Leitartikel Leitartikel: Ungenutzte Chance in Tunesien

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Tunis / Martin Gehlen 16.12.2017
Von Tunesien ging der Arabische Frühling aus. Es ist das einzige Land, das nicht in Chaos oder Diktatur ist. Daraus gemacht hat es allerdings nichts.

Tunesiens verflixtes siebtes Jahr ist überstanden. Am Sonntag jährt sich der Schicksalstag der Arabischen Welt, jener 17. Dezember 2010, an dem sich der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi mit Benzin übergoss und anzündete. Sein Tod erschütterte Tunesien und anschließend den gesamten Orient. Sieben Jahre später ist der kleine Mittelmeer-Anrainer der einzige unter den einstigen Frühlingsstaaten, der nicht in eine neue Diktatur oder gar in einen Bürgerkrieg abgerutscht ist. Trotzdem ist die Lage im Land ausgesprochen ernüchternd. Tunesien hängt am Tropf internationaler Geldgeber, während weder seine politische Klasse noch seine Bevölkerung motiviert scheinen, das Nötige zu tun, um ihre politische und ökonomische Misere zu überwinden.

Das Reformtempo geht gegen Null. Ideenlosigkeit und Desinteresse, Missmut und Frustration prägen den Alltag. 78 Prozent der elf Millionen Einwohner sehen laut Umfragen ihre Nation auf dem falschen Weg. Natürlich brauchen fundamentale Umbrüche Zeit, bis sie Früchte tragen. In Tunesien jedoch will sich kaum noch jemand wirklich anstrengen. Der Bürgersinn ist ähnlich schwach entwickelt wie im Rest der arabischen Welt. Arbeitslose lungern zu Zehntausenden auf den Straßen und in den Cafés herum und rufen nach dem Staat. Gleichzeitig vermitteln Arbeitende allzu oft den Eindruck, wie sehr sie es als Zumutung empfinden, auf solche Weise ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Obendrein leistet sich Tunesien einen der üppigsten Beamtenapparate auf dem Globus. 

Trotzdem plakatieren sich die Erben Karthagos in Europa und bei den internationalen Institutionen als das leuchtende arabische Vorbild, das den Sprung zur Demokratie geschafft hat und überdies einen toleranten Islam praktiziert. Andere unschöne Dinge dagegen werden gerne unter den Tisch gekehrt. Kein Volk der Welt hatte – gemessen an seiner Größe – mehr Leute in der Terrormiliz „Islamischer Staat“ als die Tunesier.

Noch aber funktioniert das tunesische Geschäftsmodell. Westliche NGOs und zahlungswillige Stiftungen treten sich gegenseitig auf die Füße. Und so geht Tunesiens politische Führung fest davon aus, dass die internationalen Geldgeber die Haushaltslöcher immer wieder stopfen. Doch der Unmut wächst. Der Internationale Währungsfonds, der bereits zwei Milliarden Euro überwiesen hat, ließ jetzt mitteilen, man habe mit den Verantwortlichen ungeschminkte Gespräche über die erheblichen Reformverzögerungen geführt. Deutschland, pro Jahr mit fast 300 Millionen Euro dabei, verknüpft dies inzwischen ebenfalls mit der leisen Mahnung, Solidarität sei keine Einbahnstraße. Noch kann sich Tunesien auf ein breites politisches Wohlwollen in Europa stützen. Doch die Geduld könnte sich eines Tages erschöpfen, der Westen könnte andere, dringendere Finanznöte im Nahen Osten ausmachen.  Wenn Syrien wieder aufgebaut werden muss, wenn sich Libyens rivalisierende Regierungen eines Tages zusammenraufen oder der Krieg im Jemen endet. Dann hat Tunesien seine Zeit gehabt – und sie viel zu wenig genutzt

leitartikel@swp.de

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