Sie gehen weg wie warme Semmeln. Im ersten Stock einer Ulmer Buchhandlung hat man für die Werke der Kategorie „Verschwörungstheorien“ ein Regalfach freigeräumt und die beliebtesten Publikationen auf einem Tisch ausgebreitet. Die Titel: „Gekaufte Journalisten“ von Udo Ulfkotte, „Massenmigration als Waffe“ von Kelly Greenhill und „Was Sie nicht wissen sollen!“ von Michael Morris. Doch ein Buch, so der etwas ratlose Händler, schlägt sie alle. Der Stapel des Wälzers „Wenn das die Deutschen wüssten, dann hätten wir morgen eine Revolution“ von Daniel Prinz müsse zweimal täglich nachgefüllt werden, es sei sehr beliebt. Und nicht nur in Ulm: Beim Versandhändler Amazon ist der Titel das meistverkaufte Buch in der Kategorie „Politikwissenschaften“.

Was macht ausgerechnet ein solches Buch derart erfolgreich? Auf 371 Seiten reiht Prinz eine krude Theorie an die nächste. Der deutsche Staat existiere nicht, sei vielmehr eine „Wirtschafts- und Verwaltungseinheit“, gesteuert von den Alliierten, und wir, die Bürger, seien die Angestellten. Die Maßnahmen der Regierenden dienen nicht dem Wohl der Menschen, sondern dazu, „die Menschen derart in die Verzweiflung zu jagen, dass sie sich selbst – zum Beispiel in Form eines Bürgerkrieges oder eines weltweiten Krieges – dezimieren“. Die geheime Weltregierung arbeite daran, die Weltbevölkerung auf 500 Millionen zu schrumpfen. „Es geht darum, dass diese Bankiersfamilien die Erde komplett beherrschen und ausbeuten wollen“, schreibt Prinz und belegt seine Thesen mit Beweisen, die ebenso unsinnig wie unwiderlegbar sind. Interviewpartner, die, wie auch Prinz selbst,  nicht im Internet auffindbar sind, geheime Symbole, die er in Firmenlogos zu sehen glaubt, und zweideutige Begriffe – dass der Bundestag eine „Geschäftsordnung“ hat, wird so zum Beweis dafür, dass es sich um ein Unternehmen handelt.

„Die Argumentationsfolge von Verschwörungstheorien ist meistens sehr schlüssig, nur die Argumente sind falsch“, sagt Giulia Silberberger. Seit drei Jahren beobachtet sie die Szene, dokumentiert Theorien in einem Blog und verleiht einmal im Jahr den „Goldenen Aluhut“ an Verschwörungstheoretiker, die sich besonders hervorgetan haben. Das klingt witzig, ist es aber nicht, denn: „Im Grunde handelt es sich ja nicht um Theorien, sondern um Ideologien“, sagt Silberberger. „Das ist wie in einer Sekte.“ Nicht selten seien diese Konstrukte sehr rechts, viele deuten die Geschichtsschreibung um, leugnen den Holocaust und sehen in Hitler einen Menschen, der nur Frieden in der Welt wollte. Wer einmal tief in diesen Ideen drinsteckt, komme oft nicht mehr allein wieder raus.

Dabei ist das Konzept der Verschwörungstheorie nicht neu. Bereits im Mittelalter machte die Theorie der Brunnenvergiftung die Runde, nach der angeblich Juden das Trinkwasser verseucht und so die Pestepidemien ausgelöst hatten. Auf Basis der Hexenlehre wurden unzählige Frauen verbrannt und in den 1920er Jahren  besagte die Dolchstoßlegende, dass der erste Weltkrieg nur wegen der sozialdemokratischen Opposition verloren wurde.

„Verschwörungstheorien haben Konjunktur in Zeiten des Umbruchs“, schreibt der Philosoph Karl Hepfer in seiner „Philosophischen Kritik der Unvernunft“. „Sie haben immer dann besonderen Zulauf, wenn traditionelle Deutungsmuster nicht mehr greifen. Kriege, politische, wirtschaftliche oder ideologische Umwälzungen [...] sind der Boden, auf dem sie gedeihen.“ Denn Verschwörungstheorien bringen Ordnung in diese verwirrende Welt, in der die Menschen mit Informationen überflutet werden, in der immer neuer Terror über uns hereinbricht. Wenn all diese Dinge von einem unsichtbaren Feind (Hepfer nennt Juden, Freimaurer, Illuminaten, Islamisten, Sozialisten und die internationale Hochfinanz) gesteuert werden, ist die Gesellschaft selbst nicht mehr in der Verantwortung. Die Konjunktur der Verschwörungstheorie sind zudem Ausdruck einer Krise zwischen den Menschen und den Eliten eines Landes, spiegeln sie doch das Misstrauen in Politik, Wirtschaft und Medien wider.

Das Internet wirkt auf diese Konjunktur wie ein Brandbeschleuniger. Die Algorithmen der sozialen Netzwerke, sagt Silberberger, führen dazu, dass Verschwörungstheoretiker regelmäßig Informationen von Mitgläubigern vorgesetzt bekommen. Und so werden die Theorien heute längst nicht mehr nur von Buchautoren wie Daniel Prinz erschaffen. „Im Internet gibt es eine riesengroße graue Masse“, sagt Silberberger, „und die sucht sich regelmäßig eine neue Sau, die sie durchs Dorf treiben kann.“ In Facebook-Verschwörungsgruppen werden aktuelle Nachrichten gepostet und umgedeutet. „Es dauert keine zehn Minuten bis in den Kommentaren die ersten Theorien auftauchen.“ Aus dem Terroranschlag wird dann schnell die Aktion einer Geheimgesellschaft. Diese These wird von einem Blogger aufgenommen, ausgebaut, in einen Artikel gegossen und ist fortan mit Suchmaschinen auffindbar.

„Ich vergleiche das gerne mit einem Stammtisch“, sagt Silberberger. „Dort hat man auch zusammengesessen und unsinnige Theorien aufgestellt.“ Doch am späten Abend sind diese bierseligen Theorien dann mit ihren Erfindern nach Hause gegangen. Im Internet hingegen bleiben ihre Gedanken stehen. Der digitale Stammtisch gewinnt so stetig an Selbstbewusstsein – auch in der analogen Welt. In brandenburgischen Finanzämtern sind im vergangenen Jahr 200 Übergriffe von sogenannten Reichsbürgern, einer Gruppe, die den deutschen Staat nicht anerkennt, registriert worden. Man testet nun einen Reichsbürger-Notruf für Beamte.