Viktor Orban hat ein neues Lieblingswort, es lautet: "kühn". "Vier kühne Jahre liegen hinter uns", rief er diese Woche auf einer Wahlkampfveranstaltung im westungarischen Györ ins Publikum. "Am Anfang mussten wir uns fragen: Kann sich ein verantwortlich agierendes Land auf derartige Konflikte einlassen? Auf Konflikte mit den Banken und Multis, mit den Bürokraten des Brüsseler Imperiums?", fuhr Orban fort. "Doch es war weise: In einer schwierigen Lage sind die kühnsten Pläne die sichersten."

Bei der Parlamentswahl am Sonntag blickt der konfliktfreudigste Regierungschef eines EU-Landes seiner sicheren Wiederwahl entgegen. Offen scheint nur mehr noch, ob Orbans rechtsnationaler Bund Junger Demokraten (Fidesz) erneut eine Zweidrittelmehrheit erringt. Die letzten Meinungsumfragen lassen dies möglich erscheinen. Das Institut Median gibt dem Fidesz 47 Prozent der Stimmen, dem Mitte-Links-Bündnis um die Sozialistische Partei (MSZP) 23 und der rechtsradikalen Jobbik 21 Prozent der Stimmen. Das Wahlrecht begünstigt die relativ stärkste Partei. Ein Vorsprung von 15 Prozentpunkten auf die zweitplatzierte Allianz kann laut Wahlforschern für die Supermehrheit reichen.

Die verfassungsändernde Mehrheit, die er sich 2010 sicherte, nutzte Orban für ein mehr als kühnes Durchregieren. Und ihm liegt sehr daran, dies so fortsetzen zu können. "Die Kommunisten" - so Orbans Schmähwort für alles Linke und Liberale - "werden alle da sein, also seien auch wir alle da", munterte er seine Anhänger auf. Orbans einzige Angst: dass wegen des vermeintlich sicheren Wahlausgangs zu viele seiner Wähler zu Hause bleiben. Doch wirklich begründet ist die Befürchtung nicht. Bis ins letzte Dorf existiert ein Netzwerk an parteiloyalen Politikern, von ihnen abhängigen Geschäftsleuten und bezahlten Aktivisten.

Mit seiner Übermacht auf allen Ebenen hat Orban seine Gegner das Fürchten gelehrt. Seinen Anhängern gab er das Gefühl einer Befreiung von Mächten, die er gerne als "Kolonisatoren" brandmarkt: von der EU, die ihm auf die Finger zu klopfen trachtet, oder vom Internationalen Währungsfonds (IWF), den er nach eigenen Worten aus dem Land "hinauskomplimentiert" hat. Zugleich müssen nicht Fidesz-treue Staatsbeamte ständig um ihren Job bangen, denn sie dürfen jederzeit ohne Begründung entlassen werden.

2011 setzte Orban eine neue, nationalistische, auf Machterhalt abzielende Verfassung durch. An Zensur grenzende Regelungen für Medien sind darin ebenso verankert wie die Beschneidung der Rechte des Verfassungsgerichts. Ganze Politik-Felder sind künftigen, eventuell anders zusammengesetzten Regierungen entzogen, wenn sie nicht ihrerseits über eine Zweidrittelmehrheit im Parlament verfügen. Mit einer neuen Zweidrittelmehrheit könnte Orban seine Macht weiter ausbauen.