Mal posieren die russischen Soldaten vor Assad-Plakaten, mal lachen sie in die Kamera, vor sich die Blechnäpfe mit ihrem Kasernenessen. In Damaskus sind russische Offiziere inzwischen bei allen Lagebesprechungen dabei. Im Hafen Tartus trafen zwei Schiffsladungen mit Panzerfahrzeugen und Geschützen ein, in der Assad-Hochburg Latakia eine mobile Kaserne für 1000 Mann. Auf dem Flugplatz errichten russische Techniker ein mobiles Flugkontrollzentrum, während gleichzeitig eine neue Landebahn für Großraumjets asphaltiert wird.

Seitdem hat sich der Ton zwischen Washington und Moskau wieder verschärft. Zweimal stellte US-Außenminister John Kerry bisher seinen Amtskollegen Sergei Lawrow zur Rede und warnte ihn vor einer „schweren Eskalation des Konflikts“. Vor allem riskiere Moskau mit seinem Aufmarsch eine Konfrontation mit der westlicharabischen Koalition gegen den IS, hieß es von amerikanischer Seite.

Erst kürzlich ist die Türkei der internationalen Waffenallianz gegen die Terrormiliz beigetreten. Auch Australien will demnächst Kampfbomber nach Syrien schicken. Die Franzosen starteten vergangene Woche mit Aufklärungsflügen, die Briten entscheiden im Oktober über ihren Einsatz. Moskau unterhält seit 1971 einen eigenen Stützpunkt in Tartus, den einzigen im gesamten Mittelmeer. Waffenhilfe für Syriens Diktator Baschar al-Assad hat Wladimir Putin während des gesamten Bürgerkriegs geleistet. Doch jetzt soll offenbar erstmals ein komplettes russisches Expeditionskorps mit modernstem Gerät nach Syrien verlegt werden. Der Kreml werde seine Militärpräsenz in den nächsten Monaten drastisch ausweiten, fürchtet das Pentagon.

Putin hat mehrere Motive, auch wenn er nach außen versichert, es gehe ihm nur um „eine internationale Koalition“ im Kampf gegen Terrorismus und Extremismus: Eine Eskalation auf dem syrischen Schlachtfeld mit modernsten russischen Waffen könnte noch viel mehr Menschen in Richtung Europa treiben, lautet offenbar sein zynisches Kalkül. Die EU ließe sich damit als Vergeltung für ihre Sanktionen im Ukraine-Konflikt in eine Art humanitäre und politische Dauerkrise stürzen. Schon jetzt irrt die Hälfte der 23 Millionen Syrer in der Welt herum. Fast die gesamte Zivilbevölkerung sei Opfer von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwersten Menschenrechtsverletzungen geworden, so die jüngste UN-Dokumentation zur Lage im Bürgerkrieg. Gleichzeitig könnten russische Jets den Kampf gegen den IS als Vorwand nutzen, um auch andere Rebellengruppen zu bombardieren und so Assads schwächelnde Kriegsmaschinerie zu entlasten.

Außerdem beunruhigt den Kreml die schnell wachsende Zahl von IS-Dschihadisten russischer Herkunft. Sie stellen nach Tunesien und Saudi-Arabien inzwischen das drittgrößte Ausländerkontingent in den Reihen der Terrormiliz. Diese Gewalttäter will Putin lieber direkt auf syrischem Boden bekämpfen, als zu warten, bis sie eines Tages nach Russland zurückkehren und dort weitermorden.

Nicht zuletzt dürften für Putins Militärpoker auch strategische Gründe eine Rolle spielen. Sollte es eines Tages zu einer Machtteilung zwischen Baath-Regime und Opposition in Damaskus kommen, wäre Moskau mit eigenen Truppen vor Ort, könnte einen Totalzerfall der syrischen Streitkräfte verhindern und die eigene Präsenz im Land sichern. Ein künftiges Restsyrien unter der Kontrolle einer Übergangsregierung bliebe nicht primär dem Einfluss von Iran und Hisbollah überlassen.

Trotz aller diplomatischer Wortgefechte: Sämtliche regionalen und internationalen Syrien-Kontrahenten eint inzwischen die Sorge vor einem chaotischen Zusammenbruch des Assad-Regimes und einem Genozid an der alawitischen Bevölkerung. Noch nie in dem viereinhalbjährigen Bürgerkrieg sind die IS-Gotteskrieger so nahe an das Zentrum von Damaskus herangerückt wie Anfang September.

Assads Streitkräfte dagegen sind überall auf dem Rückzug. Ohne die massiven Rüstungshilfen von Iran, Hisbollah und Russland hätte sie wahrscheinlich bereits kapitulieren müssen. So verteidigt der Kreml seine jüngsten Lieferungen auch mit dem Argument, man wolle nicht noch einmal eine Situation wie in Libyen erleben. In dem Mittelmeer-Anrainer existiert vier Jahre nach dem Sturz von Muammar Gaddafi keinerlei staatliche Ordnung mehr. Und selbst die eingeschworenen Assad-Gegner Saudi-Arabien, Türkei und Katar scheinen zu begreifen, dass nach einer abrupten militärischen Niederlage des Baath-Regimes die Lage in der Region erst richtig eskalieren könnte.

Mit oder ohne Assad – bei der konkreten Gestaltung einer politischen Übergangslösung sind die USA und Europa einerseits sowie Russland und Iran andererseits unverändert meilenweit voneinander entfernt. Alle Seiten hoffen nun, dass die UN-Vollversammlung Ende September in New York, auf der sich auch Wladimir Putin angesagt hat, neue Bewegung in die starren Fronten bringt.

Nach außen fordern die USA nach wie vor den Sturz des syrischen Diktators, der inzwischen mehr als 250.000 Tote auf dem Gewissen hat. Intern jedoch wachsen die Zweifel, ob das nicht auf der Stelle Massendesertionen, einen weiteren Megaexodus der Bevölkerung sowie einen Zusammenbruch des syrischen Reststaates auslösen könnte. Und dann stünden dem IS und Al-Kaida die Tore nach Damaskus endgültig offen.