Berlin / TIM BRAUNE, DPA  Uhr
Erst Mindestlohn, jetzt Managergehälter. Auch Union und FDP wollen sich vor der Bundestagswahl beim Thema soziale Gerechtigkeit profilieren. Doch rasche Lösungen wie in der Schweiz sind nicht in Sicht.

Es gibt Manager, die verdienen schon vor ihrem ersten Arbeitstag Millionen. Mit einem üppigen Begrüßungsgeld lockt sie der Aufsichtsrat. Und wenn sie Mist bauen, werden sie mit goldenem Handschlag und satten Boni vom Hof gejagt. "Das sind Totengräber der sozialen Marktwirtschaft", schimpfte Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) schon 2009 über Abzocker im Vorstandsrang.

Die Schweizer Bürger schieben diesen Exzessen nun einen Riegel vor. Auch in Deutschland kündigen viele Politiker mehr Kontrollrechte für Aktionäre an. Doch vorerst bleibt es dabei. 2009 hat sich Kanzlerin Angela Merkel auf eine SPD-Initiative gesprächsbereit gezeigt. Passiert ist seither nicht viel. Als Lehre aus der Finanzkrise 2008 wurden nur einige Gesetze zur Bankenregulierung beschlossen. Doch bei der Vergütung hat fast immer der Aufsichtsrat das letzte Wort.

Im Schnitt überwiesen die 30 Dax-Konzerne ihrem Spitzenpersonal 2011 pro Kopf und Jahr gut 3,14 Millionen Euro brutto. Das ist etwa das 54-Fache dessen, was ein Angestellter dieser Firmen im Schnitt verdient, fand die Schutzgemeinschaft für Wertpapapierbesitz (DSW) heraus. Spitzenreiter ist nach dieser Studie VW-Chef Martin Winterkorn, der 2011 rund 17,5 Millionen Euro kassierte. Ihm folgten Josef Ackermann (Deutsche Bank) mit 9,5, Daimler-Chef Dieter Zetsche mit knapp 8,8 und Siemens-Kollege Peter Löscher mit 8,7 Millionen Euro.

Nach heftiger Kritik reagierte nun der Aufsichtsrat von Europas größtem Autobauer am 22. Februar 2013 und begrenzte die Vergütung auf 14,5 Millionen Euro. Der VW-Boss meinte dazu selbst: "Bei allem Erfolg des Konzerns dürfen die Steigerungen nicht ins Uferlose weitergehen." Zetsche muss 2012 auf eine gute halbe Million verzichten und erhält rund 8,15 Millionen Euro. Zum Vergleich: Kanzlerin Merkel verdient 290 000 Euro im Jahr.

Reagiert hat aber nicht nur VW mit der Kürzung des variablen Gehaltsanteils für den Chef und seine Vorstandsmitglieder. Zahlreiche Unternehmen griffen die Kritik an exorbitanten jährlichen Bonuszahlungen auf und machen die von der mehrjährigen Entwicklung des Unternehmens abhängig. Ein Dax-Managergehalt ist im Schnitt zu 28 Prozent fix, die übrige Vergütung wird als Bonus bezahlt, wobei sich mehr Anteile (22 Prozent) an der Entwicklung des Aktienkurses orientieren.

Im Vergleich zu 2001 verdiente ein Dax-Vorstand 2011 dennoch 126 Prozent mehr. Das Einkommen betrug zu Beginn des Jahrhunderts im Schnitt 1,39 Millionen Euro.

DSW-Präsident Ulrich Hocker ordnet den Gehaltssprung der Manager allerdings ein. Er rechnet vor, dass die Gewinnausschüttung der 30 Aktiengesellschaften im gleichen Zeitraum von 10,4 auf 28 Milliarden Euro gestiegen ist. "Das macht ein Plus von 170 Prozent." Allen Aktionären liegt also der Erfolg eines Konzerns am Herzen. Allerdings müssten Gehälter bei "Gewinnrückgängen oder Verlusten entsprechend sinken". Hier müsse nachgebessert werden, so der Aktionärsschützer.

Versüßen lassen sich die Vorstände der Dax-Unternehmen auch den Ruhestand. Die Pensionsansprüche der Vorstandschefs beliefen sich laut DSW-Studie 2011 auf durchschnittliche 638 000 Euro pro Jahr - mit "beträchtlichen Abweichungen nach oben und unten". So erhält Siemenschef Peter Löscher jährlich 1,6 Millionen Euro, VW-Kollege Winterkorn 1,3 Millionen und dessen Stuttgarter Konkurrent Dieter Zetsche 1,05 Millionen Euro.

Prof. Gunther Friedl, Betriebswirtschaftler an der TU München und Mitautor der DSW-Studie, zieht aus der Debatte um die Top-Gehälter folgenden Schluss: Aufsichtsräte müssten sie ernst nehmen. Zwar machten die Zahlungen nur 0,33 Prozent der Personalaufwendungen der Dax-Unternehmen aus. Sie müssten auch wettbewerbsfähig sein und die richtigen Anreize setzen. "Die Vergütung darf aber auch das Gerechtigkeitsgefühl der Öffentlichkeit nicht verletzen." Freiwillige Obergrenzen könnten dazu genauso beitragen wie das Begrenzen der Einmalzahlungen beim Ausscheiden.

Das bei der Bundestagswahl das Thema soziale Gerechtigkeit eine wichtige Rolle spielen wird, ist wohl anzunehmen. Es könnte darüber entscheiden, ob Merkel das Kanzleramt verteidigen oder SPD-Herausforderer Peer Steinbrück dort einziehen kann. Union und FDP wollen der Opposition jedenfalls keine Angriffsfläche mehr bieten - das gilt beim Mindestlohn und nun auch bei den Managergehältern.

Schärfere Gesetze gegen Gehaltsexzesse wird es dennoch nicht geben. Die FDP will zwar aktiv werden, doch die Bundesregierung hat schon abgewunken und auf Brüssel verwiesen. Eine EU-Initiative sei besser als ein nationaler Alleingang. Auch wäre ein Gesetz bis zur Sommerpause zeitlich kaum noch machbar. Die EU-Kommission will bis Jahresende Vorschläge vorlegen, wie die Rechte der Aktionäre verändert werden können, um die Gehälter der Bosse zu deckeln.

Gerade hat sich die EU auf eine Bonus-Bremse verständigt, die Teil eines umfangreichen Pakets ist, um Europas Banken krisenfester zu machen. Der Bonus darf im Normalfall nicht höher sein als das Grundgehalt. In Ausnahmen können Topleute eine Prämie in doppelter Höhe des Grundgehalts bekommen. Dafür muss bei börsennotierten Instituten die Hauptversammlung Ja sagen.

Von US-Verhältnissen sind deutsche Unternehmenslenker übrigens weit entfernt. Die Vorstandschefs der Dow Jones-Konzerne beziehen im Schnitt 12,1 Millionen Euro. Extremer Ausreißer nach oben: Apple-Chef Tim Cook strich 2011 rund 271,5 Millionen Euro ein.