Ende Oktober ist Schluss. Dann wird die idyllische Festung geräumt. Doch noch genießen Anna Posner und Doris Habermann die milde Herbstsonne in ihrem Kleingarten. "Hand in Hand" heißt die über 70 Jahre alte Laubenkolonie, die jetzt dem neuen "Campus Rütli" im Weg steht. "Jetzt stirbt wieder ein echtes Stück Neukölln", sagt Frau Posner mit leisem Stöhnen. Seit 53 Jahren wohnt sie hier im Nordosten des Berliner Bezirks.

Frau Posner zeigt mit der Hand in Richtung der ehemaligen Rütli-Hauptschule. Mit dem Hilfeschrei der heillos überforderten Lehrer wurde die Lehranstalt vor sechs Jahren bundesweit bekannt. Doch die Situation hat sich grundlegend geändert: aus der Problemschule voller kleinkrimineller Jugendlicher entsteht auf Initiative von Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) die "1.Gemeinschaftsschule Neukölln". Das ist ein Zusammenschluss von mehreren Schulen und Kitas mit Sportplätzen, Werkstätten und Multifunktionshalle. Für rund 26 Millionen Euro wächst unter der Schirmherrschaft von Christina Rau auf fast 50 000 Quadratmetern der "Campus Rütli", der Bildungsleuchtturm des Bezirks. Die Warteliste für einen Platz ist lang, der Anteil deutscher Schüler steigt kräftig.

Eigentlich sollte man denken, dass Heinz Buschkowsky der Frau Habermann aus der Seele spricht, wenn er in seinem Bestseller "Neukölln ist überall" etwa formuliert: "Das Hier-bin-ich-zu-hause-Gefühl schwindet." Auf den ersten Blick stimmen die Klischees. Neukölln ist zu einem Symbol geworden für ein Leben am Rand, für eine Gesellschaft, die aus den Fugen geraten ist, in der Einwanderer in ihrer eigenen Welt leben.

Die beiden Frauen wollen trotz des Verlustes ihres "sommerlichen Wohnzimmers" nicht wegziehen. "Warum auch", wirft Frau Habermann ein. "Vor Jahren war das hier viel schlimmer. Lauter arabische Großfamilien haben in den 90er Jahren den Alltag bestimmt. Jetzt ziehen immer mehr junge Leute her, manche gründen hier Familien."

Waren vor 10 oder 15 Jahren noch viele Läden verrammelt, so wurden zuletzt immer mehr Kneipen, Bars und Werkstätten eröffnet. "Wir gehen hier abends allein auf die Straße. Da ist immer etwas los, man hört jetzt alle möglichen Sprachen: neben Deutsch auch oft Englisch, Spanisch und Polnisch. Man braucht keine Angst mehr zu haben", finden die Frauen.

Ein paar Steinwürfe entfernt dröhnt vor dem Jugendclub "Manege" der Ghettoblaster. Die überwiegend türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen renovieren gerade ihre Räume. "Neukölln ist cool", sagen sie. Von den berüchtigten Jugend-Gangs hätten sie gehört, aber von ihnen sei noch keiner erpresst und kein Handy "abgezogen" worden. Das einzige, was sie "echt nervt", ist neuerdings der nächtliche Kneipenlärm. Als eine junge Frau mit einem Schäferhund an den Migrantenkindern vorbeikommt, geht eines der Mädchen ängstlich zur Seite. "Keine Sorge, er hat schon gefrühstückt", sagt sie. Die Frau wohnt auch östlich des "Gazastreifens", wie manche hier die Sonnenallee wegen ihrer vorwiegend arabischen Geschäfte nennen. Das Zusammenleben zwischen den von verschiedenen Kulturen geprägten Menschen ist rau, mitunter auch ungehobelt.

Andere Bezirke Berlins haben ebenfalls einen hohen Migrantenanteil und ähnliche Probleme. Aber über keinen anderen Stadtteil wird so viel debattiert wie über Neukölln. Das liegt auch an dem omnipräsenten Bürgermeister. Buschkowsky mag seinen Bezirk, den er seit 1989 als Stadtrat erst für Finanzen, dann für Jugend und Gesundheit, und seit über elf Jahren als Bürgermeister mitregiert. Für die von ihm kritisierte Integrationspolitik, ist er also mitverantwortlich.

Dass 39 Prozent aller Neuköllner Einwandererkinder mit gar keinen oder mangelhaften Deutschkenntnissen eingeschult werden, kann sein Friedrichshain-Kreuzberger Amtskollege Franz Schulz (Grüne) nicht verstehen. In Kreuzberg, das ähnlich sozial strukturiert ist, sei dieser Wert etwa bei türkischstämmigen Schülern durch frühkindliche Erziehung und Beratung sowie Hausaufgabenhilfe von 18 auf 6 Prozent gesenkt worden. Dafür habe man viel Geld ausgegeben, während Neukölln Hunderttausende für den bundesweit einmaligen Wachschutz vor Schulen überweist. "Wir gehen nicht von Bedrohungsszenarien aus", sagt Schulz, "sondern vom enormen Bildungshunger der Zuwandererfamilien."

Inzwischen halten es sechs Neuköllner Schulen nicht mehr für nötig, Wachschützer auf den Schulhöfen zu postieren; auf zwölf Schulhöfen sorgen aber Uniformierte dafür, dass Schüler und Lehrer nicht verprügelt werden. Die für Neukölln zuständigen Jugendrichter sagen unisono, der Problembezirk sei besser als sein Ruf. Und der Prototyp des Kleinkriminellen, den Buschkowsky im Buch von einem Polizisten als "jung, männlich, Migrant" skizzieren lässt, stimme so nicht mit der Realität überein. Berlinweit gab es im Jahr 2010 10 327 Einzelrichter-Anklagen gegen Jugendliche, im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es noch 3252; bei diesem Rückgang tanzt Neukölln nicht aus der Reihe.

Boualem Madani-Laux kennt die brisanten Befunde des Bürgermeisters nur durch seine Kunden. "Die Touristen kommen ganz aufgeregt hierher und staunen dann, dass es so normal und friedlich zugeht", sagt der in Algier geborene Mann, der seit 15 Jahren in Berlin lebt und mit einer Deutschen verheiratet ist. Er hält Buschkowsky für einen "echten Werber", der die Leute neugierig auf den Bezirk macht. Ohne die vielen auswärtigen Besucher würde Madani-Laux mit seiner kleinen Fahrrad-Werkstatt kaum über die Runden kommen. "Die Leute im Kiez haben verdammt wenig Geld. Aber die sozialen Probleme sind hier nichts im Vergleich zu denen in meiner Heimat."

Die kleine Schrauber-Bude liegt auf dem Weg in den westlichsten Teil Neuköllns, der unmittelbar an die größte innerstädtische Spielwiese grenzt: den ehemaligen Flughafen Tempelhof. Um die Ecke, im so genannten Schiller-Kiez, wandelt sich Neukölln derzeit wohl am radikalsten. "Die Gentrifizierung schreitet voran", sagt Conny Kraus nüchtern. "Aber hier geht noch was." Der aus Chemnitz stammenden Designerin gehört das Ladenatelier "Mohnlicht", in dem sie "unikates Lebensraumzubehör" anbietet. Sie entwirft Leuchten, Schalen, Regale und andere Wohnraumaccessoires und arbeitet mit Mohn- und anderen Blüten, die sie in ein Kunstharzglasfasergemisch einlässt. Ihre Maßanfertigungen sind in der Regel für Kunden bestimmt, die nicht im Bezirk wohnen.

Frau Kraus ist in dieser Gegend keine Exotin. Seit Jahren ziehen immer mehr Galeristen, Künstler und Studenten her, türkischstämmige und geringverdienende deutsche Familien weg. Während sich Buschkowsky sicher ist, dass Neukölln in zehn Jahren eine reine Migrantenstadt sein wird, ereignen sich im Schatten seiner Thesen längst neue Entwicklungen und Konflikte. In Rudow und Britz im Süden des Bezirks, in denen viele einfache deutsche Familien leben, hat sich eine radikale Neonazi-Szene etabliert, die Migranten und "abartige" Künstler attackiert. Zugleich greifen Linksautonome angebliche "Schicki-Micki"-Treffpunkte an. Die neuen hippen Cafés, Second-Hand-Läden und Galerien haben die Mieten im Kiez explodieren lassen. "Ich habe hier keine bezahlbare Wohnung mehr gefunden", sagt die Designerin. Das neue Neukölln kann sich Conny Kraus nicht leisten.