Leitartikel Leitartikel: Vergewaltigungen im Krieg sind Teil einer perfiden Strategie

Ulm / Elisabeth Zoll 29.06.2017

Es ist schon bemerkenswert, welchem Thema sich die Unionsfraktion heute widmet:  Vergewaltigung als Kriegswaffe. Seit die Terrormiliz IS Jesidinnen zu tausenden entführt und als Sexsklavinnen gefoltert hat, ist das Thema in der Bundespolitik angekommen. Frauen, die fliehen konnten, haben es quasi im Gepäck mit nach Deutschland gebracht. Mit Ehrungen – wie für die UN-Sonderbotschafterin Nadia Murad – ist es nicht mehr getan. Den Lobreden müssen auf politischer Ebene Taten folgen.

Vergewaltigung als Instrument zur Kriegsführung ist keine Erfindung der Terrormiliz IS.  Aus Afghanistan, dem Kongo, Nigeria, Mali, dem Sudan, um nur einige Länder zu nennen, sind systematische Massenvergewaltigungen bekannt. Es handelt sich nicht um sexuelle Gewalttaten Einzelner, sondern um massive Übergriffe von Soldaten, Milizen, Rebellen, Polizisten, die vor allem ein Ziel haben: den männlichen Gegner zu demütigen, zu demoralisieren und bis in künftige Generationen hinein zu zerstören.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg haben die alliierten Sieger ihren Triumph zum Teil an Frauenkörpern ausgelebt. Opfer brauchten Jahrzehnte um darüber zu reden. Zu groß war die Scham, zu bedrückend das Tabu, mit dem das Thema belegt war. Mit am besten erforscht sind heute die Verbrechen an Frauen während des Bosnienkrieges.  Aus Strategie – um die Idee eines Großserbiens voranzutreiben –  wurden vor allem 1992 innerhalb kurzer Zeit zwischen 20.000 und 50.000 bosnische Musliminnen zu Hause oder in Lagern vergewaltigt und geschwängert, öffentlich und grausam. Die Taten sollten den Weg für ethnische Säuberungen bereiten.

Spätestens seit dieser Zeit ist die Mär vom verrohten Einzeltäter widerlegt. Im Krieg, wie auch bei Stammesfehden, wird der Körper von Frauen benutzt, um perfide Botschaften an den Feind zu schicken:  Sieh‘ doch, Du bist sogar zu schwach, um Deine Mutter, Deine Frau oder Tochter zu schützen. Die Demütigung trägt in patriarchalen oder religiös engstirnigen Gesellschaften meist  Früchte. Missbrauchte Frauen werden selbst bei körperlichem Überleben von ihren Angehörigen oft verstoßen oder müssen die Aggression ihrer frustrierten Männer durch neue Gewalt ertragen.

Was hat das nun alles mit der deutschen Politik zu tun? Der Einfluss der Bundesregierung auf den IS oder unbestimmte Rebellenmilizen ist minimal bis gar nicht vorhanden. Das heißt aber nicht, dass die deutsche Politik damit handlungsunfähig ist. Sexuelle Gewalt muss in der Praxis penetrant als Kriegsverbrechen  gebrandmarkt werden, auf internationaler Bühne,  in Gesprächen mit ausländischen Regierungsvertretern, bei der Entsendung von Polizisten und Soldaten,  die in Krisenländern Kollegen ausbilden. Auch die weitere Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen, die in Kriegsländern oder Flüchtlingslagern gute Arbeit tun, ist eine Möglichkeit. Zwei Dinge jedoch verbieten sich: Schweigen über Vergewaltigungen als Waffe und die stille Akzeptanz, wenn diese Verbrechen straflos bleiben. Auch daran erinnert die UN-Botschafterin Murat.

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