Meinung Kommentar zum Urheberrecht: Leistung gegen Geld

Die Parlamentarier sollten sich fragen, ob sie zulassen wollen, das Großkonzerne wie Google mit den Produkten der Verlage Geld machen - sagt unser Hauptstadtkorrespondent Guido Bohsem.
Die Parlamentarier sollten sich fragen, ob sie zulassen wollen, das Großkonzerne wie Google mit den Produkten der Verlage Geld machen - sagt unser Hauptstadtkorrespondent Guido Bohsem. © Foto: Thomas Koehler/photothek.net
Berlin / Guido Bohsem 12.09.2018
Internetaktivisten kämpfen gegen jegliche Regeln im Netz an. Doch auch hier sollte gelten: Leistung gegen Geld. Ein Leitartikel von Guido Bohsem.

Es ist ein Paradox und ein Rätsel. Jeder Versuch, die Regellosigkeit des Internets zu zähmen, wird von den Aktivisten des Netzes mit unglaublicher Wucht niederkartätscht. Egal, ob es gegen Kinderpornografie geht oder ob die Betreiber der telekommunikativen Infrastruktur dafür kämpfen, angemessen für ihre Leistung bezahlt zu werden – die Verfechter des freien Internets sind zur Stelle: auch mit berechtigter Kritik, vor allem aber mit Häme und ganz viel Weltuntergangspathos.

Stets wird der anderen Seite von den selbsternannten Wächtern des Internets vorgeworfen, die neuen Regeln der digitalen Welt nicht zu verstehen, von Gestern zu sein. Stets wird vor dem Ende der Freiheit gewarnt, der Kreativität, der Demokratie, ja, all den Dingen, die das Netz in der euphorischen Anfangszeit versprochen hat. Ihre Gegner sind verkommene Lobbyisten, getrieben von finsterer Zerstörungswut. Sich selbst sieht man als Freiheitskämpfer.

Dabei geht es weder in der einen noch in der anderen Angelegenheit um die Zukunft des Internets, der Demokratie oder der Freiheit. Das sind lediglich Etiketten, mit denen der wirkliche Gegenstand des Streits überpappt werden soll. Es geht immer ums Geld und insbesondere um die Frage, wer vom gigantischen Geschäftsmodell Internet ganz besonders profitiert und wer sich mit Brosamen abfinden muss.

Heftiger Kampf um das Gesetz

Am Mittwoch wird diese Frage erneut ausgetragen. Über den Gesetzesentwurf, den das Europäische Parlament entschließen soll, ist im Hintergrund ein heftiger Kampf ausgebrochen. Auf der einen Seite stehen die Verleger und auf der anderen Seite die amerikanischen Digitalriesen, allen voran Google. Vereinfacht gesprochen geht es darum, ob Google die Verlage dafür bezahlen soll, wenn es kurze Textpassagen aus deren Angebot auf seinen Internetseiten ausspielt. Texte also, die von bezahlten Beschäftigten des Verlages recherchiert und aufgeschrieben wurden.

Klarer Fall, sollte man denken. Schließlich würde auch kein Bäcker seine Brötchen herschenken, kein Metzger seine Fleischwurst kostenfrei verteilen, keine Putztruppe umsonst saubermachen. Denn die Kunden in der realen Welt haben akzeptiert, dass Waren und Dienstleistungen bezahlt werden müssen. Ansonsten gäbe es sie nicht. Und doch werden Parlamentarier, die für die Verlage eintreten, seit Wochen attackiert, diffamiert, beschimpft, bedroht und beleidigt. Tausende von Protest-E-Mails gingen bei ihnen ein, viele davon stammten nicht von echten Personen, sondern von sogenannten Bots.

Gefüttert wird diese Wutwelle von den US-Digitalriesen und ihren Vertretern. Denn für sie bedeutet es eine Maximierung des Profits, wenn die Logik Leistung gegen Geld in der virtuellen Welt außer Kraft gesetzt bleiben würde. Insbesondere Google könnte weiterhin die Erzeugnisse der Verlage nutzen, um möglichst viele Nutzer auf seine Seiten zu locken, um mit den Daten, die diese dort hinterlassen, Geld zu verdienen. Die Parlamentarier sollten sich fragen, ob sie das zulassen wollen – und für die Rechte der Verlage stimmen.

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