Arbeitswelt Vom Gift der Gier in der Fleischindustrie

Elisabeth Zoll 30.08.2018

Florian Kossen ist niemand, der sich in die Öffentlichkeit drängt. Dem Internisten im niedersächsischen Golden­stedt, im Landkreis Vechta, reicht es vollkommen, für seine Patienten da zu sein. Vechta ist der Hotspot der Fleischindustrie. Die verstreuten Höfe ruhen hier wie ziegelrote Farbflecken auf grünem Grund. Eine Landschaft gemacht für wortkarge Menschen. „Wenn wir uns sehen, brauchen wir nicht viele Worte“, sagt Peter Kossen, der Bruder. Wie der drei Jahre jüngere Florian trägt auch Peter schwarz-weiß meliertes Stoppelhaar. Der weiße Priesterkragen verweist auf seine Profession. Immer wieder stecken Peter und Florian Kossen die Köpfe zusammen. Sie wehren sich gegen die Ausbeutung osteuropäischer Werkarbeiter in den Großschlachtereien im Emsland und im Oldenburger Land.

 „Jetzt reicht’s.“ Florian Kossen weiß noch genau, wann bei ihm der Kragen geplatzt ist, und er nicht mehr schweigen wollte. In seiner Praxis wand sich ein rumänischer Werkarbeiter vor Schmerz. Der Mann hatte Verätzungen am ganzen Körper. Etwas gegen die Entzündungen wollte er, Tabletten gegen die Schmerzen. Aber eine Krankschreibung? „Auf keinen Fall.“ Ja nicht auffallen. Wer mit einem gelben Schein kommt, könne gehen. Und außerdem, so der Mann: Fast alle Kollegen der Reinigungskolonne hätten Verätzungen wie er.

 Die Arbeitsbedingungen in den Großschlachthöfen in Niedersachsen waren mehrfach Thema aufrüttelnder Berichte. Die Hähnchenmästerei Wiesenhof sitzt hier. Sie lässt täglich 420 000 Tiere schlachten. Und Tönnies, Europas größter Fleischereibetrieb. Er weist für das Jahr 2016 unvorstellbare 20,4 Millionen Schweineschlachtungen aus. Das braucht Arbeiter. Die meisten von ihnen kommen aus Osteuropa. „Die Menschen werden benutzt, verbraucht, verschlissen und entsorgt“, schimpft Florian Kossen.

Seit Jahren behandelt der Hausarzt Arbeiter, die ohne ausreichende Schutzanzüge unter Zeitdruck Schlachtereien reinigen müssen, verarztet gefährliche Schnittwunden, spricht mit Menschen, die vor Erschöpfung aschfahl als lebende Tote in seine Praxis kommen. „So etwas habe ich in meinen 20 Jahren ärztlicher Tätigkeit noch nie gesehen.“ Der 47-jährige Mediziner kann Dutzende gravierender Folgeerkrankungen aufzählen. Sein Eindruck: Es wird immer schlimmer.

Florian Kossens Bruder Peter, für einige Jahre in der herausgehobenen Position als offizieller Vertreter des Bischofs in Vechta, kämpft seit langem gegen die Ausbeutung der Leih- und Werkarbeiter. In scharfen Predigten und auf politischer Bühne redet der Pfarrer Kirchenmitgliedern, Politikern und Unternehmen ins Gewissen. „An den Lebensbedingungen der Menschen geändert hat sich nichts“, sagt der Geistliche. Verbesserungen seien nur kosmetischer Natur. Deshalb ziehen jetzt beide Brüder an einem Strang. Sie klagen Machenschaften einer Branche an, die in früheren Jahren der Region zu Wohlstand verholfen hat.

Peter Kossen fährt mit seinem weißen Golf über Land. Er erzählt von Bauern und von jenen, die abseits schmucker Fassaden ein Schattendasein führen. Das Leben der Werkarbeiter beschäftigt ihn auch in Lengerich, nahe Münster, wo der Geistliche seit eineinhalb Jahren in der Gemeindeseelsorge arbeitet. „Auf eigenen Wunsch“, wie er sagt. Aber vielleicht auch, weil er sich nicht selten von der Kirchenleitung im Stich gelassen fühlte. Dass er sich in Vechta mit Gewerkschaftern, dem Netzwerk bäuerliche Landwirtschaft und dem Kolpingwerk für Werkarbeiter einsetzte, stieß nicht überall auf Wohlgefallen. „Du stehst auf der falschen Seite“, wurde ihm vorgeworfen. Andere formulierten drastischer: „Vielleicht sollten Sie regelmäßig prüfen, ob alle Radschrauben angezogen sind.“  Auch ein gehäutetes Kaninchen wurde ihm eines Nachts vor die Tür gelegt. In Mafia-Kreisen eine unmissverständliche Drohung.

Niedersachsen ist eine Mästerhochburg. In Gehöften, die man hier Bauernschaft nennt, wurde früher fast überall Vieh gezüchtet. Heute gebe es viele „schlafende Betriebe“. Das Land ist verpachtet an die „Großen“. Ställe für mehrere tausend Schweine und Rinder sind in der Region keine Seltenheit. Die Masse zählt. Auch bei den Schlachtungen.

„Früher haben die Leute damit  ein gutes Auskommen verdient“, sagt Peter Kossen. Die Arbeit war hart, aber der Lohn stimmte. Er reichte für ein Häuschen und für einen Mercedes. Bis  1989. Da fiel der Eiserne Vorhang. Arbeiter aus Polen, Tschechien, später Rumänien und Bulgarien drängten auf den westeuropäischen Arbeitsmarkt. „Die waren bereit, für viel weniger Geld zu arbeiten.“ Und das registrierten Fleischfabrikanten in der Region. Familienbetriebe wie Tönnies explodierten nahezu. 1971 mit 20 Mitarbeitern angefangen, beschäftigte das Unternehmen nach eigenen Angaben im Jahr 2016 rund 15 000 Menschen. Wie viele davon Werks- und Leiharbeiter sind, ist ein Geheimnis. „80 Prozent“, schätzt Peter Kossen. Die Intransparenz sei Teil des Systems. Bis auf wenige Ausnahmen – Kossen nennt die Unternehmen Brand in Lohne, Schulte in Lastrup oder Böseler Goldschmaus in Garrel – haben sich fast alle Betriebe der Strategie Gewinn durch Ausbeutung unterworfen. Der Verband der Fleischwirtschaft verweist auf Anfrage auf einen Verhaltenskodex der Unternehmen und auf Selbstverpflichtungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Spinnennetzen gleich wurden im Alltag Geflechte aus Abhängigkeiten gewoben. Subunternehmen wurden engagiert. Sie garantieren bis heute einen nicht endenden Zustrom an Billig-Arbeitskräften. Lohnzusagen von 1000 und mehr Euro lassen in Rumänien oder Moldawien Augen leuchten. Doch für das Geld stehen die Arbeiter zwölf und mehr Stunden, sechs oder sieben Tage die Woche, in der Fabrik. Florian Kossen hat die Lohnabrechnung eines bulgarischen Werkvertrags-Arbeiters eines Großschlachthofes in Wildeshausen gesehen: 1200 Euro für 255 Arbeitsstunden. Macht einen Stundenlohn von 4,70 Euro. „Moderne Sklaverei“, nennt das sein Bruder.

Und oft bleibt nicht einmal das. Da werden Messer oder Schutzanzüge den Arbeitern vom Lohn abgezogen oder ein horrendes Geld für einen Schlafplatz in einer Massenunterkunft. Peter Kossen erzählt von einem Fall, der die Kirche berührte. Diese hatte ein altes Haus für 300 Euro an einen Interessenten vermietet. „Mehr war das Ding nicht wert.“ Bei einer Prüfung stellte sich heraus, dass dort bis zu 29 Polinnen untergebracht waren. Für 150 Euro pro Person und Monat. Kossen schüttelt den Kopf. „In der Region ist das Bewusstsein verloren gegangen, dass das unanständig ist.“

Das Gift „Gier“ hat sich über die Fleischindustrie hinaus verbreitet. Auch andere Branchen wollen inzwischen am Elend anderer verdienen. „Wenn man eine Schattenwelt zulässt, kommt schnell eine neue hinzu“, sagt Peter Kossen. Das System der Ausbeutung breite sich aus auf die Logistikbranche und die Metallindustrie. Um Nachtzuschläge einzusparen, würden auch dort Werkarbeiter aus Osteuropa engagiert. Ohne jegliches Unrechtsbewusstsein – und völlig legal.

Die Unternehmer, die sich in der Öffentlichkeit als Sponsoren feiern lassen, Clemens Tönnies auch als Aufsichtsratsmitglied von Schalke 04, hätten die Verantwortung für die Ausbeutung an Subunternehmer delegiert.

Um den deutschen Arbeitsmarkt zu schützen, hat die Bundesregierung nach der EU-Osterweiterung – 2004 und 2007 – eine Klausel durchgesetzt, wonach EU-Neubürger bis zu sieben Jahre auf eine freie Arbeitsplatzwahl in den EU-Mitgliedsstaaten verzichten. Für Dienstleistungen galt diese Einschränkung nicht. Und so konnten die neuen EU-Staaten deutschen Unternehmen Dienste anbieten – und zwar zu Konditionen der Herkunftsstaaten. Eigentlich ist die Entsendung von Arbeitnehmern auf zwei Jahre befristet. „Doch bevor rumänische oder bulgarische Arbeiter merken, dass sie Rechte haben, sind sie schon an eine andere Firma entliehen, die dem selben Subunternehmen gehört“, weiß Peter Kossen. Rechtlosigkeit wird so zum Dauerzustand.

Vergessene Kinder

Mit weitreichenden Folgen. Viele Werkarbeiter bleiben für eine lange Zeit oder auf Dauer in Deutschland. Nicht selten mit ihren Familien. Kraft, um Deutsch zu lernen oder sich mit Deutschland vertraut zu machen, lässt eine Zwölf-Stunden-Schicht im Schlachthof nicht. Und so wachsen hier Kinder auf, die ohne deutsche Sprachkenntnisse sind und nicht beschult werden können. Manchmal überfordert Kleinere sogar der Kindergartenalltag.  Von Erzieherinnen weiß Peter Kossen, dass manche Kinder nur schlafen wollen, weil sie von nächtlichen Streitereien der Erwachsenen in den beengten Behausungen, von der dort grassierenden Gewalt, Prostitution, dem Alkohol- und Drogenmissbrauch gezeichnet seien.  Auch wenn die Polizei in den betroffenen Landkreisen keine erhöhte Kriminalität registriert, sind die Zustände in den Unterkünften unhaltbar. Peter Kossen: „Die Kommunen haben diese Aufgabe noch gar nicht angenommen.“

Für das Brüderpaar ist klar: Es brauche einen Neuanlauf in der Politik, um die Branche zu zwingen, für die eigenen Leute Verantwortung zu übernehmen. Sie sollen sich nicht mehr  verstecken können hinter dubiosen Subunternehmen. Selbstverpflichtungen der Fleischindustrie blieben ohne Wirkung. Sie hätten nur den Sklavenantreibern Zeit verschafft, ihr menschenverachtendes Geschäft weiter zu betreiben, fassen Peter und Florian Kossen zusammen.

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