Katalonien Leitartikel: Separatismus kann auch gut sein

Separatisten Kataloniens feiern ihren Wahlsieg.
Separatisten Kataloniens feiern ihren Wahlsieg. © Foto: dpa
Berlin / Hajo Zenker 22.12.2017

Bleiben oder gehen – über diese Frage wird in Katalonien weiter gerungen. Die Fronten sind verhärtet – man kann einfach nicht mehr miteinander. Trotz aller Aufgeregtheiten um Bewegungen, die sich von einem Land lösen oder wie Großbritannien aus der Europäischen Union verabschieden wollen sowie den Folgen zum Beispiel für Nordirland oder Schottland: Solche Bestrebungen sind nicht neu.

Kaum hatten etwa die Bürger der Tschechoslowakei 1989 die kommunistische Herrschaft beendet, stellten beide Landesteile fest, wie fremd sie sich eigentlich sind. Die Tschechen wollten die arme Slowakei nicht weiter alimentieren, eine Ansicht, die man heute von Katalanen genauso hört wie etwa von den Bewohnern der Lombardei und von Venetien in Norditalien. Die Slowaken wiederum fühlten sich stets ferngesteuert und untergebuttert von der Zentrale in Prag. Als beide Teile dann noch Parteiführer an die Spitze wählten, die politisch, ökonomisch und persönlich komplett verschieden tickten, einigte man sich auf die Teilung des Landes – per Parlamentsbeschluss. Motto: Ein Staat, der am grünen Tisch entstanden ist, kann an einem solchen auch aufgelöst werden. Zivilisiert und vollkommen friedlich. 25 Jahre ist das jetzt hier.

Es war der Startschuss für eine Erfolgsgeschichte. Die Tschechen konnten an ihre alte Industrietradition anknüpfen. Sie haben heute die niedrigste Arbeitslosenquote aller EU-­Länder. Die einst unterentwickelte Slowakei startete eine wirtschaftliche Aufholjagd, die – ähnlich wie beim tschechischen Nachbarn – besonders der Autoindustrie zu verdanken ist. In der Slowakei verwendet man seit 2009 den Euro, die Tschechen behielten ihre Krone.

Politisch ging es weniger geradlinig zu. Heftige Richtungswechsel, Populisten von links und rechts, Korruptionsfälle schüttelten das Parteiensystem durch. In Tschechien wurde gerade erst eine Minderheitsregierung mit der Protestpartei des Milliardärs Andrej Babis gebildet, übrigens ein gebürtiger Slowake. Ein Konstrukt, von dem keiner weiß, wie lange es hält. Aber populistische Wahlerfolge sind auch bei alteingesessenen EU-­Mitgliedern nicht mehr ungewöhnlich. Anders als EU­-Länder im Westen halten aber Tschechen und Slowaken rein gar nichts davon, aus Brüssel Flüchtlingsquoten aufgedrückt zu bekommen, wohl ein Reflex auf die einstige Moskauer Vorherrschaft.

Jedenfalls wurden zwei Staatswesen aufgebaut, die vielen Bürgern eine sichtbare Verbesserung ihres Lebens bescherten – mit tatkräftiger Hilfe von Fördergeldern der EU, der beide Länder sei 2004 angehören. Und die doch bei den Slowaken weit beliebter ist als bei den Tschechen. Untereinander allerdings verstehen sich Tschechen und Slowaken so gut wie wohl noch nie.

Gutes Nebeneinander ist nach der Scheidung also möglich, getrennt durch Staatsgrenzen, vereint durch die EU. Darüber lohnt nachzudenken in einer Zeit, wo gern Separatismus gegeißelt wird, ohne aber dauerhafte Lösungen für Regionen wie Katalonien präsentieren zu können.

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