Metin Sen hat schon viel Auf und Ab erlebt, seit über 40 Jahren ist er in der Gastronomie. Aber so eine Saison? Da muss der 69-jährige Hotelier aus dem südtürkischen Kemer lange nachdenken. „Die Situation erinnert mich an das Jahr 1980, als die Türkei im Chaos versank, und schließlich das Militär die Macht übernahm.“ Als Sen vor anderthalb Wochen im Fernsehen die Bilder von den Selbstmordattentaten auf dem Istanbuler Atatürk-Flughafen sah, wusste er: „Diese Saison ist gelaufen, da kommt nichts mehr.“

Vor Sens Drei-Sterne-Hotel flattern die Fahnen vieler Länder, auch die deutsche und die russische. Aber viele Gäste, die sich an dem Flaggenschmuck erfreuen könnten, gibt es nicht. „Vier Deutsche, zwei Russen“ zählt der Hotelmanager in der Gästeliste. Von insgesamt 98 Zimmern sind nur 23 belegt.

Wie bei Sen sieht es in vielen türkischen Hotels aus. Die Reisebranche zahlt einen sehr hohen Preis für die Welle von Anschlägen, mit der die Terrormiliz des so genannten „Islamischen Staats“ (IS), kurdische Terroristen und linksextreme Untergrundgruppen das Land überziehen. Der Terrorismus ist kein neues Phänomen in der Türkei. Von früheren Anschlägen konnte sich der Tourismus aber immer wieder relativ schnell erholen, wie im November 2003, als islamistische Fanatiker mit mehreren Autobomben in Istanbul 24 Menschen töteten, oder 2006 und 2009, als die kurdische Terrororganisation TAK Brandanschläge in Istanbul verübte.

Jetzt aber folgen die Attentate in immer kürzerer Folge aufeinander. In den vergangenen zwölf Monaten starben bei 17 Anschlägen in sieben türkischen Städten fast 300 Menschen. Und immer öfter geraten Touristen ins Fadenkreuz der Terroristen: Im Januar riss ein mutmaßlicher IS-Selbstmordattentäter in der Nähe der Blauen Moschee in Istanbul zwölf Mitglieder einer deutschen Reisegruppe in den Tod. Nur zwei Monate später tötete ein Selbst- mordattentäter auf der Istiklal Caddesi, Istanbuls Einkaufsstraße, vier ausländische Besucher.

Die Folgen für den Tourismus sind dramatisch: in den ersten fünf Monaten ging die Zahl der ausländischen Besucher gegenüber dem Vorjahr um 23 Prozent zurück. Im Mai betrug der Rückgang sogar 35 Prozent. Nach einer Emnid-Umfrage für „Bild am Sonntag“ sagen 87 Prozent der Deutschen, die Türkei komme für sie als Urlaubsland in diesem Jahr nicht infrage.

Der Einbruch der Besucherzahlen ist allerdings nicht allein der prekären Sicherheitslage geschuldet. Auch die Politik spielt hinein: Seit sich Staatschef Recep Tayyip Erdogan 2010 mit Israel überwarf, geht die Zahl der israelischen Urlauber kontinuierlich zurück. Nachdem die türkische Luftwaffe im vergangenen November ein russisches Kampfflugzeug im syrischen Grenzgebiet abschoss, verhängte Kreml-Chef Wladimir Putin einen Reiseboykott gegen die Türkei. Die Folge: Die Zahl der Besucher aus Russland, nach Deutschland der wichtigste Markt der Türkei, brach um 92 Prozent ein. Das Russland-Debakel trifft vor allem die Südküste: Am Flughafen des türkischen Touristenmekkas Antalya ging die Zahl der ankommenden Touristen in diesem Jahr um 60 Prozent zurück. Mehr als 1300 Hotels in der Region haben bereits Konkurs angemeldet. Ladeninhaber in der Urlauberhochburg Alanya organisierten bereits einen gemeinsamen Bittgottesdienst – in der Hoffnung, Allah möge ihnen wieder Touristen schicken.

Mehr Erfolg verspricht eine diplomatische Freundschaftsoffensive des türkischen Präsidenten: Nachdem Erdogan Ende Juni in einem Brief an Putin sein Bedauern über den Abschuss aussprach und die beiden Männer erstmals seit dem Zwischenfall wieder miteinander telefonierten, hob der Kremlchef vergangene Woche den Reiseboykott gegen die Türkei auf.

Auch Hotelier Sen hofft inständig, dass die politische Wiederannäherung Früchte tragen und wieder russische Besucher in größerer Zahl in die Türkei locken wird. „Aber das werden wir erst 2017 sehen“, meint der Hotelier. „Für dieses Jahr mache ich mir keine Hoffnungen mehr.“