In der baden-württembergischen CDU stößt die ablehnende Haltung von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) gegen bereits beschlossene Stromtrassen auf massive Gegenwehr. „Ich halte den Kurs von Herrn Seehofer für gemeingefährlich“, sagte CDU-Landtagsfraktionschef Peter Hauk der SÜDWEST PRESSE. „Wer die Energiewende will, muss den Strom dort produzieren, wo es am günstigsten ist. Das ist beim Wind in Norddeutschland der Fall. Es muss dann aber auch der Transport nach Süddeutschland gewährleistet werden“, sagte Hauk weiter. Andernfalls drohe der Süden abgehängt zu werden.

„Herr Seehofer muss schnell beidrehen“, forderte auch Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) gegenüber dieser Zeitung. Sonst drohe der vorzeitige Abbruch der Energiewende. „Das wäre unverantwortlich.“

Seehofer blieb vor dem für heute Abend geplanten Koalitionsgipfel in Berlin bei seiner Haltung. Er kündigte an, vor einer Entscheidung zu den Stromtrassen zunächst drei bis vier Monate lang die Bevölkerung anzuhören. Dafür müsse er auch in Berlin sicher nicht um Erlaubnis fragen. Endgültige Entscheidungen könnte es demnach frühestens 2015 geben.

Zugleich verlangte Seehofer einen neuen Nachweis, dass die umstrittenen Trassen nach Bayern wirklich nötig sind – und kündigte andernfalls sein Veto an. „Was hier im Lande geschieht, landesplanerisch, entscheidet immer noch der Freistaat Bayern“, sagte er.

Warnungen vor einer Teilung des deutschen Strommarkts in eine nördliche und eine südliche Preiszone und steigenden Energiepreisen in Bayern wies Seehofer als „Quatsch“ zurück. Der „Spiegel“ hatte unter Berufung auf eine EU-Studie berichtet, im Süden Deutschlands drohten bei einem möglichen Verzicht auf neue Stromtrassen höhere Strompreise – weil die EU-Kommission dann womöglich zur Einrichtung einer nördlichen und einer südlichen Preiszone drängen würde. Dazu erklärte eine Sprecherin von EU-Energiekommissar Günther Oettinger, dass die Kommission zwar vor überlasteten Stromnetzen warnt, aber eine Aufteilung Deutschlands in zwei Preiszonen für Energie nicht empfiehlt.

Kommentar von Martin Hofmann: Der Protest-Versteher

Horst Seehofer spielt unter den politischen Energiewendern eine ganz besondere Rolle. Er gibt den Bürgerprotest-Versteher. Den Gegnern der Windkraft kam er durch eine Abstandsregel entgegen, die nahezu kein Aufstellen neuer Anlagen mehr zulässt. Jetzt stellt er Stromtrassen in Frage, die Schwarz-Gelb per Gesetz beschlossen hat. Für die Gaskraftwerke, die er als Ersatz für Atomreaktoren aufstellen will, fände er keine Investoren. Bei einem Strompreis an der Leipziger Börse von weit unter vier Cent pro Kilowattstunde für das Lieferjahr 2015 kann jeder Laie nachvollziehen, dass da Bauruinen entstehen würden.

Nun lässt sich über die Art, wie die Bundesregierungen seit Jahren die Energiewende betreiben, trefflich streiten. Letztlich wollen die Verantwortlichen - auch Seehofer - den Sprung in ein neues, dezentrales Zeitalter der Elektrizitätsversorgung nicht wagen. Sie halten an den alten Strukturen fest. Off-Shore-Wind gehört zum Teuersten, was erneuerbaren Strom liefern kann. Doch da sind die Energiekonzerne im Geschäft. Und ob alle geplanten Stromautobahnen notwendig sind, wenn die Energiewende regional gestaltet würde, bleibt mehr als strittig.

Horst Seehofer und seine CSU haben all die Weichen mitgestellt. Wer Monopoli spielt, darf sich nicht darüber empören, dass es ums Geldverdienen geht. Populär wäre es, wenn der CSU-Chef dafür sorgen würde, dass alle Bürger endlich von der Energiewende profitieren.