Eine "Nacht des Schreckens" hatte die Sonntagszeitung "Proto Thema" ihren Lesern angekündigt, Griechenland drohe "unregierbar" zu werden. Die düstere Vorahnung sollte sich bewahrheiten. Gebannt verfolgten Millionen Griechen bis zum frühen Morgen vor den Fernsehern den Zusammenbruch ihrer politischen Ordnung. Die Mahnung des Staatspräsidenten Karolos Papoulias, man möge "mit klarem Kopf" zur Wahlurne gehen, hatte nichts bewirkt. Das Land im fünften Jahr der Rezession, 22 Prozent ohne Job, unter den Jugendlichen jeder zweite arbeitslos, die Renten gekürzt, die Einkommen allein im vergangenen Jahr um ein Viertel geschrumpft: Wer kann da kühlen Kopf bewahren? Jetzt stehen die Griechen vor den Trümmern ihres politischen Systems. Und in den Ruinen sprießt politisches Unkraut.

Einen Vorgeschmack dessen, was auf das Land zukommen könnte, bekamen Journalisten am Sonntagabend bei der Pressekonferenz der neofaschistischen Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte). Die Partei erreichte sieben Prozent und wird mit 21 Abgeordneten im neuen Parlament sitzen. "Aufstehen, der Führer kommt", dröhnte es aus den Lautsprechern, als Parteichef Nikos Michaloliakos den Saal betrat. Weil die Journalisten sich nicht von ihren Plätzen erhoben und den Hitlergruß verweigerten, den die Anhänger der Partei ihrem Führer entbieten, wurden sie von schwarzgekleideten Ordnern unsanft aus dem Saal befördert. Ohne Medien wollte Michaloliakos seinen Sieg aber auch nicht feiern - einige ausländische Journalisten durften bleiben.

Nichts ist wie es war in Griechenland - und keiner scheint zu wissen, was werden soll. In Athen bahnt sich ein politisches Chaos an. Am brutalsten traf die Wut der Wähler die Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok), die das Land vom Oktober 2009 bis zum November 2011 allein regierte. Sie verlor mehr als zwei Drittel ihrer Wähler, stürzte von 44 auf 13 Prozent. Nicht viel besser erging es der konservativen Nea Dimokratia (ND). Sie ging zwar als stärkste Partei aus der Wahl hervor, erhielt aber nur 19 Prozent.

Der Sieger des Wahlabends heißt Alexis Tsipras. Der erst 36-Jährige führt das "Bündnis der radikalen Linken" (Syriza), das seinen Stimmenanteil gegenüber 2009 mehr als vervierfachte und mit fast 17 Prozent zweitstärkste Partei wurde. Tsipras kommt aus der griechischen Studentenbewegung. Seine politischen Aussagen sind widersprüchlich: Einerseits möchte er an Griechenlands Mitgliedschaft in der Währungsunion und der EU festhalten, andererseits will er den Schuldendienst einseitig einstellen und die Verträge über die Hilfskredite aufkündigen. Tsipras kündigt Verstaatlichungen und Masseneinstellungen im Staatsdienst an. Wie sich das miteinander vereinbaren lässt, verrät er nicht. Aber das ist ein Dilemma, mit dem viele Griechen hadern: In Umfragen lehnen 80 Prozent den Sparkurs ab. Fast ebenso viele wollen den Euro behalten. Nach dieser Wahl ist es jedoch fraglicher denn je, ob Griechenland eine Zukunft in der Währungsunion hat.

Unterdessen erteilte Staatspräsident Papoulias dem konservativen Parteichef Antonis Samaras den Auftrag, die Möglichkeiten einer Regierungsbildung zu sondieren. Zusammen mit den Sozialisten, mit denen er bisher regiert hat, kommt er nur auf 149 der 300 Mandate. Samaras will sich um eine "Koalition der nationalen Rettung" bemühen. Rechnerisch ginge das, wenn er neben den Sozialisten die 33 Abgeordneten der Partei "Unabhängige Griechen" (AE) für eine Regierungsbeteiligung gewinnen könnte - aber politisch? Der AE-Chef Panos Kammenos ist ein abtrünniger ND-Politiker, der einen ultra-nationalistischen Kurs steuert. Er will die Banken verstaatlichen, dem Internationalen Währungsfonds den Stuhl vor die Tür setzen und Griechenlands Finanzproblem mit deutschen Reparationszahlungen für die Nazi-Besatzung im Zweiten Weltkrieg lösen.

Politisch käme als dritter Partner am ehesten die Partei "Demokratische Linke" mit 19 Sitzen in Frage. Ihr Chef Fotis Kouvelis ist ein Urgestein der nicht-kommunistischen griechischen Linken. Kouvelis gilt als integer und hat als Ex-Justizminister Regierungserfahrung. Auch ist er ein überzeugter Europäer und will am Euro festhalten. Er wünscht Korrekturen am Sparkurs, um die Lasten gerechter zu verteilen, stellt aber das Hilfspaket nicht in Frage. Seine Position ist nicht weit von der des ND-Chefs Samaras entfernt.

Drei Tage hat Samaras Zeit zu sondieren. Bleibt er erfolglos, geht der Auftrag an Alexis Tsipras als den Chef der zweitstärksten Partei. Er will sich um die Bildung einer Links-Koalition bemühen. Tsipras versuchte vor der Wahl, Aleka Papariga zu ködern, die Chefin der stalinistischen Kommunistischen Partei, die das Parlament abschaffen und die Diktatur des Proletariats ausrufen will: Tsipras bot ihr den Posten der Ministerpräsidentin an. Papariga lehnte ab. Sie will keine Regierung sondern eine Revolution.

Aber Tsipras lässt sich nicht entmutigen. Er setzt auf den Druck der Straße: Wenn es im Plenarsaal nicht für eine Mehrheit reicht, will er eine halbe Million Anhänger vor dem Parlament aufmarschieren lassen. "Dann werden wir ja sehen, ob wir das Vertrauensvotum gewinnen", frohlockt Tsipras.