Ungebremst in den Tod

PATRICK GUYTON 10.02.2016
Ausnahmezustand in Bad Aibling: Nach dem Zusammenstoß zweier Regionalzüge steht der Ort unter Schock. Dabei hätte es viel schlimmer kommen können: Wegen der Ferien waren weniger Fahrgäste an Bord.

"Die Lage ist weiter völlig unübersichtlich", sagt Jörg Becker von der Bergwacht Brannenburg. Da ist es 10.55 Uhr, er steht an einer Wiese vor dem Zentrum des oberbayerischen Ortes Bad Aibling. "Ich weiß nicht, ob noch Menschen in den Zugwracks sind." Man habe alle Verletzten geborgen, die zu entdecken waren - doch stecken noch weitere in den Trümmern der ineinander gerasten, zerborstenen Nahverkehrszüge? Bergwacht-Einsatzleiter Becker weiß es nicht.

Zum ersten Mal kommt er an diesem Tag dazu, kurz durchzuatmen und einige Worte zu sagen. Um sieben Uhr am Morgen war er alarmiert worden, wenige Minuten nach dem Zusammenprall. Das Zugunglück ist eines der schwersten in der Geschichte der Bundesrepublik. Auf der Wiese landen und starten über Stunden hinweg Rettungshubschruber, ein Dutzend von ihnen ist im Dauereinsatz. Sie fliegen zur Unglücksstelle, bergen Schwerverletzte, bringen sie zur Notfallversorgung etwas ins Feuerwehrhaus im nahen Kolbermoor oder gleich in Krankenhäuser.

Mindestens 10 Tote und rund 80 Verletzte - das ist am Abend die Bilanz des verheerenden Zusammenstoßes auf der einspurigen Bahnstrecke nahe Bad Aibling, zwischen Holzkirchen und Rosenheim. Unter den Toten sind auch die beiden Lokführer und die zwei Zugbegleiter. "Nahezu ungebremst" seien die Züge ineinander gedonnert, berichtet Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) betroffen auf einer Pressekonferenz vor Ort, "mit sehr hohem Tempo". Um die 100 Stundenkilometer fahren demnach diese Züge der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) an der Unglücksstelle, wegen einer leichten Kurve haben sich die Lokführer wohl auch nicht gesehen, so die Minister-Einschätzung. Wie konnte das passieren? Dobrindt will zu diesem Zeitpunkt keine Spekulationen liefern, sondern die Untersuchungsergebnisse von Polizei und Eisenbahnbundesamt abwarten.

Die Rettungshubschrauber fliegen unablässig in geringer Höhe über der 18 000-Einwohner-Stadt in der Nähe des Chiemsees. Sie wurden vom Roten Kreuz, der Bergwacht und dem ADAC gestellt. Viele Dutzend Krankenwagen fahren durch die ansonsten abgesperrten Straßen, stehen an Plätzen oder am Wegrand. Es ist Faschingsdienstag, doch zum Fasching ist hier keinem mehr zumute.

Von der Straße an der Aiblinger Au kommt man auf einem matschigen Feldweg zur Mangfall und zum Mangfall-Kanal, die Alpenkulisse und die Sonne im Rücken. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses lässt sich der Unfallort sehen. Viele Einheimische sind hier unterwegs, um einen Blick zu erhaschen. Es sind Eltern mit kleinen oder größeren Kindern. Benny etwa in seinem FC-Bayern-Trikot, 13 Jahre alt, ist mit dem Vater gekommen. "Das ist ja alles total krass", sagt er.

Vor dem Rathaus von Bad Aibling haben sich TV- und Hörfunkteams aufgebaut. Eigentlich sollte im Rathaus das Faschings-Prinzenpaar empfangen werden, das wurde aber abgesagt. Stattdessen ist die Feuerwehr da, es gibt eine Pressekonferenz mit Dobrindt, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), dem Landrat, dem Bürgermeister, dem Polizeipräsidenten.

Richard Schrank, Kreisbrandmeister und damit oberster Feuerwehrchef des Landkreises Rosenheim, steht vor dem großen Sitzungssaal, auch ihm fehlen die Worte: "Das ist schon nicht mehr normal." Am Morgen wurde er wegen eines "VU-Zug" (Verkehrsunfall Zug) alarmiert, da dachte er: "Das muss was Größeres sein." Von einer solchen Dimension war der Feuerwehrmann aber nicht ausgegangen. Zehn Psychologen seien im Einsatz gewesen, um sich um die insgesamt 500 Einsatzkräfte zu kümmern. Die große Hilfe des Nachbarn Österreich lobt Richard Schrank. Auch mit Blick auf die seit Monaten anhaltenden Grenzkontrollen: "Bei so etwas gibt es keine Grenzen." Aus Kufstein sind die Hubschrauber gekommen, die Krankenhäuser in Innsbruck und Salzburg haben Verletzte aufgenommen. Aus ganz Deutschland wird den Opfern und den Angehörigen Mitgefühl ausgesprochen: Von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) oder dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU). Von der SPD, den Grünen und den Kirchen. Doch warum konnte der Zusammenstoß geschehen? Da weiß an diesem Dienstag noch niemand eine Antwort. Der Zusammenprall sei eigentlich "unmöglich", sagt Innenminister Herrmann. Denn auf der einspurigen Strecke dürfe nur ein Zug fahren. Um dies einzuhalten, gibt es automatische Stopp-Signale für die Lokführer. Selbst wenn ein Zugführer ein Signal übersieht, müsste eine Notsicherung funktionieren und der Zug sofort automatisch angehalten werden. Zumindest ist deshalb klar, dass das Notsystem nicht funktioniert hat.

Bernd Rosenbusch, Geschäftsführer der BOB, spricht von einem "Riesen-Schock". Die BOB ist ein privater Betreiber, der dem französischen Bahnkonzern Transdev gehört. Die Meridian-Züge sind laut BOB hochmoderne Züge neueren Datums, sie sind geradezu Vorzeigestücke der Gesellschaft.

Ein Gutes hat dieser Schreckenstag von Bad Aibling aber vielleicht doch, meint der Polizeipräsident Robert Kopp. Dass das Unglück in den Faschingsferien geschah, sieht er "fast als Glücksfall" an. Insgesamt schätzungsweise 150 Fahrgäste waren in den beiden Zügen, das sind verhältnismäßig wenige, und es waren fast ausschließlich Erwachsene. Normalerweise sind die Waggons viel voller, Kinder fahren um diese Zeit, deshalb werden diese Verbindungen auch "Schülerzüge" genannt.