München Trommeln für die CSU

Leslie Mandoki in seinem Tonstudio. Hier mischt der einstige Dschinghis-Khan-Sänger nicht nur Musik, hier denkt er auch über Politik nach. Foto: Imago / Stefan m Prager
Leslie Mandoki in seinem Tonstudio. Hier mischt der einstige Dschinghis-Khan-Sänger nicht nur Musik, hier denkt er auch über Politik nach. Foto: Imago / Stefan m Prager
München / PATRICK GUYTON 13.03.2013
Mit Leslie Mandoki, dem erfolgreichen Musik-Produzenten und einstigem Dschinghis-Khan-Sänger, wollen sich die Christsozialen moderner geben - bunter in der Hülle, konservativ im Kern.

Wer hier warten muss, dem wird nicht langweilig. Eine Mitarbeiterin geleitet ins Privatkino, ein ans Haus angebauter Container - zehn rote, komfortable Sitze in drei Reihen darin, eine große Leinwand. Sehr edel, der Film beginnt.

Von der ersten Minute an wird in den Video-Sequenzen bei dieser Kinovorführung gerockt, lauter Blues gespielt, bombastische Pop-Klangteppiche nehmen den Raum ein. Rock-Klassiker, einer ist an den nächsten geschnitten: Locomotive Breath, Papa was a Rolling Stone, Smoke on the Water. Und, natürlich, Imagine von John Lennon. Es spielen die "All Stars" aus den Bands von früher. Einer ist immer dabei, er trommelt und singt manchmal: Leslie Mandoki. Und hier, in seinen Studios in Tutzing oberhalb des Starnberger Sees gelegen und nur 200 Meter Luftlinie zum Wasser, werden all diese Menschen und all diese Musik zusammengewoben. Hier ist Produktionsort und Schaltzentrale eines Musik-Universums.

Inmitten von all dem ist Leslie Mandoki. Schlagzeuger, Musikproduzent, Klangmaler. Weltweit bestens vernetzt. Einst Sänger in der Gruppe Dschinghis Khan. Im Herbst soll er Politiker werden, die oberbayerische CSU wird ihn zum Kandidaten für den Landtag nominieren. Ein Musiker, der ein Schwarzer ist und mit dem sich die Christsozialen bunt geben wollen.

Mandoki, eben 60 Jahre alt geworden, bittet auf die große Terrasse im ersten Stock. Es ist der zweite Sonnentag des Jahres, traumhafter Blick über den See. Bayern weiß-blau. Warum kandidieren Sie für die CSU? "Europa ist ein wunderbarer Fleck Erde", sagt er. Erst einmal erzählt er von seinem Denken, seiner Welt. "Hier gibt es keine Folter, keine Zensur, keine Bespitzelung und keinen Schießbefehl mehr."

Mandoki stammt aus Ungarn. Als Student gehörte er der Opposition in dem kommunistischen Land an und floh mit 22 Jahren in die Bundesrepublik. "Mir ist Bildung wichtig und die Chancengleichheit", sagt er. In Deutschland, in Bayern seien ihm Toleranz und Warmherzigkeit begegnet. Er kandidiere aus einem "patriotischen Gefühl": "Ich habe viel empfangen von diesem Land, deshalb möchte ich auch etwas zurückgeben." Er redet darüber, wie bedeutend Umweltschutz ist und dass Finanzwetten im Bankensektor verboten gehörten.

Herr Mandoki, eigentlich sind Sie ein Grüner. "Nein!" Der Staat müsse auch ordentlich wirtschaften, ohne Schulden. Dieses "paradiesische Bayern" habe sich vom armen Agrarland hochgearbeitet. Jetzt würden beste Löhne bezahlt, es gebe Elite-Universitäten, eine saubere Umwelt. Die Grünen? "Sympathische Fragesteller, sehr wichtig für die Gesellschaft." Ihn aber ziehe es hin zu "Menschen, die Antworten geben". Etwa christsoziale Politiker.

Sind sie ein Rocker? "Ja, klar". Zumindest wirkt er locker und ohne Dünkel. Wie einer, der sofort die Schlagstöcke nehmen und bei einer Garagenband trommeln würde. Diesen Mann mit den langen Haaren und dem mächtigen Schnauzer gewinnt die CSU nun zum Werbeträger. Welche Häutung durchlebt die Partei gerade, die doch Inbegriff des bayerischen Konservativismus ist?

Bei der Oberflächenerscheinung scheint es Schlag auf Schlag in Richtung Moderne zu gehen.

Überdeutlich hat das Alexander Dobrindt im Januar vergangenen Jahres mit seiner neuen Brille gezeigt. Der CSU-Generalsekretär präsentierte sich mit einem gewaltigen schwarzen Horngestell à la Woody Allen. Dobrindt, jetzt der intellektuelle Großstadt-Nerd. Es folgte die Facebook-Party von Ministerpräsident Horst Seehofer im Münchner Nobel-Club P1. Alle seine digitalen Freunde lud Horst ein. Der Andrang vor Ort war eher bescheiden, riesig hingegen das mediale Echo: Horst ist ein Facebook-Friend, irgendwie ein cooler Typ.

Die Aktionen seien "kein Schuss nach hinten", wertet der Dresdner Politik-Professor Werner Patzelt den neuen CSU-Außenanstrich. Patzelt ist ein Bayer, er stammt aus Passau, und er ist der CSU gewogen. Dennoch bewahrt er analytisch-ironische Distanz. Der vernichtende Absturz bei der Landtagswahl 2008 habe der Partei gezeigt: "Andere junge Leute prägen das geistige Klima in Bayern." Eine "Schockerfahrung" sei es gewesen, als die CSU mit der FDP koalieren musste. Zuvor hatte die Partei Edmund Stoiber weggestoßen.

"Der Edmund ist ein herzlicher Freund", sagt Leslie Mandoki. "Ein humorvoller, liebevoller, toller Kerl." Er kennt die CSU-Granden. Die Oberbayern-Chefin Ilse Aigner - "eine gute Freundin" - ruft an und lädt ihn zum Essen ein. Mit dem Edmund pflege er "tiefen Gedankenaustauch."

Mit seinen 71 Jahren genießt Stoiber in der CSU mittlerweile Kult-Status, ein spät berufener Pop-Star. Seine legendär verunglückte Rede über die Vorzüge des Transrapids ("Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München ") gilt als CSU-Markenzeichen. Sie wurde schon als Schlagzeug-Version von einem Absolventen der Pop-Akademie Baden-Württemberg vertont. Auch andere in der Partei frönen der Blödelei. Finanzminister Markus Söder verkleidete sich bei der Fastnacht im fränkischen Veitshöchheim als Marilyn Monroe. Die Bilder erschienen in ganz Bayern - manche mögens heiß. "Die CSU ändert ihre Benutzeroberfläche", sagt Professor Patzelt. "Aber sie behält ihre Hardware und ihre Programme." Die Bayern sähen das selbstironischer als der Rest der Republik.

Der schwarze Rocker Leslie Mandoki macht Musik mit vielen Top-Stars seines Alters, er bringt sie zusammen: Phil Collins, Lionel Richie, Soul-Diva Chaka Khan. Roger Hodgson (Supertramp), Eric Burdon, Ian Anderson (Jethro Tull). Bei ihm entstehen die CDs von Peter Maffay. Auch der Peter ist "ein sehr guter Freund", sagt Mandoki. "Er wohnt gleich da unten, wir sind Nachbarn", und deutet den Hang hinab. Zwei Häuser, Seezugang.

Viele kennen Leslie Mandoki, alle aber zumindest jenseits der 40 Jahre Dschinghis Khan. Die Retorten-Band vom Grand Prix 1979 ist unauslöschbar ins kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik eingebrannt. Dschinghis Khan kandidiert für die CSU - so oder ähnlich wird immer wieder getitelt. Das bleibt an Mandoki haften. Er war einer der fünf Sänger, es war eine kurze Episode. Mandoki nickt nur zu der Aussage von Peter Maffay: "Ihn auf Dschinghis Khan zu reduzieren, ist dumm."

Beim Fest zum 70. Geburtstag von Edmund Stoiber drängte er darauf, Songs aus Stoibers Generation zu spielen - Janis Joplin zum Beispiel und Jimi Hendrix. Stoiber war einverstanden, Leslie Mandoki brachte das Prinzregententheater zum Rocken.

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