„Danke, aber ich bin momentan total ausgebucht“, schreibt der in London lebende Terrorexperte Peter Neumann auf unsere Anfrage und schlägt einen sehr viel späteren Zeitpunkt vor. Doch kurz darauf  geht alles ganz schnell: „Können wir uns am Stuttgarter Flughafen treffen?“ Der begehrte Experte hat dort eine Stunde Aufenthalt, bevor er zu einem Vortrag weitereilt. Unser Treffpunkt: das Red Baron Café. Wo unser Gespräch stattgefunden hat, wird Neumann allenfalls twittern, wenn er die Landeshauptstadt längst  wieder verlassen hat. Denn immer wieder erhält auch sein Forschungsinstitut Drohungen. Das aber kann ihn nicht schrecken: „Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Anschlag ums Leben zu kommen“, sagt er, „ist nach wie vor sehr, sehr, sehr gering.“

Herr Professor Neumann, es gab Terror­anschläge in Paris, Brüssel, London, aber auch in Berlin, Ansbach und jetzt in Hamburg: Müssen wir uns daran gewöhnen?
Peter Neumann: Gewöhnen ist sicher nicht der richtige Ausdruck. Eine friedliebende Gesellschaft kann und sollte sich nicht daran gewöhnen, dass zwölfjährige Mädchen bei einem Popkonzert durch Terror sterben.

Das klingt nach einem Aber.
Ja, denn wir müssen uns darauf einstellen, dass das so weitergehen wird. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Politik und zuständige Behörden systematisch daran arbeiten, die Sicherheit zu erhöhen. Nicht auf 100 Prozent, was ohnehin nicht realistisch ist, sondern, sagen wir, von 60 auf 80 Prozent.

Wie oft wird uns dieser Terror heimsuchen?
Wir haben es mit sehr unterschiedlichen Arten zu tun. Zum einen gibt es die sehr komplexen und geplanten Anschläge wie in Paris und Brüssel, die von Mitgliedern des „Islamischen Staates“ mit einem konkreten Kampfauftrag durchgeführt werden. Zum anderen sind da die mehr oder weniger spontanen, vom IS inspirierten, aber nicht kontrollierten Angriffe. Vor allem mit dieser Art des Terrors müssen wir in Zukunft häufiger rechnen.

Was macht Sie da so sicher?
Dem IS gelingt es ganz offensichtlich, seinen Anhängern zu vermitteln, sie seien Teil einer großen Bewegung. Die Losung lautet: Macht es, wo ihr seid, und macht es, wie ihr könnt – mit einem Messer, einer Pistole oder einem Lkw.  Diese Strategie ist äußerst clever, denn es geht ja darum, unsere Gesellschaften zu terrorisieren, Menschen  in Angst und Schrecken zu versetzen, bei jedem Anschlag den Gedanken zu erzeugen „Das hätte auch ich sein können“. Das schafft man nicht, indem man an symbolträchtigen Orten zuschlägt oder Politiker tötet, sondern indem man Leute im Café, im Zug oder auf einem Popkonzert angreift.

Mit welchem Ziel agiert der IS?
Da gibt es einmal eine Art asymmetrische Kriegsführung: „Ihr greift uns in Mossul an, und wir töten euch in eurer Heimat.“ Damit will der IS eine Dynamik schaffen, in deren Verlauf die hiesige  Bevölkerung verlangt, sich nicht mehr am Kampf gegen den IS im Nahen und Mittleren Osten zu beteiligen. Ich glaube allerdings nicht, dass diese Strategie aufgehen wird.

Worum geht es noch?
Der IS will polarisieren, uns verrückt machen, unsere Gesellschaft spalten –  und setzt dabei auch auf die Reaktion der Populisten.

Was passiert, wenn sich diese Strategie als halbwegs wirksam erweist?
Das Misstrauen gegenüber Muslimen wird weiter wachsen, auf Dauer werden  sie derart marginalisiert, also ins Abseits gedrängt, dass sich der IS wesentlich leichter als heute tun wird, neue Kämpfer zu rekrutieren. Seine Botschaft lautet ja: „Ihr könnt als Muslime in einer westlichen Demokratie nicht gleichberechtigt existieren. Wenn ihr zu eurem Recht kommen wollt, müsst ihr mit uns kämpfen.“ Der IS versucht, eine Situation zu forcieren, in der sich Muslime entscheiden müssen: Bin ich Teil des Westens oder bin ich Muslim?

Wie erfolgreich ist der IS mit dem Versuch zu polarisieren?
In Frankreich ist er damit im Moment erfolgreicher als in Deutschland, immerhin ist dort vor kurzem eine Rechtspopulistin bis in die Stichwahl um das höchste Amt im Staat gelangt. Die Bilder, die der „Islamische Staat“ liefert, sollen diese Polarisierung noch verstärken.

Sie meinen die blutigen Anschläge, die Henker, die Enthauptungen.
Ja, sie sollen unsere Wahrnehmung verändern und den Eindruck erzeugen, diese Gräueltaten machten den Islam aus. Und es funktioniert ja auch, weil Rechtspopulisten das sofort aufgreifen und versuchen, den Islam als Ganzes an den Pranger zu stellen.

Was lässt sich dagegen tun?
Das Beste, was man tun kann, ist, nicht in diese Falle des IS zu tappen, sich also gegenüber Muslimen nicht anders zu verhalten als vor dem Erstarken des IS.

Lässt uns die Häufigkeit der Anschläge abstumpfen?
In gewisser Weise schon. Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015 mit zwölf Toten war viele Wochen das Topthema in den Medien, der Anschlag in Stockholm im April dieses Jahres mit fünf Toten war wenige Tage später schon wieder vergessen. Für den IS bedeutet das, dass der Terror nicht mehr das gewünschte Ziel erreicht.

Das heißt, so zynisch es klingt, je alltäglicher er wird, desto weniger wirkt er.
Das ist so, darf aber nicht heißen, dass wir diese Art des Terrors jemals hinnehmen. Gleichzeitig sollten wir uns immer wieder bewusst machen, dass die Zahl der Terrortoten hierzulande vergleichsweise gering ist. Man denke nur  an die tausenden Verkehrstoten pro Jahr. Die Gefahr, die von Terror ausgeht, ist nicht so sehr eine existenzielle, als vielmehr eine politische. Im schlimmsten Fall erlauben wir ihr, unsere freien Gesellschaften  zu verändern.

Wie sollten Politik und Sicherheitsbehörden reagieren? Das neue baden-württembergische Polizeigesetz sieht beispielsweise die Fußfessel für Gefährder vor.
Tatsache ist, dass nach jedem Anschlag eine neue politische Sau durchs Dorf getrieben wird, von der man sich die Lösung des Problems erhofft. Vieles davon ist purer Aktionismus. Die jetzt diskutierte automatische Gesichtserkennung ebenso wie die elektronische Fußfessel sind immer nur ein Teil der Lösung, aber kein Patentrezept. Durch beides weiß man, wo eine Person ist. Niemand wird auf diese Weise davon abgehalten, einen Terrorakt zu verüben.

Nach jedem Anschlag dreht die Politik an vielen kleinen Rädchen, vor allem die Überwachungsbefugnisse nehmen immer weiter zu.
An  öffentlichen Plätzen wie Flughäfen und Bahnhöfen ist meiner Ansicht nach die Videoüberwachung absolut angebracht. Was ich ablehne, ist eine Überwachung nach britischem Muster, wo jeder ständig überall gefilmt wird. Ich glaube auch nicht, dass eine demokratische Gesellschaft permanent im Ausnahmezustand existieren kann, wie es in Frankreich seit Charlie Hebdo der Fall ist. Man muss das alles sehr genau abwägen, wenn man unsere Freiheitsrechte nicht zu sehr einschränken will. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass unsere westlichen Gesellschaften besser mit der Terrorgefahr fertig werden als autoritäre Regime wie etwa Russland.

Wie lässt sich in Deutschland die Terrorabwehr verbessern?
Ich wünsche mir von der Politik mehr systematisches Handeln. Deshalb habe ich auch die Einladung von Herrn Laschet angenommen, in einer Kommission mitzuarbeiten, die die gesamte  Struktur des Sicherheitsapparates in Nordrhein-Westfalen durchforstet, Schwachstellen  benennt, um sie dann  zu beheben. Ein solches Vorgehen wünsche ich mir für ganz Deutschland. Dabei müsste es um den Datenaustausch zwischen den Bundesländern ebenso gehen wie  um eine bessere Zusammenarbeit auf europäischer Ebene. Das alles wird immer wieder gefordert, aber nicht umgesetzt.

Wie wichtig ist die Ursachenbekämpfung?
Junge Muslime radikalisieren sich, weil sie sich nicht als Teil unserer Gesellschaft begreifen, weil ihnen der Kampf  des IS in Syrien oder dem Irak lohnenswerter erscheint als ein Leben ohne Perspektive in dem Land, in dem sie geboren wurden. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass einer, der Mohammed heißt, in Deutschland aufgewachsen ist und einen deutschen Pass besitzt, auch als Deutscher akzeptiert wird, wenn er sich an unsere gesellschaftlichen Normen hält. Dieser Deal muss funktionieren.

In Baden-Württemberg ist vor wenigen Wochen zum ersten Mal der Ex-Dschihadist Ismail Issa in einer Schulklasse aufgetreten. Eine gute Idee?
Ismail Issa war in vielerlei Hinsicht ein typischer Rekrut des IS. Er hatte eine kriminelle Vorgeschichte, war ein Verlierer. Wenn so jemand seine Geschichte erzählt und damit eine Gegenwelt zur IS-Propaganda erschafft, ist das absolut positiv. Um Selbstmordattentäter zu werden, muss man 100-prozentig überzeugt sein. Wenn Issa es also schafft, nur
10 Prozent Zweifel zu säen, hat er seine Mission schon erfüllt.

Ein Blick in die Zukunft: Was erwartet uns im schlechtesten, was im besten Fall?
Schwer zu sagen, denn es gibt viele Unwägbarkeiten im Nahen und Mittleren Osten. Im Moment ist der IS in der Defensive. Im schlechtesten Fall wendet sich das Blatt wieder und den Dschihadisten gelingt ein großer Anschlag wie am 11. September 2001 oder ein verheerender Angriff mit chemischen Waffen auf Ziele in der westlichen Welt. Im besten Fall führt ein Sieg über den IS  im Irak und in Syrien zu einer Demoralisierung seiner Kämpfer. Gleichzeitig müssten unsere Sicherheitsbehörden so arbeiten, dass die Frequenz der Anschläge abnimmt. Aber, wie gesagt, ich glaube nicht an diesen besten Fall.

Sie sind einer der gefragtesten Terrorexperten. Wie schaffen Sie es abzuschalten?
Ich haben neben der Terrorforschung  noch andere berufliche Interessen, aber das sind auch deprimierende Themen wie etwa der Brexit oder Donald Trump. Nein, dieses Thema Terror ist unglaublich fesselnd, weil es so vielschichtig ist. Und dann habe ich natürlich noch ein Privatleben, mit einer Partnerin in London, das für einen Ausgleich sorgt.

Haben Sie selbst Angst vor einem Anschlag?
Nein. Natürlich erhalten wir an unserem Institut ab und zu Drohungen, haben aber gute Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Ansonsten versuche ich das, was ich anderen Leuten erzähle, auch selbst ernstzunehmen – nämlich, dass die Wahrscheinlichkeit, durch einen Terroranschlag ums Leben zu kommen, nach wie vor sehr, sehr, sehr gering ist. Sie und ich, die wir hier sitzen, werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eines anderen Todes sterben.

Forscher und Politikberater


Peter Neumann ist einer der weltweit profiliertesten Terrorismus-Experten. Der 42-jährige Politologe leitet das „International Centre for the Study of Radicalisation“ am King’s College in London, wo er und Kollegen früh empirisch zu westlichen Auslandskämpfern im Syrien-Konflikt forschten. Der gebürtige Würzburger beriet den UN-Sicherheitsrat und ist Sondergesandter der OSZE.