Das Grauen nahm zunächst die Gestalt eines Plakats an. Am Sonntag, den 28. September 1941, hing es in Bäumen und an Zäunen von Kiew. „Alle Juden der Stadt Kiew und Umgebung müssen sich am Montag, dem 29. September 1941, um acht Uhr morgens an der Ecke Melnikowskaja und Dochturowskaja (neben dem Friedhof) einfinden“, stand da. Ausweise, Geld und Wertsachen seien mitzubringen, ebenso warme Kleidung und Unterwäsche. „Jeder Jude, der dieser Anordnung zuwiderhandelt und an anderem Ort angetroffen wird, wird erschossen.“

Das war der Auftakt zur größten einzelnen Mordaktion der Deutschen während ihres Vernichtungsfeldzugs gegen die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg.

Das Grauen hat eine Vorgeschichte, genauer zwei. Die erste entspringt dem Versuch von Historikern, das Unfassbare zu erklären. Bereits vor dem Massaker von Babi Jar war es während des Vormarschs der deutschen Armee nach Osten zu Gewaltexzessen gekommen. Im Kampf gegen den „jüdischen Bolschewismus“ fielen sämtliche Hemmungen. Anders als noch im Polenfeldzug arbeiteten die Wehrmacht und die vom „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler gebildeten Einsatzgruppen eng zusammen, um eroberte Territorien von vermeintlichen und tatsächlichen Partisanen sowie jüdischen Einwohnern zu „säubern“.

Der Auslöser, und damit die direkte Vorgeschichte von Babi Jar, waren mehrere Bomben, die in Kiew hochgingen und offenbar noch vor dem Abzug der sowjetischen Truppen dort platziert worden waren. Am 26. September 1941 trafen sich deswegen im „Zarenschlösschen“, dem Dienstsitz von Stadtkommandant Kurt Eberhard, Vertreter von Wehrmacht und SS, um „Vergeltungsmaßnahmen“ zu beraten. Unter diesem Vorwand setzten sie den Massenmord an den noch in der Stadt verbliebenen Juden, zumeist Frauen, Kinder und ältere Männer, in Gang. Der Aufforderung auf den Plakaten leisteten zahlreiche Menschen Folge – zur freudigen Überraschung ihrer Mörder: „Obwohl man zunächst nur mit einer Beteiligung von etwa 5000 bis 6000 Juden gerechnet hatte, fanden sich gut 30.000 Juden ein, die infolge einer überaus geschickten Organisation bis unmittelbar vor ihrer Exekution noch an ihre Umsiedlung glaubten“, heißt es in einer „Ereignismeldung“. Über die Melnikowskaja, eine breite Allee, traten die Todgeweihten, getrieben von lokalen Wachmannschaften, ihren Gang zur Hinrichtungsstätte an: zur „Weiberschlucht“ Babi Jar.

Wehrmachtssoldaten bewachten den Weg, in der Schlucht warteten die Einsatzkommandos. Sie zwangen die Menschen, sich auszuziehen. In Zehnergruppen wurden sie in die Schlucht geführt. Dort befanden sich drei Gruppen mit MPi-Schützen, wie Kurt Werner, Angehöriger des SS-Sonderkommandos 4A, nach dem Krieg in den Nürnberger Prozessen aussagte: „Mir ist heute noch in Erinnerung, in welches Entsetzen die Juden kamen, die oben am Grubenrand zum ersten Mal auf die Leichen in der Grube hinuntersehen konnten“, sagte er. „Ein Großteil ging gefasst in den Tod“, heißt es in einer anderen Quelle. „Man hatte bei manchen den Eindruck, dass sie sich zur Erschießung geradezu drängten.“

Einen Tag später waren 33.771 Menschen tot, verscharrt im Sand. Bis Mitte Oktober wurden mehr als 50.000 Menschen getötet, am Ende der deutschen Besatzungszeit waren es bis zu 200.000 Menschen. Erschossen wurden außer Juden auch Roma, Kriegsgefangene, psychisch Kranke, Partisanen und ukrainische Nationalisten.

Die Täter wollten das Massaker vertuschen. Pioniere der Wehrmacht sprengten erst die Ränder der Schlucht, um Spuren des Massengrabes zu verwischen.1943, als der Vormarsch der Roten Armee nicht mehr aufzuhalten war, wurde ein Sonderkommando aus KZ-Insassen nach Babi Jar geschickt, um Leichen zu „enterden“ und zu verbrennen.

Die meisten Mörder wurden für ihre Untaten nie belangt.