China Vom Wanderarbeiter zum Millionär

Peking / Felix Lee 07.07.2018

Wu Cong wiegelt bescheiden ab. „Es waren die gesellschaftlichen Umstände“, sagt er. Er sei lediglich zur richtigen Zeit den richtigen Leuten begegnet. Als ein „Wunder“ will er seinen Aufstieg vom Wanderarbeiter zum Millionär wirklich nicht verstanden wissen. Leute wie ihn gebe es in China doch viele, sagt er. Und doch schwingt in seinen Worten auch Stolz mit. „Na ja, ein bisschen Fleiß und Geschäftssinn gehört dann doch dazu.“ Von „Qinlao“ spricht er – das chinesische Wort für „hart arbeitend“. Wie ein Wunder klingt seine Geschichte trotzdem.

Wu Cong ist mit Uhren reich geworden. Sehr reich. Anzumerken ist dies dem 43-Jährigen nicht. Er wirkt bescheiden – doch wer näher hinsieht, erkennt: die schlichten Lederschuhe sind mit glänzenden Schnallen bestückt. Seine Uhr ist mit Brillanten versehen. Und auch sein dunkles Hemd und die eng geschnittene Hose sind von einer teuren Modemarke.

China ist das Land des Umbruchs. Die Welle der Veränderungen des spektakulären Wirtschaftswachstums hat alle Winkel von Wirtschaft und Gesellschaft erfasst. Wus Geschichte ist eine des beispiellosen Aufschwungs. Er hat eine neue Oberschicht hervorgebracht, die in ihren Charakterzügen alles andere als dem Klischee entsprechen. Wu erzählt, dass er noch am Nachmittag vom Büro zu seinen Eltern geeilt sei, um ihnen zum Abendessen ein Gericht mit Reis zuzubereiten. Der Millionär könnte es sich leisten, jemanden damit zu beauftragen. Doch das möchte er nicht. „Sie mögen’s halt, wenn ich für sie koche.“

Heute besitzt er teure Immobilien

Es ist ein warmer Abend in Peking. Wu sitzt im elften Stock eines klimatisierten Edelrestaurants im Südwesten der chinesischen Hauptstadt. Für das Gespräch hat er ein Separé angemietet mit Extra-Sitzecke und eigenem Koch. Etablissements wie diese gibt es hier mittlerweile viele. Schließlich hat Peking vor zwei Jahren New York den Rang als Stadt mit den meisten Milliardären abgelaufen. Und Reiche mögen es diskret. Auf „Teppanyaki französischer Art“ hat sich dieses Restaurant spezialisiert. Der Koch ist die ganze Zeit dabei, doch er versteht es meisterhaft wegzuhören, während er mit seinen Werkzeugen auf der heißen Platte hantiert.

Zur Vorspeise gibt es Sashimi und rohen Seeigel, eine in Nordostasien besonders beliebte Spezialität. Dazu wird eine kräftig durchgezogene Rinderbrühe serviert. Auf einer heißen Edelstahlplatte brät der Koch zeitgleich die Gänseleberpastete kurz an und serviert sie in einer ausgehöhlten Eierschale. Anschließend gibt es Hummer, Abalone und Wagyu – japanisches Rindfleisch, das wegen seines hohen Fettgehalts besonders zart auf der Zunge liegt. „Sie sind wahrlich der beste hier“, lobt Wu den jungen Koch. Der bedankt sich höflich.

Wu ist Uhrenhändler. Er besitzt 34 Geschäfte im ganzen Land, neun weitere sollen in diesem und nächstem Jahr neu eröffnen. Zudem ist er Vizevorsitzender des chinesischen Uhrenverbands. Mit dieser Tätigkeit verdient er kein Geld, erhält dafür aber in der Branche jede Menge Anerkennung – und natürlich bessere Rahmenbedingungen fürs Uhrengeschäft in China.

Er besaß zwischenzeitlich einen Rolls Royce, zwei seiner drei Kinder gehen auf internationale Privatschulen, der jüngste ist noch im Kindergarten. Seine Tochter wird in Oxford studieren. Er hat seinen Eltern Wohnungen in Peking gekauft, seinen beiden Brüdern ebenfalls. Und in seiner ländlichen Heimat Qiaotou in der südchinesischen Provinz Fujian besitzt er ein Chalet mit 18 Schlafzimmern – „damit die ganze Familie zum chinesischen Neujahrsfest gemeinsam feiern kann.“

Dass er überhaupt drei Kinder hat, ist seinem Reichtum zu verdanken. Bis vor zwei Jahren galt in China die Einkindpolitik. Wer ein zweites oder gar ein drittes Kind zur Welt brachte, musste hohe Strafen zahlen. Die Strafen zahlte Wu. Er und seine zwei Brüder waren zu einer Zeit auf die Welt gekommen, als die Einkindpolitik noch nicht eingeführt war. Hätte sie damals schon gegolten, hätte er keine zwei Brüder. Seine Eltern hätten sich die Strafe nicht leisten können.

Sie waren arm. Wie die meisten Chinesen damals. Neunzig Prozent der Bevölkerung lebte in den siebziger Jahren auf dem Land und damit von wenig mehr, als sie selbst angebaut hatten. Als Wu 1975 zur Welt kam, ebbte die Kulturrevolution erst langsam ab. Sie brachte zehn Jahre bürgerkriegsähnliche Zustände und Chaos ins Riesenreich. Diktator Mao Tsetung hatte sie zum eigenen Machterhalt angezettelt. Er war noch am Leben, in Peking regierte seine Frau mit ihren Freunden in seinem Namen. Chinas Wirtschaft lag brach. Bauernfamilien wie die von Wu lebten von Süßkartoffeln und dem bisschen Gemüse, das sie auf den ihnen zugeteilten Parzellen angebaut hatten. „Reis war etwas ganz Besonderes.“

Dann kam die Öffnung unter dem großen Reformer Deng Xiaoping. Plötzlich war in dem orthodox kommunistisch geführtem Land auch die Privatwirtschaft möglich. Die Region um die Küstenstadt Wenzhou galt als besonders arm. Der Boden gab für die Landwirtschaft nur wenig her. Umso umtriebiger waren die Menschen in Handel und Handwerk, als das System ihnen das erlaubte. „Wir Wenzhou-Leute sind bekannt für unseren Geschäftssinn“, sagt Wu.

Nur wenige Jahre auf der Schule

Chinas Uhrenindustrie war damals planwirtschaftlich organisiert. In der einen Region stellten die Betriebe die Uhrwerke her, in der anderen Region die Armbänder. In und um Wenzhou entstanden vor allem viele Betriebe zur Verarbeitung von Rindleder. Wus Vater stieg in den Verkauf von Armbändern ein. Er packte 200 Kilo Armbänder in zwei große Säcke, setzte sich in den Zug und fuhr damit nach Peking. Heute dauert die Fahrt mit dem Hochgeschwindigkeitszug etwa acht Stunden. Wus Vater brauchte damals für dieselbe Strecke mehrere Tage.

In Peking stellte sich sein Vater an den Straßenrand und verkaufte die Armbänder, bis die Säcke leer waren. Dann machte er sich auf den Heimweg, um die nächste Fuhre nach Peking zu bringen.

Als Wu 14 Jahre alt war, begleitete er seinen Vater das erste Mal. Er half ihm in der Großstadt beim Verkauf. Wenn es die Temperaturen zuließen, übernachteten sie auf der Straße. „Mein Vater hatte es am schwersten“, sagt Wu. Der Verkauf war illegal. „Der Staat hat das durchaus verfolgt.“ Immer wieder wurden Straßenhändler wie sein Vater vertrieben.

Als Wu 17 wurde, ging er seinen eigenen Weg und verkaufte Armbänder in Shanghai. Das Geschäft lief schlecht. Denn inzwischen hatte sich China noch weiter geöffnet. Die Leute kauften nun fertig hergestellte Uhren aus dem Ausland. Wu, der in seiner Kindheit nur wenige Jahre auf der Schule war, schrieb sich mit seinen ersten Ersparnissen in eine Wirtschaftsschule ein. Dort lernte er Buchführung. Er wechselte die Branche und handelte mit Rohstoffen. Bald wickelte er routiniert Termingeschäfte ab. Mit 20 konnte er seine erste Wohnung in Shanghai kaufen, wenig später seinen ersten Audi.

„Diese erste Wohnung habe ich immer noch“, erzählt er. Das habe er sich zum Prinzip gemacht. Er behalte die Wohnungen, in denen er einmal wohnte. Er ist seit seinem ersten Immobilienkauf nicht mehr in finanzieller Notlage gewesen.

Blancpain, Breguet, IWC – diese edlen Marken würde es ohne Leute wie Wu in ihrer heutigen Form nicht mehr geben. Schweizer Luxusuhren hatten in den Achtziger- und zu Beginn der Neunzigerjahre ein Problem. In Europa und den USA leisteten sich allenfalls Superreiche eine Uhr für 20 000 Euro und aufwärts – und das vielleicht ein-, zweimal im Leben. Längst beherrschten die Japaner den Uhrenmarkt mit ihren günstigen Casios, Citzens und Seikos.

Doch mit Chinas wirtschaftlichem Aufstieg entstand eine wohlhabende Mittelschicht. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung machte sie nur einen kleinen Anteil aus. In absoluten Zahlen aber wuchs sie rasant. Und dieser Mittelschicht war es wichtig, ihren jungen Wohlstand für alle sichtbar zu machen. Schweizer Luxusuhren wurden in China zum Statussymbol. Und da teure Uhren auch bei nützlichen Geschäftsverbindungen und korrumpierbaren Beamten gut ankamen, kauften reiche Chinesen diese teuren Accessoires nicht nur für sich oder ihre Angehörigen, sondern auch zum „Aufbau besserer Beziehungen“. „Chinesische Konsumenten verlassen eine Luxusboutique gern mit vielen Tüten in der Hand“, sagt Wu und lächelt verschmitzt. Auf diesen Zug sprang er auf. Er erwarb die Lizenz für den Verkauf einer Reihe von namhaften Schweizer Luxusuhren. Und das Geschäft boomte.

Aus den ersten Geschäften sind drei Dutzend geworden, aus seinen ersten Immobilien ebenfalls eine ganze Reihe. Doch „Reichtum verpflichtet“, sagt Wu. Und so bleibt sein Vermögen keineswegs nur in der eigenen Tasche oder die seiner Familie. Für sein bis heute rückständiges Heimatdorf hat er vor ein paar Jahren eine Straße mitfinanziert, später eine Brücke, zuletzt eine Sportanlage.

Nein, an Wunder glaubt Wu nicht. Es ist eher wie ein Schweizer Uhrwerk: Wenn „Qinlao“, die gesellschaftlichen Umstände und gute Beziehungen ineinander greifen, dann kann man es im modernen China schaffen – den Weg vom Wanderarbeiter zum Millionär.

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