Gewalt Terror in Ansbach: Bombenanschlag platzt in Beamtenstadt-Idylle

Ansbach / KLAUS TSCHARNKE, dpa 26.07.2016
Am Sonntagabend explodiert im idyllischen Ansbach eine Bombe. Ein offenbar islamistisch motivierter Syrer sprengt sich in die Luft und verletzt 15 Menschen.
Diesen Sonntagabend wird Thomas Meister, zweiter Pfarrer der St. Gumbertus-Gemeinde, wohl nie vergessen: Er feiert mit Freunden im Pfarrgarten, als er kurz nach 22 Uhr  plötzlich hinter der hohen Gartenmauer einen lauten Knall  hört. Meister läuft los. Draußen, auf dem kleinen Platz am Hauptzugang zum Gelände des Musikfestivals „Open Ansbach“ stößt der Geistliche auf blutverschmierte Menschen. Die meisten hatten eben noch im kleinen Garten vor dem Lokal „Eugens Weinstube“ gemütlich beisammengesessen und der Musik der „Deutschpoeten“ Philipp Dittberner und Gregor Meyle gelauscht.

Anfangs spricht die Polizei von einer „Gasexplosion“. Doch noch in der Nacht wird klar, dass die kleine Beamtenstadt in Mittelfranken Ziel eines Bombenanschlags geworden ist. Ein Selbstmordattentäter, offenbar dschihadistisch motiviert, hat eine Rucksackbombe voller Metallteile gezündet. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Mann auf das Festivalgelände mit etwa 2000 Besuchern gelangt wäre. Doch er hatte keine Eintrittskarte, wurde am Eingang abgewiesen.

Auch so sind die Folgen verheerend. Fünfzehn Menschen werden verletzt, vier davon schwer. Der Attentäter, ein 27-jähriger Flüchtling aus Syrien, wird getötet. Er hat hier in einem Flüchtlingsheim gewohnt. Gestern übernahm die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen – wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, versuchten Mordes und anderer Straftaten. Es bestehe der Verdacht, dass der 27-Jährige als Mitglied der Terrormiliz IS gehandelt hat. Es sei auch zu klären, ob es Mittäter oder Hintermänner gab.

Der tote Attentäter war vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen. Im August 2014 hatte der Syrer einen Asylantrag gestellt. Doch im Laufe des Verfahrens seien frühere Registrierungen in anderen EU-Staaten festgestellt worden: Es habe einen Antrag in Bulgarien gegeben und später in Österreich, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Bulgarien habe mitgeteilt, dass der Mann dort Flüchtlingsschutz genoss.

In Deutschland sei sein Asylantrag mit Bescheid vom 2.?Dezember 2014 abgelehnt und die Abschiebung nach Bulgarien angeordnet worden. Doch im Rahmen eines Gerichtsverfahrens seien medizinische Atteste vorgelegt worden, die die psychische Labilität des Mannes untermauert hätten. Ab Februar 2015 soll der Mann eine Duldung gehabt haben, die mehrfach verlängert wurde. Die Abschiebeandrohung sei erst am 13. Juli dieses Jahres wieder aufgenommen worden. Laut Herrmann war der Mann vor kurzem erneut aufgefordert worden, Deutschland innerhalb von 30 Tagen Richtung Bulgarien zu verlassen.

Stattdessen sprengte er sich in die Luft. Es gibt noch viel zu ermitteln, aber schon gestern wurden immer mehr Details über den Attentäter bekannt. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) berichtet, auf einem Handy hätten Ermittler ein Video einer Anschlagsdrohung des Täters gefunden. Der Syrer kündige dort einen Racheakt an, als Vergeltung gegen Deutsche, weil sie angeblich Muslime umbrächten. Der Täter beziehe sich auf Abu Bakr al-Bagdadi, den Anführer des IS. „Ob der Täter selbst einen ‎unmittelbaren Kontakt zum IS hatte, das ist noch Gegenstand der Ermittlungen“, sagt Herrmann. Eine erste Auswertung habe auch ergeben, dass der Mann Gewaltvideos mit islamistischer Ausrichtung und salafistischem Inhalt hatte. Bei der Durchsuchung seiner Asylunterkunft sei eine Fülle von Materialien gefunden worden, die zum Bau weiterer Bomben geeignet gewesen wären, sagte Herrmann. Zum Glück war es nur eine Bombe, deren Wirkung ist schlimm genug. In der Nacht, Stunden nach der Explosion, befindet sich Ansbach in Schockstarre.

Menschen irren bis in die Morgenstunden in der Altstadt umher, diskutieren an den Flatterbändern, mit denen die Polizei das Gebiet um den Tatort abgesperrt hat, die Lage. Erst langsam sickert auch in den sozialen Netzwerken durch, dass die ohrenbetäubende Explosion am Westausgang des Festival-Geländes „Reitbahn“ nicht von einer defekten Gasflasche herrührte. Pfarrer Meister ist schockiert: „Einige waren am Arm verletzt, andere bluteten an den Beinen, einige hielten sich Kleidungsstücke auf blutende Kopfwunden“. Dann aber entschließt er sich, rasch zum Handeln. Er lotst Verletzte, die noch laufen können, zum Hintereingang der Kirche, später bringt er sie in ein nahes Stiftsgebäude der Gemeinde. Dort werden die von herumfliegenden Metallteilen verletzten Männer und Frauen notdürftig versorgt, bevor sie in umliegende Krankenhäuser gebracht werden. Unbeeindruckt von dem Polizei-Einsatz setzt derweil ein junger Mann unweit des Schlosses seine nächtliche Pokémon-Jagd fort. Es wirkt surreal, wie er mit seinem Smartphone die nächtliche Promenade nach Taschenmonstern absucht.„Ich lasse mir doch von einem solchen Idioten nicht den Spaß verderben“, sagt er. Er selbst sei zum Zeitpunkt des Anschlags wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt gewesen. „Da war plötzlich ein Riesenknall.“ Aber einen Reim habe er sich darauf zunächst auch nicht machen können. Wer denke schon in Ansbach an ein Bombenattentat?

Im Morgengrauen treffen an den weitläufigen Absperrungen rund um den Tatort ratlose und verunsicherte Passanten auf ebenso ratlose Polizisten. Zu den rund 200 Beamten, die am Abend aus ganz Bayern zusammengezogen wurden, gehören auch Uniformierte einer Polizeihundertschaft aus München. „Wir waren erst am Freitag und Samstag beim Amok­lauf im Olympia-Einkaufszentrum eingesetzt“, berichtet einer von ihnen. Erst in der Nacht zum Samstag hatte ein Amoklauf das öffentliche Leben in der bayerischen Landeshauptstadt München gelähmt, ein paar Tage zuvor ein junger Flüchtling mit einer Axt in einer Regionalbahn in Würzburg Schrecken unter der Bevölkerung verbreitet. Pfarrer Meister ist auch am Tag nach dem Anschlag noch zutiefst bestürzt, überrascht aber habe ihn das Attentat nicht: „Mir war bewusst, dass so was überall und immer passieren kann“, sagte der 50-Jährige. „Ich empfinde nur einfach eine große Dankbarkeit, dass meine 10, 15 und 18 Jahre alten Kinder zum Zeitpunkt der Explosion in Sicherheit waren.“
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