Essen Triumph voller Häme und Spott

Haben sich nicht mehr viel zu sagen: Der bisherige AfD-Vorsitzende Bernd Lucke und seine Nachfolgerin Frauke Petry auf dem Parteitag in Essen.
Haben sich nicht mehr viel zu sagen: Der bisherige AfD-Vorsitzende Bernd Lucke und seine Nachfolgerin Frauke Petry auf dem Parteitag in Essen. © Foto: dpa
Essen / ANDRE BOCHOW 06.07.2015
Vor 3500 Mitgliedern endete am Wochenende die politische Karriere von Bernd Lucke in der Alternative für Deutschland (AfD). Seiner Wahlniederlage gegen Frauke Petry gingen demütigende Szenen voraus.

Der Sonntag beginnt in Essen mit einem Gewitter. Der Regen prasselt auf das Dach der Grugahalle in Essen. Viele, die am Vorabend noch da waren, sind nach Hause gefahren. Aber die verbliebenen 2000 AfD-Mitglieder jubeln trotzdem laut. 83,8 Prozent steht auf der Leinwand. Das ist das Wahlergebnis für Alexander Gauland. Er ist jetzt Stellvertreter im Bundesvorstand. Eine Brandenburg-Fahne wird geschwenkt. Ein weiterer Sieg jener, die als national-konservativ gelten. Gauland ist neben Frauke Petry (40) ihr wichtigster Held. Später werden noch andere aus diesem Lager in den Vorstand gewählt.

Bernd Lucke (52), der Gründer der Alternative für Deutschland (AfD), muss weg. Das war von Anfang an das erklärte Ziel der National-Konservativen auf diesem Mitgliederparteitag, der am Samstagvormittag pünktlich beginnt. Vor der Grugahalle protestiert nur eine Handvoll Unentwegter gegen die AfD. Auch der Antifa ist es an diesem Tag zu heiß. Ein junger Linker hockt am Boden und sagt matt: "Die AfD ist scheiße."

In der Halle fächeln sich schon bald 3500 Menschen die immer schlechter werdende Luft zu. Es herrschen die älteren Semester vor, überwiegend Männer. Obwohl viele kurze Hosen tragen, fließt der Schweiß. Auf dem Podium sitzen Bernd Lucke und Frauke Petry nebeneinander. Sie sehen einander nicht an. Lucke hat einen "Weckruf 2015"-Aufkleber am Revers. Im Saal überwiegen die Buttons mit der Aufschrift: "Weckruf - Nein Danke". Luckes Weckruf haben aber immerhin ein Fünftel der Parteimitglieder unterschrieben - aus Sorge vor dem Abdriften der AfD nach rechts haben sie einen eigenen Verein innerhalb der Partei gegründet.

Als erster der drei Sprecher, die zu diesem Zeitpunkt an der Parteispitze stehen, spricht der Publizist Konrad Adam. Ruhig und sachlich nimmt er Lucke auseinander. Über das Rednerpult gebeugt sagt der 73-Jährige: "Neulich fand ich in einer großen Tageszeitung den Bericht über eine Partei, in der alle nur über die Wünsche eines einzelnen Herren reden und niemand über Politik." Adam macht eine kurze Pause. "Ah, dachte ich, endlich mal etwas über die AfD und Bernd Lucke." Petry lacht, Lucke wirkt wie versteinert. "Aber es ging um die Linkspartei und Gregor Gysi." Jetzt langt Adam richtig hin: Er spricht über Selbstgerechte im Allgemeinen. "Der Selbstgerechte hält sich gern für einen guten Hirten." Heiterkeit im Saal. "Wogegen wenig einzuwenden wäre, wenn das nicht mit dem Anspruch verbunden wäre, den Rest der Welt für Schafe zu halten."

Die Reaktion des Publikums zeigt, dass Lucke schon in diesem Moment chancenlos ist. Schließlich gibt Adam auch noch die künftige Ausrichtung der Partei vor. Das Leib-und Magenthema der AfD soll die Zuwanderung sein. Schließlich sei es eine "existenzielle Frage, wie man Einwanderer von Gästen, Asylanten von Scheinasylanten und Flüchtlinge von Erpressern unterscheidet". Heute werde man schnell abgestempelt, sagt Adam. "Als rechts gilt heute, wer einer geregelten Arbeit nachgeht, wer seine Kinder pünktlich in die Schule schickt und wer der Ansicht ist, dass der Unterschied von Mann und Frau mit bloßem Auge zu erkennen ist." Jubel im Saal.

Dann ist Lucke an der Reihe. Seine Anhänger klatschen. Und die ersten Buhrufe sind zu hören. "Ein Parteitag ist auch ein Ort der Begegnung", sagt er, "den kann man nutzen, um sich die Hand zu reichen." Das geht schief. "Erstens", so Lucke, "geht es mir um den Weckruf 2015." Jetzt wird gebuht. "Nicht die Weckrufler wollen spalten", versucht es der schmächtige Hamburger Wirtschaftsprofessor noch einmal. Doch es hilft nichts. "Weckruf raus, Weckruf raus", wird gerufen.

Frauke Petry, promovierte Chemikerin, muss jetzt nur noch die Nerven behalten. Sie ist betont sachlich, will in Zukunft "keine Angriffe unter der Gürtelline mehr" und sagt, dass es keinen Rechtsruck in der Partei gebe. "Deshalb soll man ihn nicht herbeireden."

Später handelt sich Lucke noch einmal laute Gegenreaktionen ein. Da wendet er sich gegen Marcus Pretzell, den Landeschef in Nordrhein-Westfalen. Pretzell, ein Intimfeind Luckes, will, dass die AfD "Pegida-Partei" ist. "Das haben wir nie irgendwo beschlossen", ruft der Noch-Vorsitzende.

So wie die Stimmung in der Gruga-Halle ist, scheint eine Abstimmung kaum mehr nötig. Knapp 60 Prozent werden es für Frauke Petry. Sie bedankt sich für das Vertrauen und wendet sich an Lucke. "Danke für das, was Du für die AfD geleistet hast", sagt sie, ohne den Gescheiterten anzusehen. Und schickt hinterher: "Du bleibst die Galionsfigur der Gründerzeit."

Zwei ältere Herren aus Norddeutschland sitzen erschöpft vor der Bühne auf einer Treppenstufe. "Ist doch alles erst zwei Jahre her", seufzt der eine. "Wir wollten alles anders machen. Und nun?" Nach der Wahl Petrys stehen die beiden sofort auf und verlassen den Saal. "Das war's für mich", hört man es brummen. Unklar bleibt, ob damit nur der Parteitag oder gleich auch die Mitgliedschaft gemeint ist.

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