Zirkus Tödliche Elefantenattacke heizt Debatte über Tiere in Zirkussen an

Buchen / HANS GEORG FRANK 15.06.2015
Experten hatten "Baby" schon länger als gefährlich eingestuft. Jetzt hat die Elefantenkuh einen Mann im Odenwald getötet. Das einsame Tier aus einem Wanderzirkus wurde in einen Tierpark gebracht.

"Es ist ein Wunder, dass nicht noch mehr passiert ist", kommentiert der Zoologe Tobias Dornbusch den tödlichen Unfall von Buchen im Neckar-Odenwald-Kreis. Dort hatte am frühen Samstagmorgen die ausgebüxte Elefantenkuh "Baby" (34) den Spaziergänger Alexander H. (65) so schwer verletzt, dass der Notarzt ihm nicht mehr helfen konnte. Ein Quadfahrer hatte den Elefanten mit dem wehrlosen Opfer bei einem Sportplatz gesehen und die Polizei alarmiert. Das Revier liegt etwa 300 Meter entfernt, dazwischen hat der Wanderzirkus Luna seine Zelte aufgeschlagen.

Wie der Elefant aus dem mit einem Elektrozaun gesicherten Gehege entlaufen konnte, war von der Kriminalpolizei am Wochenende nicht zu klären. Für Pressesprecher Rainer Köller gibt es zwei Möglichkeiten: "Er wurde rausgelassen oder war nicht richtig eingesperrt." Weil es "Anhaltspunkte für eine Fremdeinwirkung" gebe, werde auch wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.

Alexander H., ein Spätaussiedler aus Kamen am Ob (Sibirien), lebte seit 2002 in Buchen. Wegen seiner Herzprobleme habe ihm der Hausarzt Spaziergänge empfohlen, erzählt Enkel Daniel kurz nach dem tragischen Tod des Opas. Jeden Morgen sei der gelernte Schlosser losgezogen, habe dabei auch Pfandflaschen aufgelesen. Als er am Samstag nicht zur üblichen Zeit zurückkam und sich die Oma große Sorgen machte, suchten ihn Daniel und sein Cousin Simon. Beim Sportplatz entdeckten sie das Großaufgebot an Polizei und Rettungskräften. Oma Natalia lief hin, konnte nur noch den bis dahin unbekannten Toten identifizieren. Der Elefant hatte ihren Mann mit dem Stoßzahn aufgespießt und mit dem Rüssel hochgehoben. Danach, weiß der Polizeisprecher, habe "Baby" weithin hörbar trompetet. Von einem Mitarbeiter des Zirkus Luna habe sich das Tier zurückbringen lassen. "Was den Dickhäuter so in Rage versetzte, ist unklar", sagt Polizeihauptkommissar Köller. Dass ihr Opa den Elefanten irgendwie gereizt haben könnte, ist für die Enkel unvorstellbar: "Er war ein ruhiger Mensch."

Dornbusch arbeitet für die European Elephant Group und kennt "Baby", die in der Manege als "Benjamin" Bälle wegkickt, aus eigener Anschauung. Er hat für Behörden in Baden-Württemberg, darunter ein nicht näher bezeichnetes Ministerium, im März eine Sozialprognose wegen der Einzelhaltung und im Mai ein Gutachten über die Haltungsbedingungen erstellt. Dafür hat der Wissenschaftler, der selber mit Elefanten gearbeitet hat, das seit 2000 allein lebende Zirkustier beobachtet. Den Besitzern habe er sich nicht zu erkennen gegeben: "Ich habe auf treudoof gemacht."

"Ein solches Tier kann man nicht sicherheitsgerecht halten", sagt Dornbusch. Für ihn völlig unverständlich ist, dass "Dickhäuter" auf Kinderfesten und Hochzeiten präsentiert werden. "Baby" musste Blumensträuße überreichen, trottete mit seinem Dompteur werbewirksam durch Gastspielorte.

Nicht immer scheint der Zirkus Herr der Lage gewesen zu sein. In Thalfingen bei Neu-Ulm blockierte "Baby" etwa 2010 das Bahngleis. In Buchen schickte die Polizei den Elefanten weg, weil er so auffällig graste, dass Autofahrer abgelenkt wurden. Dornbusch kennt 15 Ausbrüche von "Baby": "Das geht sehr schnell." Die Tierschutzorganisation Peta listet Unfälle mit diesem Elefanten auf: Einem Zwölfjährigen in Burladingen (Zollernalbkreis) bricht "Baby" im Oktober 2012 den Kiefer; einen Vater und dessen Sohn wirft sie im September 2010 in Leutkirch (Landkreis Ravensburg) vier Meter hoch, der Mann verliert eine Niere, das Kind erleidet einen Oberschenkelhalsbruch; im hessischen Melsungen erleidet im Zuge einer Attacke im August 2000 eine Mutter eine Gehirnerschütterung und ihr Kind einen Schock.

"Alle 50 Elefanten in deutschen Zirkussen sind tickende Zeitbomben", sagt Peter Höffken, Tierwildexperte von Peta. Dem Zirkus Luna attestiert er "eine lange Historie von Tierquälereien". Wegen "starker Verhaltensstörungen" sei "Baby" unberechenbar. Peta habe auch Behörden in Baden-Württemberg vor dem "plötzlichem Ausrasten" gewarnt: "Da kann es jederzeit zu einer Katastrophe kommen." Doch es sei nichts unternommen worden. Polizist Köller kennt keine Vorfälle, die ein Auftrittsverbot gerechtfertigt hätten.

"Wir wurden schon oft von Peta bedroht, die wollen uns den Elefanten wegnehmen", sagt Mirella Frank, Mitglied des Zirkusclans, der mit 50 Tieren und etwa 15 Artisten durch die Gegend zieht. Sie verdächtigt Tierschützer, dass sie "Baby" freigelassen hätten, "aber wir haben keinen Beweis". Für Höffken gehört diese Äußerung "zum Standardrepertoire der Zirkusbetriebe, wenn etwas passiert ist". Die Zirkusleute, angeblich "seit 1632" im Geschäft, sprechen ungern mit der Presse, sofern diese nicht über "gute Betreuung der Tiere und Einhaltung sämtlicher Auflagen" berichtet wie die "Badische Zeitung" am 1. Juli 2011. Aber auch Kontrolleure tun sich mitunter schwer. Im April 2004 sei eine staatliche Veterinärin in Süßenborn "von Zirkusmitarbeitern umringt und lautstark beschimpft" worden, meldete die "Thüringer Allgemeine".

Wolfram Borth (69) hat "Baby" vor der Tragödie gesehen: "Der Elefant war absolut friedfertig, hat in aller Ruhe gefressen." Dass das "liebe Tier" einen Menschen getötet hat, erstaunt den Rentner. Aber, sagt er dann, "einen Elefanten allein zu halten, ist nicht in Ordnung".

"Baby" hat jetzt Artgenossen als Gesellschaft statt Ponys und Hochlandrinder. Nach Informationen der SÜDWEST PRESSE ist der Elefant in den Safaripark Stukenbrock bei Bielefeld gebracht worden. Dort heißt es über die "sanften" Riesen auf der Homepage: "Sie sind feinfühliger als viele Menschen, zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Gedächtnis und einen ausgeprägten Familiensinn aus."

Dickhäuter brauchen Artgenossen

Vorschrift Die "Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben und ähnlichen Einrichtungen", erlassen vom Bundeslandwirtschaftsministerium, gelten seit 2000. Für die Unterbringung der als "gesellig" beschriebenen Elefanten heißt es: "Da es sich um sozial lebende Tiere handelt, dürfen Elefanten grundsätzlich nicht alleine gehalten werden."

Vorsicht Während eines Gastspiels müssen ein Stallzelt und ein Auslauf ("Paddock") zur Verfügung stehen. Die Unterbringung der Tiere in Stallzelten lasse es "in der Regel" nicht zu, die Tiere "unbeaufsichtigt ohne Ketten" zu halten. Vorgeschrieben sind zwei Ketten, "eine am Hinterbein und eine am entgegengesetzten Vorderbein oder am Hals". 

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