Gymnasien Von „Zentral-Abitur“ kann keine Rede sein

Von Ute Gallbronner 22.04.2017

Silas Kaatz und Florian Holley werden in den kommenden Wochen ihre Abiturprüfungen schreiben. Der eine in Baden-Württemberg, der andere in Bayern. Man sagt, das bayerische Abitur sei das schwerste überhaupt in Deutschland. Ein Gefühl, zu beweisen ist die Behauptung nicht. Die bayerischen Abiturienten im Grenzgebiet erzählen von früheren Mitschülern, die „über die Donau“ gegangen sind. Sitzenbleiber-Kandidaten, die sich nun prächtig schlagen. In Baden-Württemberg wiederum verweist man auf Berlin, Thüringen, Hessen. Die Abi-Aufgaben dort – ein Witz. Dazu kommt noch die Fluchtmöglichkeit im eigenen Land, nämlich in die beruflichen Gymnasien.

Es sind ähnliche Geschichten, die man zu hören bekommt. „Es ist nicht gerecht“, sagt Prof. Dr. Petra Stanat, Leiterin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Die Einrichtung wurde im Jahr 2004 von der Kultusministerkonferenz (KMK) gegründet, um den Pisa-Schock zu verdauen und die deutsche Bildung auf neue Beine zu stellen. Dazu gehört auch, dass das Abitur vergleichbar werden sollte. Nun bedienen sich in diesem Jahr alle Bundesländer aus einem gemeinsamen Aufgabenpool, der unter der Leitung der IQB-Experten zusammengestellt wurde. Was dies bedeutet, das wissen die wenigsten Schüler, Lehrer und Schulleiter. Und die Experten? Die streiten sich.

„Mit dem Abitur 2017 gehen wir einen weiteren Schritt in Richtung einer besseren Vergleichbarkeit“, sagt Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), turnusgemäß Vorsitzende der KMK. Hier versuchen sie den Bildungsföderalismus im Zaum zu halten, ohne dabei die Rechte der Länder zu beschneiden. Demnach betont Eisenmann gleich im nächsten Satz, dass es kein zentrales Abitur geben werde. „Ich denke, dass ein länderspezifisches Abitur besser ist als ein Zen­tralabitur.“ Es hört sich an wie die Quadratur des Kreises, die Petra Stanat und ihr Institut da vollbringen müssen.

Seit G8 geht jeder seinen eigenen Weg

„Das Abitur ist ja nicht nur die Prüfung am Ende“, sagt Silas Kaatz, der angehende Abiturient aus Baden-Württemberg. Wenn er am Dienstag mit seiner Deutsch-Klausur beginnt, stehen zwei Drittel seiner Note bereits fest durch die Leistungen in den Klassen elf und zwölf. Und das sei auch gut so, betont Stanat. Schließlich solle ein Abitur keine Momentaufnahme sein. Aber was bedeutet das für die Chancengleichheit?

Die war schon mal größer. Just im Jahr 2006, als die KMK auferlegte, eine „bessere Vergleichbarkeit im Abitur“ sicherzustellen, gingen die Wege auseinander. Hatte bis dahin noch jeder Schüler in jedem Land die Pflicht, zwei Leistungskurse zu wählen, deren Punktzahl verdoppelt in die Abiturnote eingerechnet wurde, suchte im Zuge der G8-Umsetzung jeder einen neuen Weg. Sachsen etwa blieb beim Leistungs- und Grundkurs-Modell. In Bayern und Baden-Württemberg werden Mathematik, Deutsch und eine Fremdsprache vierstündig für alle unterrichtet. Wie viel Gewicht welche Note hat, was eingebracht werden muss, kann, darf – eine Wissenschaft für sich und in jedem Bundesland eine andere. Dasselbe gilt für die Prüfung: Mathe, Deutsch und eine Fremdsprache müssen sein, wie viel davon schriftlich oder mündlich sein darf, ist verschieden. Den bayerischen Abiturienten informiert darüber eine 36-seitige Broschüre. Sie wird für jeden Jahrgang neu aufgelegt.

Für den Frankfurter Bildungsforscher Hans-Peter Klein handelt es sich beim KMK-Abitur um „eine Art Realsatire“. Er vertritt die Ansicht, dass dies nur ein „Feigenblatt“ sei, weil man unter dem Deckmantel der Einheitlichkeit vertuschen wolle, dass das Niveau sinke. Grund für Kleins Kritik ist vor allem die geringe Relevanz der Pool-Aufgaben. Derzeit gibt es Aufgaben in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch. Andere sollen folgen. Wie viele Aufgaben ein Land nutzt, ist nicht vorgeschrieben. Ob nur IQB-Aufgaben, veränderte IQB-Aufgaben oder reine Länderaufgaben zum Einsatz kommen – offen. Zudem können ja auch die Schüler noch wählen. Nicht einmal bei den Terminen konnten sich die Länder einigen. Immerhin: Bei den Matheprüfungen am 3. Mai fehlt nur Hessen. Für die bayerischen Schüler ist es die erste schriftliche Prüfung, für die Baden-Württemberger die letzte. Deutsch am 25. April schreiben 13 Länder, da sind auch die beruflichen Gymnasien mit am Start.

„Wir landen irgendwo bei einem gemeinsamen Zentralabitur, was zwei bis drei Prozent der gesamten Abiturnote ausmacht“, sagt Klein. Das könne nicht im Sinne des Erfinders sein. Zumal noch eine Kleinigkeit dazukommt: Nachdem aus einem Stuttgarter Gymnasium die Aufgaben für Mathe und Englisch geklaut worden sind, können die nicht mehr benutzt werden. Die Reaktion mehrerer Bundesländer: Sie nehmen stattdessen eigene Aufgaben.

Petra Stanat sieht dagegen einen wichtigen Schritt der Annäherung. Es gehe gar nicht darum, möglichst viele gleiche Aufgaben zu haben, sondern die „Bildungsstandards“ auf dasselbe Niveau zu bringen. Sie macht es an einem einfachen Beispiel deutlich: Früher hätten Schüler aus Baden-Württemberg unter der Arbeitsanleitung „Beschreibe“ oder „Analysiere“ etwas völlig anderes verstanden als etwa in Hamburg. „Der Pool hat eine normierende Wirkung auf länderspezifische Aufgaben“, erklärt die Professorin. Dass die Länder derzeit Aufgaben aus dem Pool noch nach „länderspezifischen Traditionen“ anpassen, etwa wenn es darum geht, wie lange der Abiturient für die Bearbeitung Zeit hat, solle „in absehbarer Zeit“ nicht mehr vorkommen.

Probeklausuren gehen häufig schief

Im Dezember sorgte eine Meldung aus Hamburg für Aufsehen. Eine Probeklausur in Mathematik war so schlecht ausgefallen, dass der Schnitt per kultusministerlichem Beschluss um eine Note gehoben wurde. Klar, die Hamburger, ist man versucht zu sagen. In Bayern hielt man sich mit Spott aber zurück. Aus gutem Grund. Denn Bayern gehört zu der Gruppe Bundesländer, die bereits seit 2014 länderübergreifend gemeinsame Aufgaben stellen. Die erste Probeklausur in Mathe war damals an vielen Schulen schwer in die Hose gegangen – und hatte ebenfalls die Politik beschäftigt.

Florian Holley und Silas Kaatz ist klar, dass am Ende das zählt, was auf dem Papier steht. „Klar reden wir darüber“, sagt Florian. Doch sie sind auch gestählt durch zwölfjährige Erfahrung im Zeichen des Pisa-Schocks, von Vergleichsarbeiten und Länderrankings, Auswirkungen von Bildungsstandards. Man sei gelassen geworden. Florian hat dazu seine eigene Meinung: „Auch wenn man den Mist zum Standard macht, bleibt es trotzdem Mist.“