Welche Spuren hinterlässt die Debatte bei den in Deutschland lebenden Sinti und Roma?
ROSE: Es gibt immer noch alte Menschen, die die Ausgrenzung aus der Gesellschaft und den Massenmord erlebt haben. Bei ihnen löst das Angst aus. Wir Jüngere wissen, dass wir uns im Rechtsstaat wehren können. Die Demagogie der Rechten darf nicht unwidersprochen bleiben - auch nicht von den demokratischen Parteien. Ein Verbotsverfahren allein reicht nicht.

Welche Instinkte spricht die Diskussion an?
ROSE: Zum einen rassistische Instinkte. Es gibt immer noch Menschen, die glauben, andere seien weniger wert. Und dann das Gefühl der Unsicherheit. Das Zusammenwachsen Europas löst auch Ängste aus: Werde ich meinen Arbeitsplatz verlieren? Sinti und Roma hatten in der europäischen Geschichte immer eine Sündenbockfunktion. Die Klischees, die die Obrigkeit benutzt hat, wenn sie selbst nicht mehr weiter wusste, sitzen tief in der Gesellschaft. Ein Vorwurf gegen einen Einzelnen unserer Minderheit, der ethnisch, rassistisch oder abstammungsgemäß unterlegt ist, hat Auswirkungen auf das Zusammenleben unserer Minderheit in Deutschland. Das hat dazu geführt, dass immer nur ein kleiner Teil unserer Minderheit sichtbar wird: der, den man mit Vorwürfen überziehen kann. Der andere Teil, der als Arbeiter, Künstler oder Sportler in diesem Land lebt, bleibt unsichtbar. Er hat keine Chance, auf seine kulturelle Identität stolz zu sein.

Zur jüdischen Gemeinde hat sich eine brüchige Normalität eingestellt. In Bezug auf die Minderheit der Sinti und Roma lässt sich das nicht so einfach sagen. Warum kommt die Aufarbeitung unserer Geschichte da nur so mühsam voran?
ROSE: Die Vergangenheit ist wichtig, doch wir wollen raus aus der Opferrolle. Das Erbe, das wir angetreten haben, ist heute keine Frage der Schuld mehr. Es geht um Verantwortung für die Konsequenzen aus der Geschichte für das Zusammenleben und den Frieden in Europa.

Sind Sie zufrieden über das Maß an Respekt und Miteinander, das erreicht worden ist?
ROSE: Es gibt natürlich weiter Nachholbedarf, weil die Ideologie, die die Nazis über die Minderheit verbreitet haben, so stark ist - auch innerhalb der Verwaltungen. Denken Sie nur an die Morde des rechtsextremen NSU. Baden-württembergische Ermittler sagten nach dem Mord an der Polizistin Michèlle Kiesewetter in Heilbronn, dass die Täter aus dem "Zigeunermilieu" stammten - und zwar ohne Anhaltspunkte dafür zu haben. Damit hat man die ganze Minderheit in Verruf gebracht. Auf eine Entschuldigung warten wir noch heute.

70 000 Sinti und Roma leben kaum sichtbar in Deutschland. Ist die Unauffälligkeit ein Zeichen von Integration oder von Angst?
ROSE: Von Angst und der Sorge vor gesellschaftlicher Benachteiligung. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2006 haben 76 Prozent der befragten Sinti und Roma im Alltag schon einmal die Erfahrung der Diskriminierung gemacht - bei der Arbeitssuche, der Wohnungssuche. . . Gleichzeitig veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Allensbach, dass 64 Prozent der Bevölkerung Sinti und Roma als Nachbarn ablehnen, obwohl sie keinen kennen. Schnell wird uns pauschal Kindesraub, Organhandel, Pädophilie unterstellt. In der europäischen Geschichte war das immer die Grundlage für Pogrome. Die Minderheit kann sich dagegen nicht wehren. Deshalb taucht sie ab. Dabei wird verschwiegen, dass wir seit 600 bis 700 Jahren in diesem Land leben, genau den gleichen Patriotismus haben, für Deutschland im Ersten und eine Zeitlang noch im Zweiten Weltkrieg kämpften. Doch haben wir inzwischen auch einiges erreicht: Mit vielen Landesregierungen haben wir Verträge über den Schutz und die Förderung der Minderheit gemacht. Wir laufen also nicht geduckt im Land umher.

So geht die Zeit der Unsichtbarkeit zu Ende?
ROSE: Ich kann den Menschen die Angst nicht nehmen. Das Bekenntnis zur Minderheit ist frei. Was unsere Menschen im Nationalsozialismus erlitten haben, war ein Trauma, das auch spätere Generationen nicht überwinden können. Menschen, die zu diesem Land gestanden sind, wurden über Nacht rechtlos gemacht, nur weil sie eine andere Herkunft, eine andere Religion hatten. Diese Angst sitzt noch immer sehr tief.

Ein verzweifelter Hilferuf