Am Tag, an dem aus dem Neonazi Thomas Richter der V-Mann „Corelli“ wird, liegt sein bisheriges Leben buchstäblich in Trümmern. Am Vortag hat er seinen 19. Geburtstag wild gefeiert, mit einer Rockband und 200 Freunden aus der Szene – doch gegen Mitternacht beginnt die betrunkene Meute, das Haus in Stücke zu schlagen. Fenster, Möbel, die Einrichtung – gegen fünf Uhr muss die Polizei anrücken. Und Thomas Richter hat ein Problem. Denn das Haus gehört einer zentralen Figur der rechtsextremen Szene der 90er Jahre: Meinolf Schönborn, Anführer der verbotenen „Nationalistischen Front“ (NF). Schönborn rastet aus, bedroht Richter, spricht von zehntausenden Euro Schulden.

Am Nachmittag desselben Tages im Oktober 1993 sitzt Thomas Richter bei der Polizei in Bielefeld und sagt, er wolle die Fronten wechseln. Zwei Jahre lang hatte er in der Detmolder NF-Zentrale bei Mentor Schönborn gewohnt, sich vom Handlanger zur festen Größe hochgedient. Nun liefert er seine Kameraden dem Verfassungsschutz ans Messer. In Razzien werden wenig später die NF-Strukturen zerschlagen. Es ist die Geburtsstunde des Spitzels „Corelli“, und für Jerzy Montag ist es ein Schlüsselmoment.

„Es hat mich bewegt, als ich das in Erfahrung brachte“, sagt Montag. „Sie müssen versuchen, sich in den Menschen hineinzuversetzen: Ein 19-jähriges Bürschlein, das in seinem Leben außer der rechtsextremen Szene nie etwas kennengelernt hat, geht zum Staat und sagt, er möchte auspacken, aussteigen aus der Szene, ein bürgerliches Leben führen.“ Doch die Geheimdienstler bieten dem 19-Jährigen nicht etwa ein Aussteigerprogramm an – sondern den Einstieg in ein Doppelleben im braunen Sumpf. Geld gegen Informationen, das sind die Regeln des Paktes, fast 20 Jahre lang, bis zum Tod. „Es hat sich nie jemand mit dem Ausstiegswunsch beschäftigt“, sagt Montag. „Es gab nur den Blick: Huch, das ist eine Quelle, die können wir ausbeuten.“

Der V-Mann „Corelli“ ist eine der schillerndsten Figuren in jenem Graufeld zwischen rechtsextremer Szene und Verfassungsschutz. Es gibt kaum jemanden, der mehr über ihn weiß als Jerzy Montag. Der ehemalige Grünen-Abgeordnete wurde im Herbst 2014 vom Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestags als Sonderermittler eingesetzt. Es gibt offene Fragen zu „Corelli“, und die Abgeordneten hätten gerne Antworten. Wusste „Corelli“ doch mehr über den NSU, als er zugab? Hat der Verfassungsschutz von ihm gelieferte Hinweise auf die Terrorzelle ignoriert? Welche Rolle spielte er beim Ku-Klux-Klan in Schwäbisch Hall? Der Spitzel selbst kann diese Fragen nicht mehr beantworten. „Als ich den Auftrag bekam, mich mit diesem Menschen zu beschäftigen, war er schon zwei Jahre tot“, sagt Montag.

Unter den merkwürdigen Todesfällen im Umfeld der NSU-Ermittlungen ist „Corelli“ der prominenteste. Im April 2014 starb er überraschend im Alter von nur 39 Jahren an einer „nicht erkannten Diabeteserkrankung“, wie die Obduktion ergab. Ein Tod unter staatlicher Obhut: Nach seiner Enttarnung 2012 war „Corelli“ in einem Schutzprogramm des Geheimdienstes untergebracht. Auch der Zeitpunkt des Todes löste Spekulationen aus: Kurz zuvor war eine CD aufgetaucht, die eine mögliche Verbindung „Corellis“ zum NSU darstellte. Nebenkläger im Münchner NSU-Prozess bereiteten bereits Anträge vor, um ihn als Zeugen vorladen zu lassen. Montag fand aber nichts, was Verdächtigungen nährte. „Es gibt keine Hinweise auf Fremdeinwirkung. Punkt. Mehr gibt es nicht zu sagen.“

Für seinen Bericht hat Montag vor allem Akten der Geheimdienste und Ermittler ausgewertet – und auch Gespräche mit Menschen geführt, die Thomas Richter kannten. Etwa sein langjähriger Arbeitgeber, ein Lederwarenhändler, der Richter kannte, seit er 16 war. „Der war sehr überrascht“, sagt Montag. „Vor mir hatte noch nie jemand mit ihm über Corelli gesprochen.“

Es sind die frühen Jahre im Leben des Thomas Richter, für die sich Montag besonders interessierte. „Kein Mensch wird als Rechtsradikaler geboren.“ Er sah einen Jungen, der 15 Jahre alt ist, als die Mauer fällt, der die Schule ohne Abschluss verlässt und im Wende-Chaos von seinen älteren Brüdern in die militante rechtsradikale Szene in Halle eingeführt wird. „Wo andere Jugendliche in den Fußballclub oder zum Tischtennis gegangen sind, war er wohl dabei, wenn man Linke verprügelte oder Asylbewerberheime angriff“, sagt Montag.

Nach dem Verrat an der NF wird „Corelli“ zu einer der ergiebigsten Quellen des Bundesverfassungsschutzes. Er besucht bundesweit Neonazi-Konzerte, Demos und Szene-Treffen, betreibt einen rechtsextremen Musikversand – und berichtet fleißig seinem V-Mann-Führer.

Vor allem im rasant wachsenden Internet wird „Corelli“ zur zentralen Figur – für beide Seiten. Bei den Neonazis ist der Autodidakt wegen seines technischen Know-Hows gefragt. „Für den Verfassungsschutz war er über viele Jahre eine wichtige Quelle, weil er ihm die Welt des rechtsradikalen Internet erschlossen hat“, sagt Montag. „Corelli hat bis zum Schluss massenweise Daten geliefert – oft mehr, als der Verfassungsschutz überhaupt verarbeiten konnte.“ Auch über den NSU? Heute wird dem Geheimdienst vorgeworfen, nicht alle Hinweise Corellis verwertet zu haben – darunter eine Propaganda-CD mit Aufschrift „NSU/NSDAP“ von 2005, die erst 2012 gefunden wurde. Zu Details hierzu wollte sich Montag gegenüber der SÜDWEST PRESSE nicht äußern – sein 300-seitiger Untersuchungsbericht ist geheim, eine Fassung für den Bundestag soll im Herbst veröffentlicht werden.

Wie nah kam „Corelli“ dem NSU? Nur eine Begegnung ist belegt: 1995 traf Thomas Richter bei der Bundeswehr Uwe Mundlos. Man tauschte Telefonnummern aus, „und am gleichen Tag hat Corelli den V-Mann-Führer angerufen und ihm davon erzählt“, sagt Montag. Später wurde Richters – dann schon veraltete – Nummer auf einer Kontaktliste von Mundlos gefunden. „Corelli“ hat in Vernehmungen stets jegliche Kenntnis über den NSU bestritten. „In Akten, die ich einsehen konnte, habe ich keinen Beweis fürs Gegenteil gefunden“, sagt Montag.

Konkreter belegt ist die Verwicklung „Corellis“ in den Ku-Klux-Klan. Achim Schmid aus Schwäbisch Hall hatte dem V-Mann in einem Internet-Chat erzählt, dass er vorhabe, einen Klan-Ableger zu gründen. Als „Corelli“ das den Verfassungsschutz-Leuten erzählt, wollen die, dass er mitmacht. „Da hat er gesagt, das sind religiöse Spinner, da hab’ ich keinen Bock drauf“, sagt Montag. Am Ende gehorcht er doch, nimmt an den Klan-Treffen teil, agiert sogar als Anwerber. Als baden-württembergische Polizisten beitreten, meldet „Corelli“ das sofort dem Geheimdienst. Ein doppeltes Spiel, bei dem unklar bleibt, wo seine wahre Loyalität liegt.

Wer war „Corelli“? Das ist Montag trotz allem nicht klar geworden. An die These vom aufrechten Demokraten, die Verfassungsschützer verbreiten, glaubt er nicht. „Er war ein überzeugter Rechtsextremer, der alles gegen Geld verraten hat.“ Wenn dennoch ein Weg raus aus der Szene für Thomas Richter möglich gewesen wäre, dann vielleicht an jenem schicksalhaften Tag nach seinem 19. Geburtstag. „Man hätte es versuchen müssen“, ist Montag überzeugt. „Hat der Verfassungsschutz nicht eigentlich die Aufgabe, solche Leute aus der Szene rauszuführen? Oder ist es ihm qua Auftrag egal, was aus den Menschen wird?“

In seinen Empfehlungen für den Bundestag hat er zwei Maßnahmen vorgeschlagen: Erstens solle für den Geheimdienst die Regel „Ausstieg geht vor Einstieg“ gelten. Und zweitens: keine Anwerbung von V-Leuten unter 25 Jahren. „Solange Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung nicht ausgeformt sind, sollte der Staat sich ihrer nicht bemächtigen.“

Zeugen sterben unter seltsamen Umständen

Melisa M. Sie ist 20 Jahre alt und die Ex-Freundin von Florian H.: Als Melisa M. Anfang März 2015 vor dem Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss aussagen muss, hat sie furchtbare Angst, fühlt sich bedroht. Der Ausschuss vernimmt sie nichtöffentlich. Melisa M. weiß nur wenig über die Verstrickungen ihres Ex-Freundes. Nur vier Wochen später ist die junge Frau aus Kraichtal (Kreis Karlsruhe) tot: Die Gerichtsmediziner machen eine Lungenembolie als Ursache aus. Melisa M. hatte sich kurz nach ihrer Aussage bei einem Motocross-Training am Knie verletzt. Trotz ärztlicher Vorsorgemaßnahmen habe sich ein Gerinnsel gelöst und sei in die Lungenarterien gewandert, geben die Ermittler bekannt. Kein Anzeichen für Fremdeinwirkung.

Florian H. Der 21-jährige Florian H. stirbt am Morgen des 16. September 2013 in einem brennenden Auto am Cannstatter Wasen. Wenige Stunden später wollten ihn LKA-Beamte eigentlich erneut zum Heilbronner Polizistenmord befragen. Der Grund: Bereits im Sommer 2011, vor Auffliegen des NSU, hatte H. gegenüber Bekannten geäußert, Rechtsextreme steckten hinter dem Polizistenmord. Auch den Begriff „NSU“ soll H. laut seinen Eltern verwendet haben. In der Nacht vor seinem Tod erreicht den Aussteiger aus Eppingen (Kreis Heilbronn) ein Anruf, der ihn verstört haben soll. Die Polizei geht von Selbstmord aus – die These wird durch Gutachten im Untersuchungsausschuss eher bekräftigt. Allerdings wird auch deutlich, dass die Polizeibeamten extrem schlampig gearbeitet haben, Beweise und Waffen im Wagen übersahen – und einer der beteiligten Beamten der Bruder eines ehemaligen Ku-Klux-Klan-Mitglieds ist. Mehrere Disziplinarverfahren laufen.

Arthur C. Der Fall Arthur C. weist Parallelen zu Florian H. auf: Auch der 18-jährige C. verbrannte in seinem Auto, am 25. Januar 2009, in einem Waldstück bei Heilbronn. C. taucht mehrfach in den Akten zum Heilbronner Polizistenmord auf: Ein Hinweisgeber im Gefängnis erzählte der Polizei, C. sei auf der Theresienwiese Zeuge eines Drogendeals gewesen und habe deshalb sterben müssen. Ein Phantombild, das nach Zeugenangaben angefertigt wurde, weist laut Akten „verblüffende Ähnlichkeit“ mit C. auf. Sein Tod gilt bei der Polizei bis heute nicht als Suizid – sondern als ungeklärt.