Für ein koreanisches Hochzeitspaar hätte die Mittelmeerkreuzfahrt mit der Costa Concordia die schönste Reise ihres Lebens sein sollen. Die Flitterwochen verwandelten sich für Hye Jim Jeong (29) und seine gleichaltrige Braut Kieok Han in einen Alptraum: 30 Stunden verbrachten sie eingeschlossen in ihrer Kabine, nachdem das Kreuzfahrtschiff einen Felsen gerammt hatte.

Von Hubschraubern auf dem Wrack abgesetzte Spezialeinheiten mit Tauchern versuchten, jede der 1500 Kabinen des Kreuzfahrtschiffs zu überprüfen. Gestern morgen, am Ende der zweiten Nacht, hörten sie plötzlich Schreie der beiden Koreaner. Deren Kabinentür ließ sich nach dem Aufprall auf den Felsen "La Scole" nahe der Insel Giglio vor der toskanischen Küste nicht mehr öffnen. Die Retter befreiten das verschreckte und zugleich dankbare Paar und brachten es zunächst in ein nahe gelegenes Krankenhaus.

Auch ein italienisches Besatzungsmitglied fanden die Retter einige Stunden später. Marrico Giampietroni hatte mehr als 36 Stunden nach dem Unglück aus der Tiefe des gefluteten Schiffsrumpfs verzweifelt um Hilfe gerufen. Danach meldeten sich vier japanische Passagiere, die sich bereits auf dem Rückweg nach Rom befanden. Zwei Menschen konnten nur tot geborgen werden. Die Zahl der Vermissten lag am Abend bei 32. Italienische Behörden sprachen hingegen von 17. Die Hoffnung, Überlebende zu finden, sank von Stunde zu Stunde.

Zu früh aufgeben wollen die Retter dennoch nicht. "Der Einsatz im überfluteten Teil des Schiffs hat erst begonnen", sagte der Armeetaucher Daniele gestern. "Das wird noch lange dauern." Sein Team sei darauf spezialisiert, Menschen aus U-Booten und Wracks zu bergen. Nach den Erläuterungen zur Konstruktion der "Costa Concordia" müsse es "im Prinzip" möglich sein, jede einzelne Kabine hydraulisch zu verschließen und zu öffnen, damit das Wasser sich im Schiff nicht weiter ausbreitet. Aller Erfahrung nach gebe es in dem riesigen Schiffsbauch Luftblasen. Die Küstenwache befürchtet, dass das Wrack tiefer ins Meer rutschen könnte.

Am Freitagabend um 21.30 Uhr war die Costa Concordia auf den Felsen gelaufen, der den Rumpf aufschlitzte. An Bord nahmen die mehr als 3000 Touristen das Begrüßungsdinner ein. Meerwasser strömte bereits in den 120 000-Tonnen-Luxusliner, als Kapitän Francesco Schettino in sechs Sprachen mitteilte: "Keine Panik". Erst 45 Minuten später ertönte das Signal zum Evakuieren des Kreuzfahrtschiffes. "Sie sagten uns noch, wir sollten sitzenbleiben, als das Schiff schon zu sinken begann", erinnert sich der 74-jährige Franzose Joel Pavageau.

Als sich der Luxusliner zur Seite neigte, brach jedenfalls Panik aus. An Bord waren Touristen von 60 verschiedenen Nationalitäten, auch zahlreiche Senioren und 52 Kinder unter sechs Jahren. Zwei Touristen aus Frankreich und ein peruanisches Besatzungsmitglied kamen in der Panik ums Leben, 150 Menschen sprangen ins eiskalte Wasser.

Seine Leute hätten rund hundert Passagiere aus dem Wasser vor der Insel Giglio gefischt und rund 60 aus dem allmählich volllaufenden Wrack herausgeholt, bilanzierte Feuerwehr-Einsatzleiter Ennio Aquilino gestern. Die Überlebenden berichten, dass die Passagiere sich im ersten Tumult um die wenigen Plätze auf den Rettungsbooten schlugen. Kinder kreischten, Senioren in feiner Abendgarderobe sprangen in die Fluten.

Nach ersten Ermittlungen warf die italienische Staatsanwaltschaft Kapitän Francesco Schettino massives Fehlverhalten vor. Der Kurs des Luxusliners sei eindeutig "nicht richtig" gewesen, sagte Staatsanwalt Francesco Verusio. Der Kapitän habe sich selbst auf der Brücke befunden und sei voll verantwortlich für die Navigation. Schettino habe das Schiff zudem lange vor Abschluss der Evakuierungsaktion verlassen. Außer Schettino wurde der erste Offizier des Schiffes, Ciro Ambrosio, festgenommen.

Unter den 800 Bewohnern der Insel Giglio, die den Verunglückten in jeder Form behilflich waren, bestand wenig Verständnis für den Kapitän. Jeder hier kennt den tückischen Felsen "Scole", der nur 300 Meter vor der Insel liegt. Dass Kapitän Schettino erklärte, auf seiner Karte sei keine Gefahr zu erkennen gewesen, halten die Inselbewohner für wenig glaubwürdig. Ob er die Insulaner mit einem voll beleuchteten Schiff grüßen wollte, ist unklar.

Die deutsche Costa-Vertretung teilte gestern mit, dass alle 566 deutschen Reisenden gerettet wurden. Sie seien nach Deutschland zurückgekehrt oder befänden sich auf der Rückreise, betonte Costa-Sprecher Werner Claasen.

Das Auswärtigen Amt erklärte, zehn deutsche Verletzte seien nach dem Unglück in italienischen Kliniken behandelt worden.

Insgesamt befanden sich an Bord des Schiffes rund 4200 Menschen. Es gab drei Tote und mindestens 42 Verletzte. Die deutschen Passagiere zählten überwiegend zur Altersgruppe der 45- bis 65-Jährigen, sagte Claasen. Sie hatten eine einwöchige Kreuzfahrt durch das westliche Mittelmeer gebucht und befanden sich zum Unglückszeitpunkt erst einen Tag an Bord.