Interview Unkalkulierbare Experimente am Menschen

Unverantwortlich nennt der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio die Eingriffe ins Erbgut.
Unverantwortlich nennt der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio die Eingriffe ins Erbgut. © Foto: Silke Wernet
Freiburg / Elisabeth Zoll 04.12.2018
Eingriffe in das genetische Erbgut? „Unverantwortlich“ sagt der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio dazu.

Unverantwortlich nennt der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio die Eingriffe ins Erbgut.

Ein Forscher in China hat in das Erbgut zweier Mädchen eingegriffen. Was ist so verwerflich daran?

Giovanni Maio:  Der Eingriff in die Keimbahn hat unabsehbare Folgen. Weder wissen wir, wie er sich auf das Kind auswirkt, noch was die Folgen sind. Das ist unverantwortlich. Was auf diese Weise verändert wird, wird automatisch weiter vererbt – auf alle folgenden Generationen.

Was ist am Wunsch nach Optimierung so bedenklich?

Hinter ihm steht eine Selektionslogik. Menschen, die nicht mithalten können, werden außen vor bleiben. Der Mensch wird zum Unternehmer seiner selbst. Er ist damit nicht mehr ein in sich wertvolles Wesen, sondern muss sich erst wertvoll machen durch entsprechende Investitionen in seinen Körper, seine Eigenschaften. Das ist der kritische Punkt. Vermittelt wird dieser Trend über ein Freiheitspathos. Das klingt schön, stimmt aber nicht. Was treibt, ist der soziale Druck. Die Menschen haben Angst, aus dem Raster zu fallen. Deshalb optimieren sie sich.

Immer mehr Krankheiten können über das Genom diagnostiziert werden. Lag es da nicht nahe, dass Einzelne versuchen würden, mit „Therapien“ zu experimentieren?

Das war immer zu befürchten. Es gab auch Wissenschaftler, die mit geächteten Klonversuchen vorgeprescht sind. Einzelpersonen bringen so die ganze Wissenschaft in Misskredit. Wir haben es nicht mit einer blinden Wissenschaft zu tun, sondern mit Einzelnen, die geblendet sind. Darüber hinaus gibt es die Tendenz, alles verfügbar machen zu wollen. Die Entschlüsselung des Genoms war der erste Schritt. Sie war verbunden mit dem unverantwortlichen Versprechen, damit die Krankheiten zu besiegen. Forscher dürfen nur soweit gehen, wie sie die Folgen abschätzen können.

Lässt sich das Vorpreschen eines Einzelnen ausschließen?

Nein, man sollte seine Tragweite aber auch nicht überschätzen. Auf erste Klonversuche folgte keine Euphorie. Die Versuche wurden weltweit geächtet. Größere Gefahren sehe ich in der unterschwelligen Etablierung einer Normierungslogik: zum Beispiel über die Pränataldiagnostik und die Präimplantationsdiagnostik. Hier sortieren wir bereits Embryonen aus. Diese sanftere Optimierungslogik kann viel gravierendere Folgen haben. Dadurch wird es immer schwerer, Ja zu einem behinderten Kind zu sagen.

Helfen internationale Schutzstandards als Steuerungsinstrument?

Sie sind sehr wichtig. Damit wird gezeigt, dass die Wissenschaft Verantwortung übernimmt und klarlegt, was sie nicht will. Regeln bedeuten rote Linien. Wer sie überschreitet, kann keine Karriere machen.

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