Türkei sucht Gastarbeiter

GERD HÖHLER 04.02.2013
Jahrzehntelang suchten Türken Jobs im Ausland. Jetzt rufen türkische Firmen nach ausländischen Arbeitskräften - wegen der Lohnkosten.

"Wir sollten ein Gastarbeiter-Anwerbeprogramm starten", sagte Arslan Erdinc, Chef des Verbandes der ägäischen Bergbau-Exporteure (EMIB). Vorbild könnten die Anwerbeabkommen sein, die Deutschland seit Mitte der 1950er Jahre zunächst mit Italien und später auch mit der Türkei abgeschlossen hat.

Die türkische Bergbaubranche erlebt einen Boom. Die Türkei ist reich an Bodenschätzen. Neben Braun- und Steinkohle verfügt das Land über viele Metalle, Erden und Steine. Mit dem Export dieser Güter verdiente die Türkei 2012 fast 3,2 Milliarden Dollar. Doch es könnte mehr sein. Denn viele Minen und Steinbrüche arbeiten nur mit reduzierter Kapazität, weil es an Arbeitskräften fehlt. "Dies sind Jobs, die Türken nicht mehr gern annehmen", sagt Erdinc. Der "türkische Wohlfahrtsstaat" sei daran schuld, erklärte er: "Es gibt Arbeitslosenversicherung und ein kostenloses Gesundheitswesen, das hat die Leute faul gemacht."

Was der Arbeitgeberfunktionär verschweigt: In vielen Bergbaubetrieben herrschen Bedingungen wie im 19. Jahrhundert. Die meisten Arbeiter haben Zeitverträge und bekommen nicht einmal den staatlich festgesetzten Mindestlohn, der bei 324 Euro im Monat liegt. So sparen die Firmen Lohn und Sozialversicherungsabgaben. Die Sicherheitsvorkehrungen sind unzureichend. Der Einsatz ungelernter Arbeitskräfte, die keinerlei Notfalltraining haben, führt immer wieder zu Unglücken. Erst im Januar starben in der Minenstadt Zorlu acht völlig unerfahrene Kumpel in einer staatlichen Grube.

Unlängst versammelten sich in der Bergbaustadt Zonguldak an der Schwarzmeerküste etwa 15 000 Arbeiter und deren Familien, um gegen das "taseron"-System zu protestieren. So nennt man in der Türkei die weit verbreitete Praxis, über Subunternehmer Leute zu beschäftigen. Das bedeutet schlechtere Bezahlung, keine Sozialleistungen, kein Kündigungsschutz.

Auch auf vielen türkischen Baustellen wird nach diesem System gearbeitet. Kein Wunder, dass sich immer mehr Türken weigern, zu diesen Bedingungen zu arbeiten. "Deshalb suchen die Arbeitgeber jetzt nach Gastarbeitern, um die Lohnkosten niedrig zu halten", sagt der Gewerkschafter Cemal Bilgin.