Ulm Viele Unzufriedene mit dem Inklusionsgesetz

Ulm / ANDREAS BÖHME 27.02.2015
Was lange währt, wird endlich gut? Da hatten die Spruchbeutel noch nicht mit dem neuen Inklusionsgesetz gerechnet: Lange hat's ja gedauert! Ein Leitartikel von Andreas Böhme über die Inklusion.

Grün-Rot wartete damit fast bis zum Ende der Legislatur, und Schwarz-Gelb ließ gar seine ganze Regentschaft verstreichen, ohne groß tätig zu werden, von einigen Schulversuchen abgesehen. Dabei ist die Republik seit fast einem Jahrzehnt gehalten, die entsprechende UN-Konvention umzusetzen, aber erst jetzt werden im Südwesten erste Konturen sichtbar.

Geschadet hat die politische Untätigkeit indes nicht. Denn die Vereinten Nationen hatten ganz andere Weltregionen im Sinn, als sie 2006 behinderten Kindern den Zugang zur Schulbildung zu öffnen versuchten. Das hochentwickelte Fördersystem in Deutschland stand nicht im Fokus. Hier kann man sich nun leisten, über Fug und Unfug der pädagogisch-gesellschaftlichen Auswirkungen des gemeinsamen Lernens mit behinderten Kindern zu debattieren und abzuwägen, ob Kinder mit Defiziten nicht doch lieber gezielt Förderschulen besuchen und damit besser gerüstet sind, später selbstbestimmt ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Drei von vier Eltern denken so, deshalb traut sich die Landesregierung glücklicherweise auch nicht, vom bisherigen Förderschulsystem abzurücken. Billiger wäre es. Deshalb ist die Furcht groß, dass irgendwann doch der Rotstift siegt. Diesen Eltern gibt das neue Gesetz also keine Satisfaktion.

Der Minderheit der Inklusions-Befürworter allerdings auch nicht. Dieser Gruppe geht das neue Gesetz nicht weit genug. Zwar ist die Sonderschulpflicht abgeschafft, gibt es jetzt ein Wahlrecht zwischen Förder- und allgemeinbildender Schule. Aber weder darf man eine spezielle Schule herauspicken noch einen bestimmten Schultyp. Das letzte Wort haben nicht die Eltern, sondern die Schulverwaltung. Man darf auf die mit Sicherheit folgenden juristischen Streitereien gespannt sein. Die Regierung setzt auf Gruppenbildung und vermeidet dabei krampfhaft den Begriff der Schwerpunktschulen. Der Ansatz dahinter: Jedes Lehrerkollegium soll sich einfallen lassen, wie Behinderte in den Alltag integriert werden könnten. Die Schulpraxis schaut dann anders aus: Die Schulträger werden ihre finanziellen Mittel konzentrieren und nur an ausgewählten Schulen beispielsweise die baulich-technischen Voraussetzungen für Körperbehinderte schaffen. Also noch eine Wählergruppe, die unzufrieden bleibt.

Die Schulträger bekommen zwar Geld vom Land, das ausgegliederte Finanzierungsgesetz aber verfügt nur über eine dreijährige Haltbarkeit. Dann, hofft Stuttgart, zahle Berlin, dort wurde die Inklusion bestellt. Die Gemeinden wiederum machen das Land haftbar für Fahrdienste oder die Schulbegleiter, die die Lehrer bei der Integration gehandicapter Schüler entlasten müssen. Reicht das Geld aus Stuttgart nicht, droht auch hier juristischer Ärger, der Gemeindetag fuchtelt schon jetzt mit dem Staatsgerichtshof.

Bleiben die Lehrer, schon heute in den Grundschulen mit der zunehmenden Zahl verhaltensauffälliger Kinder schwer be- und häufig auch überlastet. Qualifizierte Sonderpädagogen, die als Zweitlehrer Pädagogen unterstützen, sind wie die Schulbegleiter knapp. Schon schlagen die Realschullehrer Alarm, gerade sie haben unter Grün-Rot die weitestgehende Öffnung zu größerer Heterogenität erfahren.

Deshalb ist fraglich, ob das Gesetz ein Fortschritt für die Teilhabe von Behinderten ist oder nicht doch nur der Sieg einiger Ideologen.

Nur der Sieg einiger Ideologen?

leitartikel@swp.de

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