Taschkent Usbekistans Diktator Karimow zwischen Leben und Tod

Regiert mit harter Hand: Der usbekische Präsident Islam Karimow. Nun wird spekuliert, wer den schwer erkrankten Diktator beerben könnte.
Regiert mit harter Hand: Der usbekische Präsident Islam Karimow. Nun wird spekuliert, wer den schwer erkrankten Diktator beerben könnte. © Foto: afp
Taschkent / STEFAN SCHOLL 01.09.2016
Der usbekische Diktator Islam Karimow ist schwer erkrankt. Manche spekulieren gar, er sei schon tot. Über die Nachfolge wird bereits gestritten. Sie ist nicht geregelt.

Über Tage hinweg war unklar, ob der usbekische Präsident Islam Karimow überhaupt noch lebt. Am Mittwoch  schließlich widersprach seine jüngere Tochter Berichten über den Tod ihres Vaters. Die in Paris lebende Lola Karimowa-Tilljajewa teilte über das soziale Netzwerk Instagram mit, ihr Vater sei am Leben. Sie fügte hinzu, die guten Wünsche würden ihm „bei der Genesung helfen“.

Am Montag hatte die Präsidententochter berichtet, der 78-Jährige befinde sich nach Gehirnblutungen seit Samstag auf der Intensivstation, sein Zustand sei aber stabil. Doch am selben Tag vermeldete das russische Nachrichtenportal Fergana den Tod Karimows. Auch der russische Usbekistan-Experte Arkadi Dubnow und die Menschenrechtlerin Nadeschda Atajewa gingen vom Ableben des Diktators aus, was usbekische Regierungsvertreter indes dementierten.

Die zuvor verbreitete offizielle Mitteilung, Karimow sei im Krankenhaus und benötige umfassende medizinische Untersuchungen, war von Beobachtern allerdings bereits als böses Omen für den Langzeitherrscher gewertet worden. Denn seitdem der frühere Luftfahrtingenieur und Planungsbürokat vor 26 Jahren die Macht in Usbekistan übernommen hatte, gab es keine einzige Krankmeldung von ihm.

Auch dass die geplanten Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag der Unabhängigkeit Usbekistans von der Sowjetunion am 1. September ausfallen sollen, ist ein Hinweis, dass für die 31,5 Millionen Usbeken bald Trauer ansteht. Es herrscht Rätselraten wie im März 1953, als in Moskau Stalin verblich. Die Elite in der Hauptstadt Taschkent streitet unterdessen über seine Nachfolge. Die russische Nachrichtenagentur RBK meldet Panik in der usbekischen Gesellschaft: „Es herrscht Angst um die Zukunft. Was erwartet Usbekistan, wenn Karimows Epoche endet?“

 Es schwebt der brenzlige Geruch von Staatskrise, Intrigen oder gar Palastrevolte über Usbekistan. Und Politologen in Moskau, Astana oder Bischkek diskutieren eifrig, wer Karimow beerben könnte. Die Mehrzahl wettet auf Premierminister Schawkat Mirsijajews (59), er gilt als Karimows engster Gesinnungsgenosse und als sein „Hammer“ bei der grausamen Unterdrückung der Opposition. Mirsijajews größter Konkurrent könnte Vizepremier und Finanzminister Rustam Asimow (57) werden. Er hat seinen Magister in Oxford gemacht, einige Beobachter werten ihn deshalb als Liberalen und als Kandidaten des Westens. Aber schwerer wiegt wohl, dass Asimow zum mächtigen „Taschkenter Klan“ gehört, während Regierungschef Mirsijajew als Mann des ebenfalls einflussreichen „Samarkander Klans“ gilt, dem viele ethnische Tadschiken angehören. Allerdings: „Zur politischen Kultur Usbekistans gehören Kompromisse wie auf dem Marktplatz“, sagt der Moskauer Zentralasienexperte Juri Solosubow. Es sei gut möglich, dass sich die Klans auf eine Figur ohne starke Hausmacht einigen.

Jahrelang galt Karimows erste Tochter Gulnara als Thronfolgerin, aber die Salonlöwin erboste ihren Vater mit Korruptionsaffären, Skandalfotos und einem Cousin, der sich brüstete, Gulnara werde ihm bald die Macht im Staat überlassen. Sie sitzt unter Hausarrest.

Das postsowjetische Mittelasien wird von Autokraten beherrscht, Karimow hat den Ruf, der Grausamste zu sein. „Sein Bewusstsein, sein Denken und sein Benehmen ist getränkt von Vorsicht, Misstrauen und der Angst, seine Macht zu verlieren“, schreibt der Politologe Kamollidin Rabbimow. Karimow ließ Opposition, Presse, das Internet, Bürgerinitiativen gleichschalten, sein Geheimdienst macht auch im Ausland Jagd auf Regimekritiker. Proteste wurden brutal unterdrückt. Im Mai 2005 erschossen Sicherheitskräfte in Andischan 200 bis 1500 Menschen, die für die Freilassung von 23 oppositionellen Geschäftsleuten demonstrierten. Das Massaker soll Karimow selbst angeordnet haben.

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