UN Leitartikel: UN-Tribunal schafft mehr Gerechtigkeit

Ulm / Elisabeth Zoll 21.12.2017
Das UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien schließt am Donnerstag seine Türen. Es hat bahnbrechendes geleistet.

Gerechtigkeit bedeutet, dass Menschen Frieden finden können“, sagt der syrische Anwalt Anwar al-Bunni und hofft, dass dieser Satz eines Tages auch für Kriegsopfer seines Landes gilt. Doch was heißt Gerechtigkeit angesichts hunderttausender Toter?

Mit der Einrichtung des Kriegsverbrechertribunals für Ex-Jugoslawien, 1993, hat die Weltgemeinschaft versucht, eine Antwort zu geben. Am Donnerstag schließt das Gericht seine Türen. Hat es Gerechtigkeit geschaffen?

Die Kriege auf dem Balkan haben in den 90er Jahren Gräuel nach Europa zurückgebracht. Wenige Autostunden von uns entfernt wurde gemordet, vergewaltigt, verstümmelt, versklavt und vertrieben. Nationalisten versuchten mit Barbarei, ethnische Grenzen zu ziehen. Neue Orte des Schreckens brannten sich in die Gedächtnisse ein: Srebrenica, Omarska, Brcko. Sie klingen heute noch nach dem Unvermögen der Weltgemeinschaft, den Hass zu stoppen.

Doch zumindest eines wollte sie nicht mehr zulassen: das Verschweigen von Schuld. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Gräuel zwischen Hitlerverbündeten und Gegnern im jungen Vielvölkerstaat nicht aufgearbeitet. Unter der Decke erzwungener Einheit schwelten Hass und alte Traumata weiter.

Dem wollte das Tribunal einen Riegel vorschieben. Zu den Verdiensten des Gerichts zählt, dass es nicht Halt machte vor großen Namen: Radovan Karadzic, Ratko Maldic, Slobodan Milosevic. Sie wurden zur Rechenschaft gezogen für Morde, die in ihrem Auftrag begangen wurden, und für die Zerstörung kulturellen Erbes. Heute kann sich kein Despot mehr sicher sein, dass ihn Herkunft, Geld oder Immunität vor Verfolgung schützt. Der Preis für vergleichsweise wenige aufwändige Prozesse war, dass die Masse der Übeltäter nicht zur Verantwortung gezogen wurde. Für Opfer ist das bitter. Denn sie müssen Schergen von damals oft als Politiker von heute ertragen.

Wichtig jedoch ist: Das Tribunal hat den Ohnmächtigen Stimme gegeben. 4000 Zeugen wurden gehört. Mütter konnten erzählen von ihren ermordeten Söhnen, Frauen ihre Peiniger mit deren Widerlichkeiten konfrontieren. Es ist eine der großen Leistungen des Gerichts, dass es Vergewaltigungen 2001 als Kriegsverbrechen anerkannte. Die Uno zog mit der internationalen Ächtung 2008 nach. 

Nicht geschafft hat das Tribunal trotz unzähliger Dokumente und Aussagen, eine gemeinsame Wahrheit über das Kriegsgeschehen zu finden. Auf dem Balkan sind die Verbrecher der einen die Helden der anderen. Es wird Jahrzehnte dauern, bis der Fundus gesammelter Kriegsdokumente gemeinsam bewertet werden kann. Doch die Daten sind gesichert. Auf vergiftete Legenden Überlebender ist die Nachwelt nicht angewiesen. Wohl aber auf den Mut, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Trotz der TV-Übertragungen hat das Tribunal die breite Öffentlichkeit nur selten erreicht. Das bleibt eine Aufgabe für die Politik. Aspekte von Gerechtigkeit hat das Gericht zum Leuchten gebracht. Sie strahlen über die Zeit und über die Kriegsorte hinaus.

leitartikel@swp.de

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