Leitartikel Dieter Keller zum Start des Ausbildungsjahrs Ungleiche Verteilung auf dem Ausbildungsmarkt

Foto: SWP
Foto: SWP © Foto: SWP
Dieter Keller 21.08.2018

Lehrlinge verzweifelt gesucht“, heißt es in diesen Wochen in vielen Betrieben. Zu Beginn des neuen Ausbildungsjahrs sind so viele Stellen unbesetzt wie noch nie. Im Juli waren bei den Arbeitsagenturen zwar knapp 140 000 unversorgte junge Leute registriert, die noch eine Lehrstelle suchten, aber über 200 000 nicht besetzte Ausbildungsplätze. Aus Sicht der Bewerber war die Lage noch nie so günstig seit der Deutschen Einheit. Dabei melden viele kleine Betriebe ihr Angebot schon seit Jahren nicht mehr. Weil sich gar keine oder nur völlig ungeeignete Bewerber vorstellen, sind sie frustriert. Das mag verständlich sein, doch damit gefährden sie langfristig die Existenz ihres Unternehmens.

Im Schlussspurt dürften viele junge Leute noch eine Stelle finden, wenn auch nicht unbedingt in ihrem Traumberuf. Denn das ist das erste Problem: saubere Schreibtischjobs sind begehrt, während für Handwerksberufe wie Bäcker, Metzger oder Koch nur wenige zu begeistern sind. Nicht nur wegen der ungünstigen Arbeitszeiten haben sie ein negatives Image, und es ist in den vergangenen Jahren nicht gelungen, das zu ändern. Ein Grund dürfte sein, dass es bei diesen Ausbildungswegen besonders viele Klagen über den rauen Umgangston und dadurch auch viele Abbrecher gibt. Warum sich diese Unternehmen nicht mehr ums Betriebsklima bemühen, gehört zu den schwer erklärbaren Phänomenen.

Ausgerechnet in diesen Berufen ist die Ausbildungsvergütung eher niedrig. Zwar soll sie keine Bezahlung sein, weil Lehrlinge keine normale Arbeitskraft ersetzen sollen und dürfen. Aber junge Leute müssen ihren Lebensunterhalt bestreiten, zumal sie in einem Alter sind, in dem viele gern auf eigenen Füßen stehen. Auf Betreiben der SPD will die große Koalition eine Mindestvergütung einführen. Darüber, ob das wirklich dringlich ist, lässt sich streiten. Die geringe Nachfrage könnte auch zu einer marktwirtschaftlichen Lösung führen.

Ein großes Problem ist die regionale Verteilung von Stellenangeboten. In Süddeutschland gibt es besonders viele unbesetzte Ausbildungsplätze, in anderen Regionen dagegen mehr Bewerber als Jobs. Die jungen Leute sind nicht mobil genug, wobei auch die Ausbildungsvergütung eine Rolle spielt: Eine Lehrstelle in München oder Stuttgart kann sich ein Auswärtiger kaum leisten. Deshalb müssen die Betriebe mehr unternehmen, um sich Fachkräfte von morgen zu sichern.

Ein besonders spannender Aspekt sind die Flüchtlinge. Im vergangenen Jahr wurden allein mit jungen Leuten aus Afghanistan und Syrien 10 000 Ausbildungsverträge abgeschlossen, Tendenz stark steigend. Die Bemühungen um Integration greifen. Aber sie werden zu oft dadurch konterkariert, dass Azubis plötzlich abgeschoben werden. Gleichzeitig wird eine geregelte Einwanderung von Fachkräften geplant, auch von Auszubildenden. Dieses Dilemma ist nicht einfach zu lösen, weil ein ungeregelter Zuzug gerade verhindert werden soll. Aber es lohnt, eine pragmatische Lösung zu suchen – für die jungen Leute, insbesondere aber für die deutschen Unternehmen, die sie brauchen.

leitartikel@swp.de

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel