Ukraine Ukraine: Berichten unter Lebensgefahr

Ein Journalist, Ende April, inmitten von Auseinandersetzungen zwischen prorussischen und Kiew-treuen Kräften in der ostukrainischen Stadt Donezk. Reporter in der Region leben gefährlich. Ermittler des UN-Hochkommissariats gehen von mindestens 23 verschleppten Medienschaffenden im Osten des Landes aus. Foto: Getty Images
Ein Journalist, Ende April, inmitten von Auseinandersetzungen zwischen prorussischen und Kiew-treuen Kräften in der ostukrainischen Stadt Donezk. Reporter in der Region leben gefährlich. Ermittler des UN-Hochkommissariats gehen von mindestens 23 verschleppten Medienschaffenden im Osten des Landes aus. Foto: Getty Images
Donezk / STEFAN SCHOLL 17.05.2014
Wie unser Reporter Stefan Scholl die Entführung eines Kollegen in der Ostukraine erlebte: Im ukrainischen Bürgerkriegsgebiet entfaltet sich grausame Unberechenbarkeit. Journalistische Berichterstattung wird immer riskanter. Das zeigt die Entführung des russischen Reporters Pawel Kanygin.

Der Lauf der Kalaschnikow schwenkt in Richtung Pawel. "Wo ist deine Pressekarte?", sagt der klotzige Kämpfer, den sie hier Leonidowitsch nennen. "Ich schieße dir ein Loch in die Brust." Er meint meinen Reisegefährten, den 25-jährigen russischen Reporter Pawel Kanygin. Elf Uhr nachts ist es in Artjomowsk, Region Donezk, Ostukraine. Etwa 50 Leute, die vor dem "Klub der Veteranen und Jugend" auf die Urnen aus den anderen Wahllokalen gewartet haben, toben: "Missgeburt!", "Schmierfink!", "Faschist!"

Der Tag war mühsam: Kaum Schlaf im Nachtzug aus Odessa, in Gorlowka in ein Taxi, ein uralter Schiguli mit über einer Million Kilometer auf dem Tacho. Straßensperren, Kalaschnikows, dann Wahllokale in Artjomowsk. An diesem Tag lässt die separatistische "Volksrepublik Donezk" über eine Abspaltung von der Ukraine abstimmen. Die Interviews verlaufen zäh, die Leute fragen misstrauisch, ob ich auch so ein EU-Anhänger sei. Ich schreibe eine hastige Reportage, Pawel, der erst morgen Redaktionsschluss hat, platziert derweil Fotos von der Volksabstimmung auf Facebook und schreibt Kommentare dazu.

Die Menschen vor dem Klub aber haben seine Facebook-Seite entdeckt. "Warum hast du geschrieben", ruft ein junger Mann, "unsere Wahlzettel sähen aus wie Fotokopien?" "Und was heißt das: ,Bei der Abstimmung waren kaum junge Leute zu sehen." Und wieso habe Pawel den untergetauchten Bürgermeister, der das Separatistenreferendum verbieten wollte, als "kühn" bezeichnet. Pawel wehrt sich. "Leute, das ,kühn ist doch ironisch gemeint."

Auch ich bin eingekreist, auch meine Dokumente wollen sie sehen, ein Mann erinnert sich, seine Großväter hätten im Krieg gegen die Deutschen gekämpft: "Ich geh mit dir um die Ecke und knall dich ab." Jemand ruft dazwischen: "Lasst Stefan in Ruhe, der schreibt ordentlich."

Die Leute hassen Pawel, nicht mich. Außer auf Facebook schreibt er für die Moskauer Oppositionszeitung "Nowaja Gaseta". Er ist einer der wenigen russischen Reporter, der die prorussischen Separatisten offen kritisiert. Noch schlimmer, er kritisiert sie auf Russisch.

Der mit einer Kalaschnikow bewaffnete Leonidowitsch soll eigentlich das Wahllokal beschützen. Er packt Pawel an der Schulter und führt ihn zur Seite, redet mit einem anderen Mann auf ihn ein. Die Meute konzentriert sich für kurze Zeit auf mich: "Und du, schreibst du auch ironisch?""Die Kiewer Junta will uns erschießen lassen. . ." Nach ein paar Minuten lassen die zwei Männer Pawel laufen.

Einige haben inzwischen ihre Smartphones nach weiteren journalistischen "Gemeinheiten" des russischen Reporters befragt - und meinen, fündig geworden zu sein. Eine ukrainische Internetseite hat Pawels Facebook-Text abgedruckt mit dem Titel: "Die Separatisten verschleppen einen Bürgermeister". "Das ist doch nicht meine Zeitung", ruft Pawel, "die Überschrift ist von den Ukrainern." Es hilft nichts, der Kreis um ihn wird immer lauter, immer enger, er wird geschubst, gestoßen, eine 57-jährige Wahlhelferin brüllt ihm ins Gesicht: "Du Drecksstück, meine beiden Söhne stehen da draußen und sterben für die Freiheit, du aber schreibst so etwas." In den Köpfen der Leute herrscht Krieg, und Krieg erdrückt bekanntlich alle Duldsamkeit.

Leonidowitsch packt Pawel erneut und zerrt ihn in einen Wagen. "Du kommst jetzt nach Slawjansk, in den Keller."

In der Separatistenhochburg Slawjansk halten die Aufständischen nach verschiedenen Angaben 14 bis 40 Leute gefangen. Dorthin verschleppten sie sieben Militärbeobachter, fünf ukrainische Journalisten, einen US-israelischen Journalist, die Leichen zweier proukrainischer Aktivisten wurden in der Umgebung entdeckt. In der Ostukraine entfaltet sich eine grausame Unberechenbarkeit. Wie in Bürgerkriegen üblich, kann sie jeden treffen, der sich dort aufhält. Der russische Fotograf Petja Schemelowski stand bei einer Schießerei in Krasnoarmeisk neben einem unschuldigen Zivilisten, der durch einen Querschläger tödlich getroffen wurde.

Pawel bringen sie aber doch nicht nach Slawjansk, sondern zur nächsten Straßensperre bei Wolodarka. Dort verhört und beschimpft man den Journalisten. Seine Entführer ziehen ihn aus, schlagen ihn und drohen, ihn zu töten.

Ich sitze im Hotel, gegen drei Uhr nachts klingelt das Handy: Pawel. Er fragt, ob ich 1000 Dollar auftreiben kann. "Für die Bedürfnisse der Volksrepublik", brummt eine Stimme hinter ihm. Ich habe 550 Euro, fehlen noch 200 Euro. Ich haste in die Nacht hinaus, der Apparat der "Russischen Sparkasse" spuckt 4000 Hriwnja aus. Zurück zum Hotel.

Dort stehen neben einem Lada Pawel und ein kleiner maskierter Mann mit blanker Pistole in der Hand. Ich reiche ihm das Geld, er betrachtet skeptisch den zerknitterten 500-Euro-Schein, die Hriwnja-Scheine zählt er nicht nach. "Wir übergeben Pawel den Jungs in Gorlowka", sagt er. "Von dort wird er nach Donezk gebracht." Der Maskierte scherzt, sie würden für Pawel in Donezk noch ein Interview über die Volksabstimmung organisieren. Ich scherze zurück, das hätte ja wohl eher ich verdient. Mir scheint, das Schlimmste sei überstanden.

Irrtum. Statt Pawel freizulassen, verlangen die Rebellen zwei Stunden später 30 000 Dollar von Pawels Moskauer Redaktion. Der Chefredakteur sagt mir am Telefon, er fliege mit dem Geld nach Donezk, aber vorher habe er noch Gespräche in Moskau. Es sind offenbar Gespräche mit einflussreichen Leuten. Gegen zwölf Uhr mittags ruft mich Pawel an: Er sei gerade in einem Donezker Hotel aufgewacht, seine Entführer hätten ihm wohl etwas in das Glas Mineralwasser geschüttet, dass sie ihm aufgenötigt hatten.

Einer der Wahlorganisatoren aus Artomjowsk ruft an und entschuldigt sich. "Die Leute sind außer sich geraten. Und wir waren gerade unterwegs, mussten noch eine Wahlurne abholen." Man habe den flüchtigen Täter aber schon identifiziert.

Doch Urnenwächter Leonidowitsch war nur ein Beteiligter. Neben ihm hat sich ein kompletter Kontrollpunkt der "Volksrepublik Donezk" an Pawels Gefangennahme beteiligt. Die Frage keimt, wie viel Geld hier schon für freigelassene Geiseln geflossen ist.

Seine Entführer haben Pawel malträtiert und ausgeraubt, eine Nacht lang auf seiner Psyche herumgetrampelt. "Das war ganz schön viel Adrenalin", sagt Pawel. Er lächelt schon wieder. "Aber ich hatte immer noch Reserven." Der Terror ist offenbar an ihm abgeperlt. "Nur dumm, dass sie mir einen Zahn entzweigehauen haben."

Folter und gezielte Tötungen

Untersuchung Die Gewalt in der Ostukraine habe "alarmierende" Ausmaße erreicht, erklärte die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, gestern in Genf, als sie einen Bericht vorstellte. Ermittler hatten Gewalttaten in der Ostukraine und auf der Krim vom 2. April bis zum 6. Mai untersucht.

Gräueltaten In der Ostukraine häufen sich laut Bericht "gezielte Tötungen, Folter und Misshandlungen, Entführungen" und sexuelle Übergriffe. Vor allem "gut organisierte und gut ausgerüstete Anti-Regierungstruppen" seien für die Taten verantwortlich. Die Ermittler gehen von mindestens 23 verschleppten Journalisten aus. Das Uno-Team macht aber auch ukrainischen Sicherheitskräften und der Armee schwere Vorwürfe. Es gebe Anschuldigungen, dass auch sie für Tötungen und Entführungen verantwortlich seien. Zudem käme es zu Übergriffen gegen Tataren auf der russisch kontrollierten Halbinsel Krim. 

 

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