Jetzt also auch Rita. Rita Barberá war 24 Jahre lang Bürgermeisterin von Valencia, der drittgrößten Stadt Spaniens, bis sie im vergangenen Frühjahr abgewählt wurde. Weil sie irgendwo untergebracht werden musste, verschaffte ihre Partei, die konservative Volkspartei (PP), ihr einen Sitz im Senat, der zweiten Kammer des spanischen Parlaments - dem Elefantenfriedhof für Politiker, für die es sonst nichts mehr zu tun gibt.

Als Senatorin ist die 67-Jährige der gewöhnlichen Justiz entzogen, nur der Oberste Gerichtshof darf sich noch mit ihr befassen. Das hat ihr ein wenig Aufschub gewährt. Während die gesamte PP-Führung Valencias seit einigen Wochen von einem Untersuchungsrichter der Untreue, Geldwäsche und Verschleuderung öffentlicher Gelder verdächtigt wird, blieb Rita, wie sie alle Spanier nennen, bisher unbehelligt. Bis zum Dienstag. Da hat der Richter erste Schritte eingeleitet, damit demnächst auch gegen Rita Barberá ermittelt werden kann.

"Du bist die Beste, Rita", rief Mariano Rajoy einst auf einer dieser PP-Versammlungen, auf denen sich alle gegenseitig ihre Liebe erklären. Rajoy ist Spaniens amtierender Ministerpräsident und das würde er gerne auch bleiben. Doch vor zwei Monaten haben die Spanier ein neues Parlament gewählt, und die PP hat zwar 119 von 350 Mandaten gewonnen, aber eine eigene Mehrheit verfehlt. Nun versuchen die Parteien, eine neue Regierung auf die Beine zu stellen. König Felipe VI. hat den Sozialisten Pedro Sánchez als Kandidat für das Amt des Regierungschefs vorgeschlagen, doch es ist offen, wie der sich eine Mehrheit sichern will.

Fast alle verhandeln mit fast allen - nur nicht mit der PP. Rajoy sei "unanständig", sagte Sozialistenchef Sánchez seinem Gegenüber bei einem TV-Duell vor der Wahl ins Gesicht und brachte diesen damit sichtlich aus der Fassung. Was Sánchez dem Regierungschef vorhält, ist dessen mindestens mittelbare Verstrickung in eine solche Vielzahl von Korruptionsaffären, dass ihm in jeder "der spanischen vergleichbaren Demokratie" nur ein Ausweg bliebe: sein schnellstmöglicher Abschied aus der Politik.

In der Mittelmeerregion Valencia hat es die PP besonders bunt getrieben. Dort laufen mindestens 15 große Ermittlungsverfahren, in denen es immer um das gleiche geht: PP-Politiker nutzten ihren Einfluss bei öffentlichen Aufträgen, um sich und ihre Partei illegal auf Kosten der Steuerzahler zu bereichern.

Ob Schulen oder Straßen gebaut, Messen oder Papstbesuche organisiert wurden, immer hielt jemand die Hand auf. Am Ende kam so viel Schwarzgeld zusammen, dass man nicht mehr wusste, wie man es waschen sollte. Anlässlich der Kommunalwahlen vergangenes Jahr wurden die PP-Ratsleute in Valencia gebeten, der Partei bitte 1000 Euro zu spenden. Sie bekamen das Geld in Form von je zwei 500-Euro-Scheinen zurück. Fast alle machten mit, weswegen nun gegen sie ermittelt wird. "Wir sind zu weit gegangen", sagte Asunción Barberá, die Schwester der Bürgermeisterin, in einem von der Polizei mitgeschnittenen Gespräch.

Lange hat die Parteiführung in Madrid versucht - und sie versucht es noch -, die Korruption in Valencia und im Rest des Landes als bedauerliche Einzelfälle darzustellen. Am Montag bat Rajoy die versammelte PP-Führung, "ohne Hysterie" auf die Korruption zu reagieren. Und sein amtierender Innenminister Jorge Fernández Díaz wagte in einem Fernsehinterview, die Unabhängigkeit der Justiz in Frage zu stellen: Er finde es auffällig, dass zurzeit immer nur Verdachtsfälle aus der PP bekannt würden, während doch alle anderen auch zur Korruption neigten.

Was der Minister übersah: Keine Partei sonst wird wie die PP in Valencia von der Staatsanwaltschaft verdächtigt, eine "kriminelle Organisation" aufgebaut zu haben - von deren Machenschaften mutmaßlich auch die nationale PP profitierte.

Gegen die wird übrigens auch ermittelt: wegen der Zerstörung einer Festplatte, auf der der frühere Schatzmeister Luis Bárcenas Bewegungen seiner millionenschweren schwarzen Kasse verzeichnete. Aus dieser Kasse habe er auch Mariano Rajoy mit Extra-Salären bedacht, behauptet Bárcenas. Rajoy streitet das ab. Korruption in der PP? Er sitzt das aus. Bloß keine Hysterie.