Es sind keine 300 Meter vom Weißen Saal im Neuen Schloss in Stuttgart bis zur Domkirche St. Eberhard, wo am 25. Oktober 1977, von 1000 schwerbewaffneten Polizisten bewacht, der Staatsakt für den von Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer stattfand - neben der Witwe saß der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt. Noch kurz vor ihrem Tod 2008 sagte Waltrude Schleyer: "Ich habe mich nie damit abgefunden, dass der Staat meinen Mann geopfert hat." Es hat etwas von später, aber noch rechtzeitiger Versöhnung, wenn heute im Weißen Saal der 94-jährige Sozialdemokrat den renommierten Schleyer-Preis erhält. Auch Hanns Eberhard Schleyer, der älteste der vier Söhne, ist Mitglied der Jury.

Die allermeisten der 400 Gäste werden sich an die dramatischen Ereignisse in jenem düsteren Deutschen Herbst erinnern. Damals, als der junge Jurist Hanns Eberhard Schleyer im Namen der Familie beim Bundesverfassungsgericht am 15. Oktober einen Eilantrag gegen die Bundesregierung und vier Bundesländer gestellt hatte. Elf RAF-Häftlinge (darunter sechs verurteilte Mörder) sollten sofort freigelassen werden, um das Leben von Hanns Martin Schleyer zu retten.

Den hatten Mitglieder der zweiten RAF-Generation schon am 5. September 1977 entführt, um die Häftlinge freizupressen. Schleyers Fahrer und drei Polizisten, die den nach den RAF-Morden an Siegfried Buback und Jürgen Ponto als hochgefährdet eingestuften Daimler-Benz-Manager im Begleitfahrzeug schützen sollten, wurden bei dem Überfall in Köln umgebracht.

Das Bundesverfassungsgericht aber lehnte ab: Der Schutz des Einzelnen, auf den der antragstellende Sohn den Staat verpflichtet sehen wollte, setze voraus, "dass die zuständigen staatlichen Organe in der Lage sind, auf die jeweiligen Umstände des Einzelfalls angemessen zu reagieren; schon dies schließt eine Festlegung auf ein bestimmtes Mittel aus."

Zwei Tage später wurde in Mogadischu die von Terroristen entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" von der GSG 9 erfolgreich befreit. Die drei RAF-Häftlinge Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe nahmen sich darauf in Stuttgart-Stammheim das Leben. Nach 44 Tagen Geiselhaft wurde Schleyer im elsässischen Mulhouse erschossen aufgefunden.

Helmut Schmidt hatte schon am Abend der Entführung im Fernsehen gesagt: "Der Staat muss darauf mit aller Härte reagieren." In einem Interview mit der "Zeit" 30 Jahre später erzählten er und seine Frau Loki, dass sie 1975 nach dem RAF-Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm, bei der zwei Botschaftsangehörige als Geiseln genommen und, weil der Staat unter Kanzler Schmidt hart blieb, erschossen wurden, eine Entscheidung zu den Akten gegeben hatten: "Falls Frau Schmidt oder Herr Schmidt gekidnappt werden sollten, soll der Staat nicht austauschen."

Die Selbstbehauptung des Rechtsstaats ist das eine, persönliche Schuld das andere. Helmut Schmidt hat daran nie einen Zweifel gelassen: "Ich bin verstrickt in Schuld gegenüber Schleyer, gegenüber Frau Schleyer und gegenüber den beiden Beamten in Stockholm, die umgebracht wurden."

Schon einmal, vor vier Jahren, stand das Gedenken an den Ermordeten ganz im Vordergrund einer Schleyer-Preis-Verleihung. Helmut Schmidts Nachfolger Helmut Kohl, der für seine Verdienste um die deutsche Einheit geehrt wurde, erinnerte sichtlich bewegt: "Ich habe einen Freund verloren. Diese Jahre des Terrors waren furchtbare Jahre, für die Familien und nächsten Angehörigen der Opfer, für viele Freunde, auch für viele Politiker." Der damalige Oppositionsführer hatte wie alle Mitglieder im Großen Krisenstab 1977 die unbeugsame Haltung gegenüber den Terroristen unterstützt.

Helmut Schmidt wird ausgezeichnet, weil er sich, wie die Schleyer-Stiftung erklärte, verdient gemacht hat, um die Festigung und Förderung des freiheitlichen Gemeinwesens. Da sein politischer Weggefährte und Freund, der einstige französische Staatspräsident Valéry Giscard dEstaing, die Laudatio auf ihn halten wird, wird nicht zuletzt das europapolitische Engagement Schmidts im Mittelpunkt stehen. Der Preisträger freilich hat dem Ort und Anlass entsprechend eine Rede zum Thema "Gewissensentscheidung im Konflikt" angekündigt.

Und, dass er, der berüchtigte Kettenraucher, seine Mentholzigaretten dieses Mal stecken lassen wird.