Tarifrunde 2018 Leitartikel zum Tarifjahr: Kampf um Flexibilität

Dieter Keller
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Dieter Keller 02.01.2018
Die Tarifrunde in diesem Jahr könnte hart werden. In der Metall- und Elektrobranche geht es um mehr Flexibilität für Arbeitnehmer.

Geld ist längst nicht alles – mehr denn je ist das die passende Überschrift für die Tarifrunden im neuen Jahr. Mehr Flexibilität ist Trumpf, und zwar insbesondere für die Arbeitnehmer. Sie profitieren vom schier endlosen Aufschwung in Deutschland, der Rekordbeschäftigung und dem zunehmenden Fachkräftemangel: Sie können immer öfter ihre eigenen Wünsche durchsetzen, statt sich nur nach ihrem Arbeitgeber zu richten.

Im finanziellen Bereich fällt die Bilanz des vergangenen Jahres positiv aus: Die Verdienste stiegen deutlich, laut Tarifvertrag im Schnitt um 2,3 Prozent und tatsächlich sogar noch etwas stärker, zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamts. Viele Arbeitnehmer haben mehr in der Tasche, auch wenn das Plus angesichts der auf 1,8 Prozent gestiegenen Inflation real niedriger ausfiel als in den Jahren zuvor. In Zeiten zunehmender Personalknappheit können viele mehr durchsetzen – solange sie eine gute Ausbildung haben und in der richtigen Branche arbeiten. Denn bei aller Freude über schöne Zuwächse sei nicht vergessen: Von ihnen profitieren längst nicht alle Branchen und Beschäftigte.

Im neuen Jahr verhandeln die Tarifpartner die Verträge für knapp zehn Millionen Arbeitnehmer. Das ist etwas weniger als noch 2017.  Die Runde startet mit der Metall- und Elektroindustrie, wo die Friedenspflicht schon zum Jahreswechsel ausgelaufen ist, also ab sofort zumindest Warnstreiks möglich sind. Im Februar folgen der Öffentliche Dienst bei Bund und Kommunen, im Sommer die Chemie und die Deutsche Bahn, um nur die wichtigsten Branchen zu nennen. Zumindest in einer droht ein harten Arbeitskampf, und diesmal sind es nicht die Lokführer.

Dass alle Gewerkschaften noch mehr herausholen wollen als in der letzten Runde, versteht sich angesichts der Rahmenbedingungen von selbst. Dabei klingt Verdi-Chef Frank Bsirske erstaunlich einfallslos, wenn er sechs Prozent mehr plus eine soziale Komponente verlangt. Da ist die IG Metall deutlich anspruchsvoller: Sie will für die Metall- und Elektroindustrie nicht nur einen gleich hohen prozentualen Lohnzuschlag, sondern auch das Recht für jeden Arbeitnehmer, die Arbeitszeit für zwei Jahre von 35 auf 28 Stunden zu reduzieren. Wer Kinder erzieht, Angehörige pflegt oder in Schicht arbeitet, soll einen teilweisen Lohnausgleich bekommen, finanziert von allen Beschäftigten.

Damit steuert ausgerechnet die größte Branche auf massive Streiks zu. Denn die Arbeitgeber wollen das um (fast) jeden Preis verhindern. Wie ein Kompromiss aussehen soll, bei dem beide Seiten ihr Gesicht wahren können, ist nicht absehbar. Ungewiss ist zudem, ob die Gewerkschaftsmitglieder bereit sind, für Forderungen zu kämpfen, die nur einem Teil von ihnen zugutekommen. Zumal Kindererziehung oder Altenpflege eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft sind und nicht nur der Arbeitnehmer.

Es wird also ein spannendes Tarifjahr mit ungewissem Ausgang und erheblichen Risiken – und das nicht nur für einzelne Branchen, sondern für das ganze Land.

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