Gesundheit Verunreinigte Medikamente gefährden Patienten

Berlin / Hajo Zenker 30.07.2018

In der Arzneimittelversorgung häufen sich die Probleme. „Das reicht von Lieferengpässen über das Einschleusen illegaler Ware bis hin zur Verunreinigung eines weit verbreiteten blutdrucksenkenden Mittels. Das bereitet uns große Sorgen.“ Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), fürchtet um das Vertrauen der Patienten. Das hat sehr gelitten, weil sich Tausende seit dem Rückruf von Tabletten mit dem Wirkstoff Valsartan fragen: Sind Blutdrucksenker zugleich Krebserreger?

Das Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker (ZL) hat Stichproben der Mittel analysiert, die seit Anfang Juli aus dem Verkehr gezogen wurden. Und fand den Stoff N-Nitrosodimethylamin (NDMA). Der ist in der Produktion bei Zhejiang Huahai in China entstanden, die seit sechs Jahren läuft. Aufgefallen ist das erst jetzt. Zunächst war von „Verunreinigungen“ in der Produktion die Rede. Schon das reichte für den Rückruf. Nun ist klar: NDMA steckt in der fertigen Tablette. Bei Tieren hat NDMA zweifelsfrei Krebs ausgelöst. WHO und EU stufen die Substanz als potenziell krebserregend beim Menschen ein. Das ZL hat pro Tablette zwischen 3,7 und 22,0 Mikrogramm NDMA gefunden. Einen Grenzwert gibt es nicht. Nur Vergleichswerte – wer etwa 20 Zigaretten raucht, nimmt je nach Sorte 17 bis 85 Mikrogramm auf. 

900.000 Patienten betroffen

Das ZL spricht von einer „für alle Seiten unbefriedigenden Situation“. Valsartan ist nicht irgendein Mittel. Laut Bundesgesundheitsministerium wurden 2017 neun Millionen Packungen verordnet. 40 Prozent stammen von 17 Herstellern, die Ware zurückrufen mussten. Etwa 900 000 Patienten sind betroffen. Und die, fürchtet die ABDA, können nicht alle einwandfreie Valsartan-Mittel, deren Wirkstoff aus Indien kommt, bekommen. Es fehle an Kapazität. Noch vor zehn Jahren, klagt Schmidt, sei das anders gewesen. Doch der Preisdruck der Kassen habe „fast schon eine Monopolsituation“ hervorgebracht. Das führe immer wieder zu Lieferengpässen.

Rabattverträge der Krankenkassen

Laut Unternehmensberatung Roland Berger kommen bei Antibiotika mehr als 80 Prozent der Wirkstoffe von außerhalb der EU, zumeist aus China und Indien. Teilweise gebe es nur zwei oder drei Produzenten. Grund dafür sei der Preiskampf. So schreiben die Kassen Rabattverträge aus. Dabei sagen Pharmahersteller einen satten Rabatt auf den offiziellen Apothekenpreis zu. Dafür nutzt die Kasse für ihre Versicherten nur das Präparat dieser Anbieter. Der niedrigste Preis gewinnt. 2017 haben laut Lobbyverband Pro Generika die Kassen so 3,4 Milliarden Euro Nachlass erhalten. Sie zahlten den Herstellern nur sechs Cent pro Tagesration eines Generikums. Generika sind Nachahmerpräparate, die nach Patentablauf billiger als das Original angeboten werden. Sieben von zehn verschriebenen Medikamenten sind Generika.

Für Christopher Hermann, Chef der AOK Baden-Württemberg, der federführend die AOK-Rabattverträge verhandelt, sind diese ein Segen. Sie sparten nicht nur Geld, sondern so „gibt es mehr und nicht weniger Anbietervielfalt“. Im Übrigen habe sich die Verlagerung der Produktion nach Fernost bereits vor mehr als 20 Jahren vollzogen, lange vor Einführung der Rabattverträge. Auch die TK sieht keinen „ursächlichen Zusammenhang zwischen Rabattverträgen und Lieferengpässen“, sagt Sprecher Dennis Chytrek.

Professor Gerd Glaeske von der Uni Bremen aber sieht auch die Kassen in der Pflicht. Diese sollten „realistischen Preisen zustimmen, die möglicherweise nur wenige Cent höher liegen als derzeit“. Denn schärfere Kontrollen müssten bezahlt werden. Weil ein Großteil der Arzneimittel in Ländern hergestellt werde, wo „Qualitätsanforderungen nicht immer ausreichend eingehalten oder Studien gefälscht werden“. Bei Valsartan wollen Europäische Arzneimittel-Agentur und Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte der Sache auf den Grund gehen. Eine akute Gefährdung sehen sie bisher nicht.

Kontrolle ab Februar 2019

Friedemann Schmidt sieht neben den Qualitätsproblemen am unteren Ende des Preisspektrums das Vordringen krimineller Energie am oberen Ende, indem aus Profitgier illegale Ware verkauft wird. Immerhin: Ab Februar 2019 müssen verschreibungspflichtige Arzneimittel einen Erstöffnungsschutz haben und in der Apotheke auf Echtheit geprüft werden.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel