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Europawahl
Seeg / Matthias Stelzer

Krawatte muss sein. Auch wenn Theo Waigel daheim in Seeg im Allgäu empfängt. Dort, wo die Uhrzeiger etwas langsamer zu laufen scheinen, verbringt er das vitale Leben eines ehemaligen Spitzenpolitikers. Wir trafen ihn zu einem anregenden Gespräch – umgeben von den Siegespokalen seiner Frau, der ehemaligen Weltklasse-Skifahrerin Irene Epple-Waigel.

Herr Waigel, Sie haben zu Ihrem 80. Geburtstag Erinnerungen aufgeschrieben. Der Titel „Ehrlichkeit ist eine Währung“ ist eine Steilvorlage für die Interview-Eröffnung. Machen Sie sich doch mal ehrlich, was bewegt Sie aktuell?

Theo Waigel: Ich mache mir keine so großen Sorgen über die Zukunft. Denn ich behaupte, wir haben noch nie in einer so lebenswerten Zeit gelebt wie heute. Ich sehe die Herausforderungen vielleicht stärker als die meisten um mich herum. Nur ich sage denen immer, ja glaubt doch nicht, dass das früher besser war. Komme mir, einem der im Jahr 1939 geboren ist, doch niemand mit der guten alten Zeit. Wann soll die denn gewesen sein? War sie vielleicht von der Jahrhundertwende bis 1914? War sie von 1918 bis 1945? War sie von 1945 bis Mitte der 50er-Jahre?

Dennoch machen sich viele Menschen Sorgen um dieses Europa.

Mir gefallen manche Leute in Polen, in Ungarn oder in der Türkei nicht. Aber wann hat es das je gegeben, dass Deutschland umgeben war von friedfertigen Nachbarn, von Partnern und zum Teil von Freunden. Nicht alle lieben uns, aber Partner sind sie allemal. Die Verantwortung Deutschlands und seine Rolle in Europa waren noch nie so wichtig in den letzten 150 Jahren.

Sie spannen einen großen Bogen. Wie sieht es aus, wenn sie einen Fokus auf die vergangenen ein, zwei Jahrzehnte legen?

Da kann ich Ihnen nur sagen, die Krisen, die wir in den 90er Jahren hatten, waren mindestens genauso groß. Damals war auch schon die Rede von der Eurosklerose. Die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Währung hat mehr als 20 Jahre gedauert. Damit bagatellisiere ich nicht, ich sag bloß: Man soll nicht mit einem nostalgisch verklärten Blick in die Vergangenheit schauen.

Und der Brexit?

Dass Großbritannien jetzt raus will aus der EU, finde ich zutiefst bedauerlich. Eine grandiose Fehlentscheidung britischer Politiker, für die das ganze Land büßen muss. Ein Jammer, dass die junge Generation da nicht zum Referendum gegangen ist.

In Europa sind Wahlen. Was sagen Sie als „Mr. Euro“ jungen Leuten?

Erstens würde ich den Jungen sagen, wenn ihr nicht dabei seid, werden sich die Alten gegen euch entscheiden. Wir können auf Dauer nur existieren, wenn wir eine Freundschaft zwischen den Generationen haben. Auf europäischer Ebene. Kein Land allein wäre in der Lage, sich gegenüber Amerika oder China durchzusetzen.

Das heißt, bei der Europawahl Parteien stärken, die für diese europäische Integration stehen?

So ist es. Ich stehe natürlich für meine eigene Partei, aber ich freue mich über jeden Europäer. Und bekämpfe in aller Entschiedenheit die Feinde Europas und die Feinde der Demokratie. Ich würde mir von der nationalen Politik wünschen, dass sie die Vorteile Europas stärker herausarbeitet. Ich höre von Landtags- und Bundestagsabgeordneten viel zu viel Kritik an Europa. Sie machen alles toll, und das Negative kommt aus Brüssel. Das ist mir zu billig. Für mich ist es etwas Großartiges, wenn ich das Grab meines Bruders in Niederbronn bei Straßburg besuchen kann, und der Weg von Kehl nach Straßburg genauso einfach ist wie der von Neu-Ulm nach Ulm. Deshalb sage ich der Jugend: Tretet ein für eure Zeit. Es ist eure Zeit.

Jetzt waren wir schon an der heimischen Brücke. Sie waren 26 Jahre lang Abgeordneter für Neu-Ulm.  Sind sie noch hier unterwegs?

Meine politische Heimat bleibt der Wahlkreis Neu-Ulm/Günzburg. Ich fühle mich hier immer noch wohl. Wenn ich durch Neu-Ulm oder Roggenburg fahre, kann ich sagen, da wäre einiges ohne mich nicht passiert. In Neu-Ulm haben wir eine Jahrhundertchance ergriffen. Die früheren Kasernenflächen bieten Behörden, der Hochschule und 1200 Wohnungen Platz. Die Tieferlegung der Bahn hat die Trennung von Neu-Ulm überwunden.

Inwieweit sind Sie bei der aktuellen Kommunalpolitik auf Ballhöhe?

Das verfolge ich natürlich.

Dann muss an dieser Stelle der Brexit- die Nuxit-Frage folgen. Was halten Sie von der Kreisfreiheit, die die Stadt Neu-Ulm anstrebt?

Da mache ich aus meiner Seele keine Mördergrube. Ich meine, was sich über Jahrzehnte bewährt hat, sollte man nicht auseinandernehmen. Ich würde es so lassen. Bei allem Respekt, aber auch mit dem Titel Große Kreisstadt kann man leben. Neu-Ulm hat sich fabelhaft entwickelt. Die Stadt braucht keine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber Ulm haben.

Neu-Ulm feiert heuer ihr 150-Jähriges. Nehmen Sie Anteil?

Ich weiß nicht ob ich eingeladen werde.

Jetzt, wo Sie sich gegen den Nuxit ausgesprochen haben.

Kann sein, dass eine Einladung ausbleibt. In meinem Alter fürchte ich Kritik nicht mehr. Wir haben ja schon darüber gesprochen, wie wichtig es ist, in größeren Zusammenhängen zu denken. Der Brexit müsste den Neu-Ulmern eigentlich ein warnendes Beispiel sein, nicht den gleichen Fehler zu machen.

Dann lassen Sie uns Rückschau auf Ihre Fehler nehmen. Gab es die?

Ja, klar. Also mir tut zum Beispiel jede Beleidigung, die ich zu Unrecht getätigt habe, leid. Und wo ich das gemerkt habe, habe ich mich entschuldigt. Feinde habe ich hoffentlich wenig. Dafür gibt es viele Freundschaften über die Parteigrenzen hinweg. So habe ich beispielsweise, so oft ich in Hamburg war, Helmut Schmidt besucht. Wenige Monate vor seinem Tod hat er mir einen Brief geschrieben: „Lieber Waigel, ich schreibe Ihnen ohne Anlass, will Ihnen nur meine Anhänglichkeit unter Beweis stellen. Es freut mich, in Ihnen einen Freund in Bayern zu haben.“ Das hat mich tief gerührt. Oder auch nach Loki Schmidts Tod. Da war ich bei ihm, und er war so traurig, hat geweint. Herrgott, das hat mir wehgetan.

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Über Helmut Kohl schreiben Sie, er sei einer der wichtigsten Menschen in Ihrem Leben.

Das ist die lange Zeit der Verlässlichkeit. Ich habe ihn nie bei einer unfairen Geschichte entdeckt. Einer, der in schwieriger Zeit zu mir und Irene gestanden ist. Dass er um die Früchte seines Politikerlebens gebracht wurde, ist sehr, sehr bitter. Alle anderen sind nach der aktiven Zeit durch die Welt gereist, haben Vorträge gehalten. Wenn ich denke, wie Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher das genossen haben.

Oder Theo Waigel?

Ich will mich nicht beklagen. Insofern ist das ein Riesenglück, wenn man mit 80 fit ist, noch laufen oder Fahrrad fahren und um die Welt jetten kann. Manchmal denke ich, ein bisschen weniger wäre mehr.

Mussten Sie sich nach der großen Politik die Selbstständigkeit zurück erobern?

Autofahren habe ich nie verlernt. Meine Frau und meine Kinder haben schon versucht, mich im Leben zu halten. Aber trotzdem, Sie haben Recht, zehn Jahre lang habe ich immer jemanden um mich gehabt. Ich musste nicht schauen, ob es im Flughafen links weggeht oder rechts. Aber es ist erlernbar, und ich habe mir gesagt, ich bin resozialisierbar. Sogar mit dem Computer komme ich zurecht.

Gibt es den schönsten Moment im Leben des Politikers Theo Waigel?

Ja, es gibt ein paar emotionale Momente. Der bewegendste war vielleicht, als mir der russische General Burlakow 1994 die Schlüssel der Garnison Karlshorst überreicht hat. Der ließ zum Abschied seine letzten Elitetruppen antreten, und die sangen auf Russisch und auf Deutsch das Lied „Deutschland, wir reichen Dir die Hand und kehren zurück ins Heimatland, die Heimat ist empfangsbereit, wir bleiben Freunde alle Zeit, auf Frieden, Freundschaft und Vertrauen wollen wir unsere Zukunft bauen.“ Da habe ich mir gedacht, was hätte mein gefallener Bruder gegeben, wenn er das erlebt hätte.

Sie sind ein gläubiger Mensch, dürfen wegen Ihrer Scheidung aber nicht zur Kommunion gehen. Wie stehen Sie dazu?

Diese Diskriminierung ist unerträglich. Da muss die Kirche eine Gewissensentscheidung respektieren. Damals gab es auch Pfarrer, die mir Vorwürfe gemacht haben. Ich habe mir das von keinem gefallen lassen. Aber, wenn man sich aus Rücksicht auf andere nicht richtig wehren kann, tut das schon weh. Das hinterlässt Narben.

Sie haben Ihren Humor dabei aber nicht verloren. Kann Theo Waigel  viel lachen?

Ja, das hoffe ich schon. Ich habe vor einiger Zeit in Kempten mit Gymnasiasten diskutiert. Am nächsten Tag lese ich in der Zeitung, auf die Journalisten-Frage „Wie fandet ihr den Waigel?“ ein Schülerstatement: „Geiler alter Knacker, schade, dass er weg ist vom Fenster.“ Darüber kann ich herzlich lachen.

Sie sind ja auch Träger des „Orden wider den tierischen Ernst“ und der „Dinosaurier des Jahres 1997“.

Erstaunlich, dass ich damals schon ein Dinosaurier war. Aber den Dino haben wir noch. Er wird im Keller in Ehren gehalten.

Zu Ihrer Ehrenrettung: Sie haben auch das Bundesverdienstkreuz. Was bedeutet Ihnen das?

Ich habe das Bundesverdienstkreuz nie getragen. Auch der Bayerische Verdienstorden ist in der Vitrine. Ich bin nicht gegen Orden. Ich bin bloß der Meinung, sie sollten Menschen gegeben werden, die über ihre Pflicht hinaus etwas Besonderes gemacht haben. Also im Ehrenamt. Politiker brauchen keine Orden.

Als Ehrenvorsitzender sprechen Sie in Ihrem Buch Empfehlungen für die CSU aus. Sie finden es falsch, die „rechte Flanke“ zu besetzen und warnen davor, sich gegen den Bund zu profilieren.

Bayern muss sich schon profilieren, muss aber immer wissen, dass es zum Bund gehört. Warum kommt jetzt bei Umfragen die CSU im Hinblick auf die Europawahl wieder über 40 Prozent? Weil zwischen CDU und CSU ein vernünftiges Miteinander herrscht. Man hätte sich in den letzten drei Jahren manches sparen können. Es war auch sicher richtig, der Bundeskanzlerin zu sagen, es genügt nicht,  „Das schaffen wir“ zu rufen. Aber es dann in einer Konfrontations-Strategie zu tun, die dazu führt, dass wir schwächer werden und Grüne oder AfD wachsen, das war nicht zielführend. Das habe ich mir erlaubt, öffentlich zu sagen. Ich verbiege mich da nicht.

Herr Waigel, jetzt habe ich Ihre Augenbrauen gar nicht erwähnt.

Nur Mut. Der Prolog meiner Erinnerungen trägt den Titel „Die Augenbraue“. Ich bin mit meinem Markenzeichen im Reinen.

Theo Waigel und seine Erinnerungen

Vita: Theo Waigel wurde am 22. April 1939 in Oberrohr (bei Krumbach) geboren. Sein älterer Bruder fiel 1944 mit 18 Jahren. Nach einem Jurastudium wurde er 1972 Bundestagsabgeordneter. Von 1989 bis 1998 war Waigel Finanzminister. Er ist Namensgeber des Euro. Seit Juli 2009 ist Theo Waigel Ehrenvorsitzender der CSU. Von 1966 bis 1993 war er mit der Volkswirtin Karin Waigel verheiratet, mit der er zwei Kinder hat. In zweiter Ehe ist er seit November 1994 mit der ehemaligen Skirennläuferin Irene Epple-Waigel verheiratet und hat mit ihr ein Kind.

Erinnerungen: Am 15. April ist Theo Waigels Autobiographie unter dem Titel „Ehrlichkeit ist eine Währung“ im Econ-Verlag erschienen.