"Töte einen Mann nur, wenn Du das Weiße in seinen Augen sehen kannst." Markige Sätze wie dieser stammen aus der Zeit, in der die USA zum Staat wurden und - zumindest dem Ideal nach - Mann gegen Mann kämpfte. Heute ist mehr Distanz zum Gegner gefragt. Möglich machen es Drohnen. Seit 2004 starben allein in Pakistan je nach Quelle bis zu 3000 Menschen, zerfetzt von Raketen, die von diesen unbemannten Fluggeräten (UAV) abgefeuert wurden. Unklar ist, wie viele Opfer Kämpfer und wie viele Zivilisten waren. Der jüngste tödliche Angriff erfolgte Anfang September.

Gesehen haben sich Schütze und Opfer nie und sollen es auch nicht. Ziel dieses Drohnenkrieges, der unter dem US-Präsidenten George W. Bush begann und von seinem Nachfolger Barack Obama übernommen wurde, ist es, die eigenen Soldaten zu schonen und aus tausenden Kilometern Entfernung von einem Stützpunkt in den USA per Kamera und Joystick ohne jedes Risiko im Mittleren Osten zuzuschlagen.

Nun möchte auch Deutschland dem exklusiven Klub jener Staaten beitreten, die Drohnen im Kampf einsetzen - bisher tun das nur die USA und Israel. Zwar verfügt auch die Bundeswehr über Drohnen, allerdings nur zur Beobachtung des Feindes aus der Luft. Dazu sind in Afghanistan drei unbewaffnete Aufklärer israelischer Bauart im Einsatz. Der Leasingvertrag für diese "Heron1"-Drohnen läuft im Oktober 2014 aus. Doch künftig soll es ohnehin ein wenig mehr sein.

Der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Karl Müllner, stellte unlängst klar: "Drohnen müssen bewaffnet sein. Auf die Fähigkeit zu verzichten, halte ich nicht für gut." Sein Favorit ist angeblich die "Predator B"-Drohne des US-Herstellers General Atomics Aeronautical. "Predator B" - auch als "Reaper" (Sensenmann) bekannt - kann anders als das Vorgängermodell "Predator" (Raubtier) nicht nur Raketen abfeuern, sondern auch lasergelenkte Bomben abwerfen. Auch eine Aufrüstung der bewährten "Heron1" war schon im Gespräch.

Ein Luftwaffensprecher hält sich bedeckt: "Da sind wir ganz am Anfang." Es sei keinerlei Modellauswahl getroffen. Zudem gibt es Befürworter einer eigenen europäischen Drohne wie den Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses des Bundestages, Rainer Arnold (SPD). Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums räumt den möglichen Einstieg im Bereich der Kampfdrohnen ein, es würden "verschiedene Handlungsoptionen" geprüft. Eine mögliche Bewaffnung sei "Teil der Überlegungen". Angestoßen hatte die Debatte Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU), der die Zielgenauigkeit der Drohnen rühmte - was in der Theorie den Tod von Zivilisten verhindern soll. Allzu große Bedenken hat der Minister nicht: "Ethisch ist eine Waffe stets als neutral zu betrachten."

De Maizières Euphorie ist ebenso wenig neu wie die juristischen Bedenken gegen den Roboterkrieg. Als im Sommer 2010 bekannt wurde, dass deutsche Soldaten den US-Truppen in Afghanistan Ziellisten lieferten, aufgrund derer diese "gezielte Tötungen" durchführten, ließ das Verteidigungsministerium gestelzt wissen: Regierungstruppen dürften feindliche Kämpfer "gegebenenfalls auch außerhalb der Teilnahme an konkreten Feindseligkeiten . . . gezielt bekämpfen, was auch den Einsatz tödlich wirkender Gewalt einschließen kann".

Umstritten ist, ob es sich bei diesem "targeted killing" noch um Kriegshandlungen handelt, die völkerrechtlichen Regeln unterliegen, oder um Verbrecherjagd, für die Justizgrundrechte gelten - was Hinrichtungen ohne Prozess ausschließt. Dabei gehören gezielte Tötungen längst zur US-Kriegsführung, exekutiert meist von Drohnen. 7000 von ihnen sollen die USA über bis zu 12 000 Kilometer weit an ihre Zielorte schicken - Reichweiten, von denen die Piloten klassischer Kampfflugzeuge nur träumen können: Die F 16 hat einen Einsatzradius von bestenfalls 1600 Kilometern.

Angaben der Informationsstelle Militarisierung in Tübingen zufolge nutzen 40 bis 50 Staaten UAV zur Aufklärung. Russland, China, Indien, der Iran, Großbritannien, die Türkei, Frankreich und Deutschland wollen zudem UAV, mit denen Raketen abgeschossen werden können. Auf der gerade laufenden internationalen Luftfahrtausstellung in Berlin werden Drohnen selbstbewusst als "das derzeit dynamischste Segment der Luftfahrt" gepriesen: "Sei bereit für das Zeitalter der unbemannten Luftfahrzeuge."

Dass sich Deutschland diese Weltsicht schon lange zu eigen gemacht hat, zeigte 2009 die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen. Demnach hat die Bundesregierung seit 1997 dreistellige Millionenbeträge für mehr als 30 Studien zur Entwicklung unbemannter Luftfahrzeuge ausgegeben. Auftragnehmer waren unter anderem die einschlägig bekannten Rüstungsschmieden aus der Region um den Bodensee. In einer weiteren Anfrage vom April 2012 geht es um die Perspektive der Drohnen-Entwicklung bis 2025. Eine öffentliche Antwort bleibt die Regierung schuldig. Dies könnte für die "Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik Deutschland nachteilig sein".

Agnieszka Brugger, abrüstungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen, nennt die Anschaffung bewaffneter Drohnen "sicherheitspolitisch und moralisch höchst problematisch. Schwarz-Gelb setzt blind auf neue Waffensysteme, ohne die Auswirkungen auf die Kriegsführung und den Einsatz von Gewalt überhaupt zu diskutieren." Jan van Aken, Bundestagsabgeordneter der Linken: "Eine Bewaffnung von Drohnen lehnen wir ab, denn sie werden ganz sicher die Hemmschwelle zum Einsatz tödlicher Gewalt senken." Und selbst im unverhohlen patriotischen Bundeswehr-Reservistenmagazin "Loyal" ist von "unbemannten Mordmaschinen" die Rede, verbunden mit der Frage, ob die Drohnen der Nato "am Ende nicht mehr Schaden zufügen als Nutzen bringen".