Berlin / ANDRÉ BOCHOW  Uhr
Jahrzehntelang wanderten Menschen aus Ostdeutschland Richtung Westen ab. Nach Flucht- und Ausreisewellen kam nach 1990 die Arbeitsmigration. Nun melden Statistiker eine Trendwende.

"Der Osten wird zum Einwanderungsland." Das verspricht Kapitel zwei einer aktuellen Studie, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung am Dienstag vorgelegt hat. In der Untersuchung werden die Wanderungsbewegungen von und nach Ostdeutschland aufgezeigt. Die Daten sollen der Politik helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

2695 Gemeinden wurden laut dem Chef des Berlin-Institutes, Reiner Klingholz, untersucht. "Wir wollten wissen, wo ziehen die Menschen hin", sagt der Institutsdirektor. "Und wir wollten wissen, in welchem Alter die Menschen von A nach B ziehen." Nach dem "dramatischen Aderlass der vergangenen Jahrzehnte" sei nun "der Wanderungssaldo zwischen Ost und West praktisch ausgeglichen". Und Klingholz fügt fast beiläufig die Nachricht über eine kleine Sensation hinzu: "Es gibt sogar einen leichten Gewinn auf der Ostseite." Addiert man die Zuzüge aus dem Ausland zur Binnenwanderung, "dann kommt man auf ein Wanderungsplus für Ostdeutschland". Bei dieser Betrachtung ist übrigens Berlin, das auf die 4-Millionen-Grenze zugeht, ausgenommen.

Obwohl von 1990 bis 2011 etwa 1,8 Millionen Menschen den Osten verließen, und obwohl es sich bei diesen Auswanderern überwiegend um jüngere Menschen handelte, weshalb die Überalterung in Ostdeutschland größer ist als im Westen, sind auch Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen auf dem Wachstumspfad. Nur Thüringen und Sachsen-Anhalt verloren bis 2012 mehr Menschen als hinzukamen, wobei die Lage in Sachsen-Anhalt deutlich am schlechtesten ist. Nach dem Ende der DDR hat dieses Bundesland mehr als 20 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Aber inzwischen sind die Zahlen selbst dort leicht positiv.

Allerdings gibt es nicht nur Grund zur Freude. "Der generelle Trendwechsel ist nicht flächendeckend", sagt Klingholz. "Insgesamt profitieren nur 15 Prozent der ostdeutschen Gemeinden von dem Wanderungsplus. Allerdings leben dort 40 Prozent der Bevölkerung." Würde man Berlin hinzuzählen wäre der Prozentsatz noch deutlich höher.

Gewinner sind vor allem größere Städte - allen voran Leipzig und Jena. Aber auch Erfurt, Potsdam oder Dresden gehören in diese Riege. Frankfur, Suhl oder Dessau indes nicht. Umgekehrt bedeutet der Trend zur Stadt aber auch: "85 Prozent der ostdeutschen Kommunen verlieren nach wie vor Einwohner." Besonders kleine Orte mit bis zu 500 Einwohnern leiden unter Abwanderung. Klingholz meint: "Es gibt blühende Landschaften im Osten. Aber die finden sich im Grunde genommen in den Städten."

Alles in allem hat die Attraktivität Ostdeutschlands zugenommen. Das gilt für Bildungswanderer, die in die Universitätsstädte ziehen, aber auch für sogenannte Empty-Nest-Wanderer, die nach dem Auszug der Kinder noch einmal neu über den Lebensmittelpunkt nachdenken. Auch Familien, die einen Platz für sich suchen, sowie Ruheständler zieht es verstärkt in den Osten. Nur für die Berufswanderer wirkt das westdeutsche Arbeitsangebot nach wie vor überzeugender als das ostdeutsche. Doch auch das könnte sich nach Ansicht der Bevölkerungs-Wissenschaftler in Zukunft ändern.

Zu den Wachstumsregionen werden auch weiterhin Berlin und Brandenburg gehören. Ausgenommen von dieser Entwicklung bleiben vor allem die Prignitz und Frankfurt an der Oder.