Leitartikel Dieter Keller zur Zukunft der Lebensversicherung Verraten und verkauft

Korrespondent Berlin,Autorenfoto 2014,Dieter Keller
Korrespondent Berlin,Autorenfoto 2014,Dieter Keller © Foto: Südwest Presse
Berlin / Dieter Keller 06.07.2018

Lange Zeit war die Lebensversicherung das liebste Kind der Deutschen, wenn es um die zusätzliche Vorsorge fürs Alter ging. Noch immer gibt es mehr Verträge als Bundesbürger. Angesichts der demografischen Entwicklung wird es wichtiger, privat vorzusorgen, weil die gesetzliche Rente nur noch eine Grundabsicherung bieten kann, die zunehmend schmaler wird. Doch ausgerechnet jetzt gerät die Lebensversicherung ins Abseits.

Ein wesentlicher Grund dafür ist bei Mario Draghi und der Europäischen Zentralbank zu finden. Angesichts der anhaltenden Niedrigzinspolitik werfen sichere Kapitalanlagen kaum noch Zinsen ab. Die Sparer – und das  sind auch die Besitzer von kapitalbildenden Lebensversicherungen – zahlen einen hohen Preis für die Euro-Rettung, während sich der Staat und alle anderen, die Schulden machen, über sensationell niedrige Kreditzinsen freuen.

Doch auch die Versicherungskonzerne haben eine erhebliche Schuld am Niedergang ihres einstigen Starprodukts. Lange haben sie ihren Kunden vollmundige Versprechungen gemacht, welch stolze Summen sie bei Vertragsablauf nach vielen Jahren Einzahlungen herausbekommen würden. Sinkende oder gar Negativzinsen hatten sie nicht in ihrem Kalkül. Oder sie trauten sich nicht, vorsichtiger zu argumentieren aus Angst davor, im Wettbewerb nicht mehr bestehen zu können.

Zudem haben sich die Unternehmen schwer getan, ihre Kosten und insbesondere die Provisionen ihrer Vertreter im Zaum zu halten. Wenn die Zinsen sinken, können diese nicht weiter Party feiern, sondern müssen sich bescheiden. Das klappt nicht bei allen Vertriebswegen. Wenn jetzt der Gesetzgeber mit Höchstprovisionen droht, zeigt das ein Versagen der Branche. Es erschüttert sie, dass immer mehr Versicherungskonzerne die Lust an klassischen Lebensversicherungen verlieren und ihre Bestände verkaufen. Dass dies jetzt mit der Generali der sechstgrößte Anbieter angekündigt hat, wird das Erdbeben noch verstärken. Seine Verträge werden nur noch abgewickelt, neue kommen nicht nach.

Rational gesehen kann es durchaus von Vorteil sein, wenn sie ein Spezialist fortführt und sich um eine angemessene Verzinsung bemüht, anstatt dass die alte Gesellschaft lustlos weitermacht. Aber was ist das für eine Botschaft an die Kunden! Wir haben euch viel versprochen, und jetzt, wo wir es nicht mehr einhalten können, machen wir uns vom Acker. Das ist ein Armutszeugnis. Die psychologische Wirkung wird verheerend sein. Darunter werden auch jene Anbieter leiden, die weitermachen. Wobei sie Produkte empfehlen, die keine Mindestverzinsung mehr versprechen. Das macht die Vorsorge fürs Alter noch weniger planbar als in der Vergangenheit.

Leider ist keine Alternative zu sehen, die ähnlich einfach und komfortabel ist. Aktien mögen langfristig mehr Rendite abwerfen. Aber sie bergen mehr Risiken und Schwankungen, und viele Verbraucher sind überfordert. Keine guten Aussichten für ein sorgenfreies Alter.

leitartikel@swp.de

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